Nachhaltigkeit & Umwelt

6.800 bedrohte Lebensmittel – die Arche des Geschmacks rettet traditionelle und selten gewordene Lebensmittel.

Bra/Italien. Ein Apfel, der nach Nelken duftet. Eine Gans, die nur noch auf wenigen Höfen Westfalens lebt. Ein Roggen, der seit Jahrhunderten auf Mecklenburger Feldern wächst und trotzdem fast verschwunden wäre. Sie alle sind Passagiere der Arche des Geschmacks – einem der größten Biodiversitätsprojekte der Welt. Wer isst, rettet. Das ist die Idee.

Die Welt isst immer mehr – aber immer weniger Verschiedenes. Industrielle Landwirtschaft, globalisierte Lieferketten und der Kostendruck des Marktes haben in wenigen Jahrzehnten eine kulinarische Monokultur geschaffen. Was nicht in Erntemaschinen passt, was kleine Früchte trägt oder aufwendig herzustellen ist, fällt durch das wirtschaftliche Raster – und verschwindet. Nicht dramatisch, nicht plötzlich. Einfach leise, weil niemand mehr danach fragt.

1996 rief Slow Food International die Arche des Geschmacks ins Leben. Heute verzeichnet der internationale Katalog knapp über 6.800 Passagiere aus aller Welt – Tiere, Pflanzen, Lebensmittel, Zubereitungen, die ohne aktiven Schutz schlicht aufhören würden zu existieren (Slow Food International 2026).

Was die Arche ist – und was sie nicht ist

Die Arche des Geschmacks ist kein Museum. Kein Archiv, das Dinge einfriert und unter Glas stellt. Ihr Motto ist konsequent: Essen, was man retten will. Denn was nicht gegessen wird, hat keine Nachfrage – und was nicht nachgefragt wird, wird nicht mehr hergestellt.

Damit ein Produkt aufgenommen wird, muss es mehrere Bedingungen erfüllen: einen einzigartigen, regionaltypischen Geschmack haben, kulturell verwurzelt sein und in seiner Existenz bedroht sein. Entscheidend dabei: Es muss ausdrücklich nicht in großen, kommerziell vermarktbaren Mengen vorhanden sein. Oft existieren Arche-Passagiere nur noch in Kleinstmengen – für den Eigenbedarf, den lokalen Tausch, eine Handvoll Erzeuger. Gentechnisch veränderte Produkte sind grundsätzlich ausgeschlossen (Slow Food International 2026).


Wusstest du? Der 5.000. Passagier der Arche des Geschmacks war der Honig von Tapoa aus Burkina Faso – hergestellt vom Stamm der Gurma in der gleichnamigen Region im Osten des Landes. Seine Aufnahme war auch ein Zeichen der Solidarität mit Produzentinnen und Produzenten, die trotz politischer Instabilität ihre Ernährungstraditionen bewahren.


Von der Lippegans bis zum Nelkenapfel

Wer sich durch den deutschen Teil des Katalogs liest, entdeckt eine Welt, die die meisten Menschen nie bewusst verloren haben – und doch vermissen würden, wenn sie wüssten, dass es sie gibt. Über 90 Passagiere sind in Deutschland inzwischen gelistet (Slow Food Deutschland 2026).

Darunter die Lippegans aus Westfalen, der Mecklenburger Marienroggen – und der Lausitzer Nelkenapfel, eine alte Apfelsorte aus Ostsachsen, die mindestens seit Mitte des 18. Jahrhunderts bekannt ist. Ihr kartierter Altbaumbestand in der Ursprungsregion ist dramatisch geschrumpft: Schätzungen gehen von weit unter 500 verbliebenen Exemplaren aus. Jungbäume werden inzwischen aktiv nachgepflanzt – aber das Original ist rar (Slow Food Deutschland 2026).

Ein anderes Beispiel zeigt, wie knapp der Verlust oft war: Die Alblinse von der Schwäbischen Alb galt als praktisch verschwunden – bis sie gezielt im Wawilow-Institut in St. Petersburg wiederentdeckt wurde. Heute ist sie Arche-Passagier und wieder auf der Schwäbischen Alb zu Hause.

In Österreich gehören mehrere Dutzend Lebensmittel zur Arche, darunter der Jauntaler Hadn, ein Buchweizen aus Kärnten mit Wurzeln in Zentralasien, und der Gelbe Spänling – eine honiggelbe Pflaume aus dem Oberkärntner Raum mit dezenter Mandelnote, die bereits 2021 als österreichisches Slow Food Presidio anerkannt wurde.


Wusstest du? Arche-Passagiere sind den regionalen Klima- und Bodenverhältnissen oft weit besser angepasst als moderne Hochleistungszüchtungen. Sie tragen damit zur Bodenfruchtbarkeit, zu lebendigen Kulturlandschaften und zum Erhalt traditionellen Wissens bei – Eigenschaften, die in Zeiten des Klimawandels wieder an Bedeutung gewinnen.


Was nach der Aufnahme passiert

Die Aufnahme in die Arche bedeutet keine direkte Finanzierung. Sie schafft Sichtbarkeit – durch Öffentlichkeitsarbeit, Platzierung auf Märkten und in der Gastronomie, durch Vernetzung der Erzeuger. In manchen Fällen führt sie zum nächsten Schritt: dem Slow Food Presidio, einem intensiveren Schutzprogramm, das Erzeuger direkt begleitet und Vermarktungsstrukturen aufbaut.

Weltweit gibt es inzwischen über 700 aktive Presidi-Projekte (Slow Food International 2026). Die Arche des Geschmacks ist damit nicht bloß eine Liste. Sie ist ein Versprechen – und eine Einladung. Wer beim Wochenmarkt nach alten Sorten fragt, wer einen Lausitzer Nelkenapfelsaft kauft oder beim Kochen bewusst auf regionale Spezialitäten achtet, der rettet mit. Nicht durch Verzicht – sondern durch Genuss.

Alle Arche-Passagiere weltweit und aus Deutschland finden sich im Katalog unter slowfood.de/arche-des-geschmacks.

 

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Quellen

Slow Food International 2026. „Ark of Taste – Global Catalogue“. [online] Verfügbar unter: https://www.fondazioneslowfood.com/en/ark-of-taste-slow-food/

Slow Food Deutschland 2026. „Arche des Geschmacks – deutsche Passagiere“. [online] Verfügbar unter: https://www.slowfood.de/arche-des-geschmacks/

Slow Food International 2026. „Slow Food Presidi – