Der Ort, wo der Müll abgegeben und vorsortiert wird und danach zum Produktin Retuna wird. ©Lina Östling
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ReTuna – das Einkaufszentrum, das ‚Müll‘ verkauft.

(Eskilstuna, Schweden) Rund 100 Kilometer westlich von Stockholm liegt eine Stadt, die die Idee des Einkaufens neu erfunden hat. In Eskilstuna gibt es seit August 2015 (retuna.se, o. J.) eine Mall, in der ausschliesslich Dinge verkauft werden, die jemand anderes loswerden wollte – repariert, upcycled, in neuem Leben. ReTuna Återbruksgalleria heisst das Projekt auf Schwedisch. Auf Deutsch könnte man sagen: die erste Recycling-Mall der Welt. Und sie ist nicht nur ein nettes Konzept – sie ist ein funktionierender Beweis, dass Kreislaufwirtschaft wirklich geht.

Retouren heisst hier, Müll wird zurück zur Nutzung gegeben. ©Lina Östling
Retouren heisst hier, Müll wird zurück zur Nutzung gegeben. ©Lina Östling

Die Idee, die hinter ReTuna steckt, ist bestechend einfach. Menschen bringen ihre alten Sachen zum Recyclinghof – und direkt nebenan, durch eine Wand getrennt, steht das Einkaufszentrum. Was beim Recyclinghof ankommt, wird gesichtet, sortiert und verteilt. Was noch brauchbar ist, geht in die Läden. Dort wird es repariert, umgestaltet, neu in Szene gesetzt – und verkauft. ReTuna hat 3.000 Quadratmeter Einkaufsfläche mit 14 Läden, darunter ein Sportgeschäft, ein Elektronikfachhandel, eine Modeboutique, ein Gartencentre und ein Spielzeuggeschäft.

Das Besondere ist nicht nur was verkauft wird, sondern wie das System aufgebaut ist. Es gibt keine Lücke, keinen Umweg, keine Verschwendung dazwischen. Im Depot der Mall, das «Returen» heisst, nehmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der städtischen Einheit AMA – zuständig für Aktivierung, Motivation und Arbeit – die abgegebenen Gegenstände entgegen und treffen eine erste Auswahl. Dann verteilen sie die Stücke an die Läden, deren Personal eine zweite Selektion vornimmt und entscheidet, was repariert, umgebaut, verfeinert und schliesslich verkauft wird.

Wusstest du? ReTuna verzeichnet im Durchschnitt über 700 Besucherinnen und Besucher pro Tag – und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von rund 1,8 Millionen US-Dollar.

Zahlen, die überzeugen

Die Skeptiker, die sagten, so etwas könne nicht wirtschaftlich funktionieren, haben eine klare Antwort bekommen. Im Jahr 2020 wurden bei ReTuna recycelte Produkte im Wert von 15,4 Millionen Schwedischen Kronen verkauft – ein Anstieg von fast 92 Prozent gegenüber dem Eröffnungsjahr.  Der Umsatz wuchs jedes Jahr. Was wie eine Alternative für Überzeugungstäter klingt, hat sich als stabiles Geschäftsmodell erwiesen.

Die Stärke von ReTuna liegt darin, dass nachhaltiges Einkaufen deutlich einfacher und zeitsparender wird. Secondhand-Läden gibt es überall auf der Welt – aber ReTuna ermöglicht es, das gesamte zirkuläre Einkaufen an einem Ort zu erledigen. Wer früher zwischen verschiedenen Flohmärkten und Secondhand-Läden jonglieren musste, findet hier Möbel, Elektronik, Mode, Spielzeug und Fahrräder unter einem Dach – in einer Atmosphäre, die bewusst nicht wie ein Flohmarkt aussehen soll.

Retuna das nachhaltige Einkaufszentrum, dass Produkte hat die vorher Müll waren. ©Lina Östling
Retuna das nachhaltige Einkaufszentrum, dass Produkte hat die vorher Müll waren. ©Lina Östling

Arbeit aus Abfall

ReTuna ist auch ein Sozialprojekt, das sich hinter keinem anderen Sozialprojekt verstecken muss. Das Einkaufszentrum hat über 50 neue Arbeitsplätze geschaffen. Die AMA-Mitarbeitenden, die im Depot sortieren, sind Menschen, die über kommunale Programme für Aktivierung und Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt beschäftigt werden. Wo früher Müll anfiel, entsteht heute Arbeit. Und wo Arbeit entsteht, entsteht auch Perspektive.

Retuna das nachhaltige Einkaufszentrum, dass Produkte hat die vorher Müll waren. ©Lina Östling
In Retuna wird Müll auch aufgearbeitet ©Lina Östling

ReTuna hat laut einem 2024 veröffentlichten Fallstudie zur Revitalisierung der gesamten Gemeinde Eskilstuna beigetragen, Eskilstuna als Vorzeigekommune für Nachhaltigkeit international bekannt zu machen. (Planetaid, 2025) Der grüne Wandel hat Eskilstuna auf die internationale Karte gebracht.

Wusstest du? Im selben Gebäude wie ReTuna führt die Eskilstuna Folkhögskola eine einjährige Ausbildung unter dem Namen «Recycle Design – Återbruk» durch. Kursteilnehmende lernen mit verschiedenen handwerklichen Techniken, Produkte aus bereits vorhandenen Ressourcen zu gestalten und zu verkaufen. 

Lernen, nicht nur kaufen

ReTuna versteht sich ausdrücklich nicht nur als Marktplatz. Veranstaltungen, Workshops, Vorlesungen, Thementage und weitere Bewusstseinsaktionen werden hier regelmässig organisiert – alle mit Fokus auf Nachhaltigkeit. Es gibt auch Konferenzräume, in denen klimabewusste Meetings abgehalten werden können, sowie das Café Returama mit Bio-Mittagessen und Backwaren.

Das Ziel dahinter ist klar: Wer einmal durch eine Recycling-Mall läuft, sieht Dinge anders. Ein Stuhl ist kein Abfall mehr, sondern ein Rohstoff. Eine Jacke ist nicht «gebraucht», sondern hat eine Geschichte. Konsumentinnen und Konsumenten werden hier beeinflusst durch die Einkaufsumgebung und die Ästhetik der wiederverwendeten Produkte.  Das ist Absicht – und es funktioniert.

ReTuna beweist, dass Kreislaufwirtschaft kein akademisches Konzept bleiben muss. Sie kann eine Adresse haben, eine Adresse mit Café, mit Umkleidekabinen, mit Fahrradreparatur – und mit täglich mehr als 700 Menschen, die kommen, um zu kaufen, was andere nicht mehr wollten.

Quellen

ReTuna Återbruksgalleria (o. J.): About us. retuna.se.

DISC EU (o. J.): ReTuna. disc-eu.org.

Circular City Funding Guide (o. J.): ReTuna – the world’s first recycling mall. circularcityfundingguide.eu.

Eskilstuna Folkhögskola (o. J.): Recycle Design – Återbruk. eskilstunafolkhogskola.nu.

Planet Aid (2025): ReTuna: Inside the World’s First Reuse Mall. planetaid.org.

Visit Eskilstuna (o. J.): ReTuna Recycling Mall. visiteskilstuna.se.


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