Großbritannien. Flüsse, die sich ihren eigenen Weg suchen. Wälder, die niemand gepflanzt hat. Biber, die Feuchtgebiete zurückbringen, ohne dass ein Mensch einen Finger rührt. Was utopisch klingt, ist das erklärte Ziel von Rewilding Britain – einer gemeinnützigen Organisation, die systematisch daran arbeitet, die Natur Großbritanniens sich selbst zurückzugeben.
Großbritannien gehört zu den naturärmsten Ländern der Welt. Jahrhunderte intensiver Landnutzung, Entwaldung und Trockenlegung von Feuchtgebieten haben eine Landschaft hinterlassen, die funktioniert – aber kaum noch lebt. Rewilding Britain stellt die Frage, ob das so bleiben muss. Und arbeitet, dezentral und ohne eigene Flächen, mit einem kleinen Remote-Team daran, dass es das nicht tut.
Die Antwort des Vereins ist keine romantische Rückkehr zur Urzeit. Es ist eine präzise, strategisch gedachte Vision mit konkreten Zielen: Mindestens fünf Prozent des Landes sollen als Kerngebiete für echte Rückverwilderung entwickelt werden. In mindestens 25 Prozent des Landes und der Meere sollen Maßnahmen zur Verbesserung der Natur durchgeführt werden. Und durch sogenannte Klimakorridore – vernetzte Lebensräume, die Kohlenstoff binden und Arten die Wanderung ermöglichen, wenn sich das Klima weiter verändert – soll das alles zusammenwachsen (Rewilding Britain 2024).
Was Rückverwilderung konkret bedeutet
Rewilding Britain arbeitet in vier Bereichen: Naturschutz, Forschung, Bildung und politische Interessenvertretung. Im Naturschutz geht es um die Wiederherstellung von Flussauen, Feuchtgebieten und Wildnisgebieten – und um die Wiederansiedlung von Arten, die einst heimisch waren. Aktiv gefördert wird dabei die Rückkehr von Bibern, Luchsen und Wildkatzen. Die Wiederansiedlung von Wölfen hingegen ist kein Teil der operativen Arbeit: Angesichts des fehlenden gesellschaftlichen Konsenses und des Widerstands der Weidewirtschaft schließt die Organisation das derzeit ausdrücklich aus (Rewilding Britain 2024).
Die Forschungsarbeit dient dazu, die Auswirkungen von Rewilding auf Ökosysteme und lokale Gemeinschaften zu verstehen – und daraus bessere Strategien zu entwickeln. Die Bildungsarbeit richtet sich an die breite Öffentlichkeit: Was bringt Rewilding? Wie funktioniert es? Was kann jeder einzelne Mensch dazu beitragen?
Wusstest du? Biber sind sogenannte Ökosystem-Ingenieure: Ihre Dämme verlangsamen den Wasserfluss, schaffen Feuchtgebiete, reduzieren Überschwemmungen flussabwärts und erhöhen die Artenvielfalt in einem Gebiet dramatisch – ganz ohne menschliches Eingreifen. In Großbritannien waren sie seit dem 16. Jahrhundert ausgestorben; heute leben wieder Hunderte.
Ein Netzwerk, das bereits Fahrt aufgenommen hat
Das Rewilding Network – einst als Zukunftsprojekt geplant – existiert längst. Im Jahr 2026 vernetzt es bereits über 1.000 aktive Mitglieder und Großprojekte quer durch Großbritannien: Landbesitzer, Naturschutzorganisationen, Gemeinden und Einzelpersonen, die auf ihren eigenen Flächen rewilden und sich gegenseitig unterstützen (Rewilding Britain 2024).
Wer mitmachen möchte, findet über die interaktive Netzwerk-Karte auf der Website Projekte in seiner Region – und kann sich dort direkt engagieren. Rewilding Britain selbst vermittelt keine eigenen Freiwilligen, koordiniert aber den Zugang zum gesamten Netzwerk. Wer lieber finanziell unterstützt, kann spenden. Und wer politisch aktiv werden will: Lokale Abgeordnete zu kontaktieren und auf das Thema aufmerksam zu machen, ist laut der Organisation einer der wirksamsten Beiträge, den Einzelpersonen leisten können.
Wusstest du? Großbritannien hat einen höheren Anteil an degradierten Moorlandschaften als fast jedes andere Land Europas. Intakte Moore sind jedoch einer der effektivsten natürlichen Kohlenstoffspeicher der Erde – und ihre Wiederherstellung gilt als eine der günstigsten Klimaschutzmaßnahmen, die es gibt.
Rückverwilderung ist kein Luxusprojekt für ländliche Gegenden. Es ist eine der wenigen Strategien, die gleichzeitig Artenvielfalt schützt, Kohlenstoff bindet, Wasserkreisläufe stabilisiert und Landschaften widerstandsfähiger gegen den Klimawandel macht. Rewilding Britain zeigt, dass der Anfang nicht groß sein muss – aber dass es einen Anfang braucht.
Alle Informationen und die interaktive Netzwerkkarte unter rewildingbritain.org.uk.
Melde dich für unseren Newsletter an und erhalte regelmäßig gute Ideen direkt in deine Inbox: https://guteideenblog.org/newsletter/
Quellen
Rewilding Britain 2024. „About Rewilding Britain“. [online] Verfügbar unter: https://www.rewildingbritain.org.uk/about/
Rewilding Britain 2024. „The Rewilding Network“. [online] Verfügbar unter: https://www.rewildingbritain.org.uk/rewilding-network/
RSPB 2023. „State of Nature Report UK“. [online] Verfügbar unter: https://www.rspb.org.uk/
IUCN 2023. „Rewilding – Definition and Global Context“. [online] Verfügbar unter: https://www.iucn.org/