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Worldvision lässt mit FMNR-Methode Bäume wieder’erscheinen‘

(Maradi/Niger)  Ein australischer Agrarexperte hält 1983 an einem kargen Feldweg im Niger an  und entdeckt dabei eine Methode, die Jahrzehnte später Millionen Hektar verödetes Land verwandelt haben wird. Farmer Managed Natural Regeneration, kurz FMNR, ist heute in  über 27 Ländern  aktiv, kostet kaum Geld und verdoppelt nachweislich Ernteerträge. Das Prinzip: nicht pflanzen, sondern zuhören, was im Boden bereits wartet.

Tony Rinaudo. Bild Wiki.
Tony Rinaudo. Bild Wiki.

Tony Rinaudo arbeitet seit Jahren als Agrarexperte für die Missionsorganisation Serving in Mission im Niger, als er an jenem Nachmittag neben einem kargen Feldweg hält. Was ihm auffällt, ist unscheinbar: ein Baumstumpf, aus dem kleine grüne Blätter treiben. Kein Mensch hat hier gepflanzt. Kein Bewässerungssystem, kein Dünger. Und trotzdem: Leben. Rinaudo erkennt, was er sieht – und beginnt, Bauern in der Region davon zu überzeugen, ihre Felder mit anderen Augen zu betrachten.

Die Idee hinter FMNR ist so simpel, dass sie zunächst kaum jemand ernst nimmt: Bäume, die gerodet wurden, sind unterirdisch oft noch lebendig. Ihre Wurzelsysteme überdauern Jahrzehnte im Boden. Wer die austreibenden Schösslinge nicht wie üblich wegschneidet, sondern gezielt auswählt, beschneidet und schützt, bekommt innerhalb weniger Jahre ausgewachsene Bäume – ohne einen einzigen Setzling zu kaufen.

Was im Boden schlummert

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der FMNR-Forschung: Ein erheblicher Anteil der weltweit geschätzten 3,8 Milliarden Hektar degradierter Landwirtschaftsfläche wurde auf eine Weise gerodet, bei der die Baumwurzeln im Boden verblieben. Diese Wurzeln sind keine toten Überreste – sie sind ein schlafendes Potenzial.

Was FMNR von konventioneller Aufforstung unterscheidet, ist vor allem der Preis. Die Methode kann bis zu 36 Mal günstiger sein als herkömmliche Baumpflanzungen pro Hektar. In der Praxis bedeutet das: Wo eine konventionelle Aufforstung  bis zu 8.000 Dollar pro Hektar kostet, reichen bei FMNR oft 14 Dollar – und das nur für den Arbeitsaufwand, den die Bauern meist selbst leisten.

Die Wirkung auf den Boden setzt schnell ein. Baumreihen auf Feldern beschatten den Boden, reduzieren Verdunstung und bauen Humusschichten auf. Bestimmte Baumarten reichern den Boden mit Stickstoff an. Großangelegte unabhängige Studien haben bestätigt, dass der organische Anteil in den Böden gestiegen ist und die Ernteerträge der Bauern im Durchschnitt um etwa 50 Prozent zugenommen haben.

So funktioniert FMNR Schritt für Schritt

Die Methode ist in der Ausführung so simpel wie in der Wirkung überzeugend. Alles beginnt mit dem genauen Hinschauen: Welche Stümpfe und Wurzeln auf dem Feld treiben bereits aus? Welche Schösslinge sind kräftig genug, um gefördert zu werden?

Wer einen geeigneten Trieb gefunden hat, wählt pro Stumpf die zwei bis fünf stärksten Schösslinge aus und entfernt alle anderen. Diese Auswahl ist entscheidend: Die gesamte gespeicherte Energie des unterirdischen Wurzelsystems konzentriert sich nun auf wenige, ausgewählte Triebe – das beschleunigt das Wachstum erheblich.

