Berlin/Deutschland. Ein 14-Jähriger steht vor einer Gruppe Grundschulkinder in Neukölln und leitet eine Sportstunde. Er hat das Konzept selbst entwickelt, die Übungen ausgewählt, den Ablauf geplant. Niemand hat ihm gesagt, was er tun soll – nur wie. Das war KiezVorbilder. Das Projekt gibt es nicht mehr. Aber die Idee dahinter ist so gut, dass sie es verdient, nicht vergessen zu werden.
Kinder lernen durch Vorbilder. Was Ältere vormachen, wird nachgemacht – das ist keine pädagogische Theorie, sondern gelebte Realität in jedem Schulhof, jedem Kiez, jeder Familie. KiezVorbilder, ein Projekt des Berliner Vereins Nepia e.V., hat genau dieses Prinzip in eine Struktur gegossen.
Nepia e.V. – das steht für Netzwerk für Persönlichkeitsentwicklung in außerschulischen Aktivitäten – wurde 2014 gegründet, um ein Vakuum zu schließen, das Schulen in Neukölln allein nicht füllen konnten. Zusammen mit Partnerschulen in einem der sozialen Brennpunkte Berlins entstanden AGs in Werken, Informatik und Sport, ein spendenfinanziertes Feriencamp für über 60 Kinder mit Theater, Waldspiele, Akrobatik und naturwissenschaftlichen Experimenten – und immer mit demselben Ziel: Persönlichkeitsentwicklung, gesellschaftliche Teilhabe, Bildungsgerechtigkeit, Demokratiebildung (Nepia e.V. 2024).
Die Idee, die aus den Kindern selbst kam
KiezVorbilder entstand nicht am Schreibtisch. Ehemalige Teilnehmer der Gruppenangebote meldeten sich zurück – mit dem Wunsch, selbst Verantwortung zu übernehmen, selbst etwas zu leiten, selbst etwas weiterzugeben. Aus diesem Wunsch wurde ein Konzept.
Zwei Jugendliche wurden jeweils von einem erfahrenen Freiwilligen begleitet und leiteten wöchentlich ein Gruppenangebot an einer Neuköllner Grundschule. Das Besondere: Sie entwarfen das Konzept für ihre Stunden selbst. Was sie anboten, richtete sich nach ihren eigenen Interessen – Teamsport, Musik, Theater, Tanz, Kunst, Technik. Kein vorgegebenes Curriculum, kein Standardprogramm. Sondern echte Authenzität: Jugendliche, die zeigten, was sie können – und damit Kindern zeigten, was möglich ist.
Wusstest du? Peer-Learning – also das Lernen von Gleichaltrigen oder wenig Älteren – gilt in der Bildungsforschung als besonders wirksam. Kinder und Jugendliche nehmen Vorbilder aus ihrem direkten Umfeld oft stärker an als Erwachsene, weil die soziale Distanz geringer ist und die Identifikation leichter fällt.
Was aus dem Projekt wurde
KiezVorbilder existiert heute nicht mehr. Die Bilder sind verloren, die Projektseite offline. Was bleibt, sind die Jugendlichen, die damals vor diesen Grundschulklassen standen – und die Kinder, die ihnen zugeschaut haben.
Nepia e.V. arbeitet weiter in Neukölln. Die Grundidee – Teenager als Co-Leiter, Vorbilder aus dem eigenen Kiez, Persönlichkeitsentwicklung durch echte Verantwortung – ist nicht verschwunden. Sie wartet darauf, dass jemand sie wieder aufgreift. In Neukölln, oder anderswo.
Wusstest du? In Deutschland gelten rund 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen als von Armut bedroht. In Stadtteilen wie Berlin-Neukölln liegt dieser Anteil deutlich höher. Außerschulische Angebote, die kostenlos zugänglich sind und auf Stärken statt auf Defizite setzen, sind in diesen Kontexten keine Ergänzung – sie sind oft das Einzige, was wirkt.
Vielleicht inspiriert diese Geschichte jemanden, etwas Ähnliches zu starten. Ein paar Jugendliche, eine Schule, ein Freiwilliger der begleitet – mehr braucht es nicht, um anzufangen.
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Quellen
Nepia e.V. 2024. „Über uns – Nepia e.V. Berlin Neukölln“. [online] Verfügbar unter: https://www.nepia-ev.de/
Deutsches Jugendinstitut 2023. „Außerschulische Bildung und soziale Teilhabe“. [online] Verfügbar unter: https://www.dji.de/
Bundeszentrale für politische Bildung 2023. „Bildungsbenachteiligung in Deutschland“. [online] Verfügbar unter: https://www.bpb.de/