Handwerk & Lokales

Vom Apfel bis zur Zahnpasta: Wie ein Landwirt das sterbende Dorf neu erfindet

(Sindringen/Baden-Württemberg) Zuerst ging die Post. Dann die Sparkasse. Dann der Metzger. Als schließlich auch der letzte Dorfladen in Sindringen schloss, war für viele ältere Menschen ohne Auto der nächste Supermarkt schlicht unerreichbar. Stefan Hartmann, Landwirt aus dem Ort, fand eine Antwort – und sie passt in 20 gebrauchte Automaten.


Sindringen ist ein Ortsteil von Forchtenberg im Hohenlohekreis, Baden-Württemberg. Knapp tausend Menschen leben hier, umgeben von Feldern und Wäldern. Was einmal selbstverständlich war – ein paar Schritte zum Laden, ein Schwätzchen an der Kasse, frisches Brot am Morgen – gehört zur Vergangenheit. Das Phänomen ist kein lokales. In ganz Deutschland verlieren ländliche Gemeinden Jahr für Jahr ihre Grundversorgung. Wer kein Auto hat, ist abgehängt. Stefan Hartmann hätte das hinnehmen können. Er tat es nicht.

Im Dorfladen bei Stefan Hartmann gibt es keine Snacks, sondern echte Lebensmittel und Dinge, die man im Leben so braucht. Bild Mclean.
Im Dorfladen bei Stefan Hartmann gibt es keine Snacks, sondern echte Lebensmittel und Dinge, die man im Leben so braucht. Bild Mclean.

20 Automaten, 230 Produkte, ein Dorf das aufatmet

Die Idee war pragmatisch: Hartmann kaufte 20 gebrauchte Lebensmittelautomaten günstig auf und stellte sie zusammen – zum sogenannten „Limescenter“. Ein vollautomatischer Dorfladen, ohne Personal, ohne Öffnungszeiten, ohne Wartezeit. Rund um die Uhr geöffnet.

Das Sortiment überrascht. Von Äpfeln bis Zahnpasta, von Grundnahrungsmitteln bis zu Hygieneartikeln – rund 230 Produkte stehen zur Wahl. Und ja: auch Kondome. Mehrere Sorten. Wer darüber schmunzelt, hat das Prinzip verstanden – ein echter Dorfladen hält eben vor, was gebraucht wird. Nicht was sich gut anfühlt.

Das Limescenter ist kein Luxusprojekt. Es ist eine Notlösung, die besser funktioniert als keine Lösung. Hartmann selbst räumt ein, dass es bislang kein wirtschaftlicher Erfolg ist. Die Automaten machen manchmal Probleme. Für ältere Menschen ist die Bedienung nicht immer einfach. Aber er macht weiter.

 

 

Wusstest du? In Deutschland haben laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft rund 10 Prozent aller Gemeinden keinen Lebensmittelladen mehr. Besonders betroffen sind kleine Ortschaften unter 500 Einwohnern. Die Zahl der Dörfer ohne Grundversorgung wächst jedes Jahr.

Eine Idee, die größer werden kann

Was Stefan Hartmann in Sindringen zeigt, ist mehr als eine lokale Lösung. Es ist ein Modell – kopierbar, skalierbar, anpassbar. Gebrauchte Automaten gibt es überall. Den Willen, ein Dorf nicht aufzugeben, auch.

Natürlich ist ein Automat kein Tante-Emma-Laden. Die Begegnung an der Kasse, das beiläufige Gespräch, das Gefühl von Gemeinschaft – das lässt sich nicht automatisieren. Aber vielleicht ist das Limescenter kein Endpunkt, sondern ein Anfang. Ein Zeichen dafür, dass Aufgeben keine Pflicht ist. Dass zwischen dem Sterben eines Dorfes und seiner Wiederbelebung manchmal nur eine gute Idee liegt.

Und ein Landwirt, der sie umsetzt.

Wusstest du? In Frankreich gibt es seit Jahren das Modell der „épicerie sociale“ – sozialer Dorfläden, die von Gemeinden, Vereinen oder Genossenschaften betrieben werden und Grundversorgung mit sozialer Begegnung verbinden. In Deutschland wächst die Zahl ähnlicher Initiativen – von Dorfläden in Genossenschaftsform bis zu mobilen Verkaufswagen.

 

Quellen

Volksstimme 2017. „Käse und Kondome für den Notfall“. [online] Verfügbar unter: https://www.volksstimme.de/deutschland-welt/wirtschaft/automaten-hofladen-kaese-und-kondome-fuer-den-notfall

Stimme.de 2016. „Automaten ersetzen Tante-Emma-Laden“. [online] Verfügbar unter: https://www.stimme.de/hohenlohe/nachrichten/Automaten-ersetzen-Tante-Emma-Laden;art1919,3725547

 

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