Die jungen Äste werden in den ersten Jahren regelmäßig beschnitten, um eine gerade, stabile Form zu fördern. Gleichzeitig werden die Flächen vor freiweidenden Tieren geschützt, die Schösslinge sonst abfressen würden. Überschüssige Äste wandern nicht auf den Kompost – sie werden als Brenn- oder Bauholz genutzt und schaffen so direkt ein Zusatzeinkommen für die Bauern.

Nach etwa drei bis fünf Jahren  zeigt sich die volle Wirkung: Die Bäume beschatten den Boden, reduzieren Verdunstung, halten Feuchtigkeit und bauen Schicht für Schicht neue Humuserde auf. Bestimmte einheimische Baumarten fixieren zusätzlich Stickstoff im Boden – ein natürlicher Dünger, der die umliegenden Ernteflächen direkt bereichert.  Was einmal kahler, harter Boden war, wird zur Agroforstwirtschaft: Bäume und Felder in produktiver Gemeinschaft.

Wusstest du? In Niger sind auf rund 5 Millionen Hektar Land etwa 200 Millionen Bäume durch FMNR geschützt und bewirtschaftet worden – der Baumbestand hat sich dort stellenweise um das Zehn- bis Zwanzigfache erhöht.

Von Niger in die Welt

Was in einem Land begann, hat sich inzwischen weit über Afrika hinaus verbreitet. FMNR wird heute in über 27 Ländern praktiziert. Allein World Vision hat in den letzten zehn Jahren über eine Million Hektar Land regeneriert und damit mehr als 6 Millionen Menschen erreicht – durch verbesserte Ernteerträge und reduzierten Hunger.

Besonders eindrücklich ist das Beispiel Äthiopien: In der Region Humbo konnten Bauern trotz anhaltender Dürreperioden Lebensmittel an das UN-Welternährungsprogramm verkaufen – statt selbst auf Hilfe angewiesen zu sein. Das Humbo-Projekt hat zwischen 2005 und 2018 allein 181.650 Tonnen CO₂ netto aus der Atmosphäre gebunden.

In Kenia zeigt das Restore Africa Programme, wie die Methode auf Gemeindeebene funktioniert. Kleinbauer Beja Mwadzime Chiwaya aus dem Küstengebiet von Kwale County hat auf seinem Feld über 60 einheimische Bäume regeneriert und damit ein funktionierendes Agroforstsystem aufgebaut. Laut Rinaudo sei der Kommentar des Bauern schlicht: Er wolle, dass seine Generation den Wert von Bäumen verstehe und diese Arbeit fortsetze.

Rinaudo selbst, der 2018 mit dem Right Livelihood Award – dem sogenannten Alternativen Nobelpreis – ausgezeichnet wurde , formuliert den eigentlichen Kern der Methode nüchtern: Laut Rinaudo sei der Erfolg weniger eine Frage der Technik, sondern der Lösung sozialer und rechtlicher Probleme. Denn FMNR funktioniere nur dort dauerhaft, wo Bauern das rechtliche Recht haben, Bäume auf ihrem Land zu nutzen und zu schützen.

Wusstest du? US-Geologische Untersuchungen zeigen, dass heute elf Nationen von Senegal bis Äthiopien und südlich bis Malawi zusammen etwa 24 Millionen Hektar unter FMNR-Bewirtschaftung haben.


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Quellen

World Vision (2018): FMNR – Farmer Managed Natural Regeneration. Verfügbar unter: https://www.wvi.org/sites/default/files/2019-12/FMNR%20Publication%203Dec_Online_0.pdf

UN DESA (2023): Farmer Managed Natural Regeneration. Verfügbar unter: https://sdgs.un.org/partnerships/farmer-managed-natural-regeneration-fmnr-technique-effectively-combat-poverty-and

One Earth (2023): Case Study: Farmer Managed Natural Regeneration. Verfügbar unter: https://www.oneearth.org/case-study-10-farmer-managed-natural-regeneration-of-trees/

FMNR Hub (2024): Farmer Managed Natural Regeneration. Verfügbar unter: https://fmnrhub.com.au/

Right Livelihood Award (2018): Tony Rinaudo. Verfügbar unter: https://rightlivelihood.org/the-change-makers/find-a-laureate/tony-rinaudo/


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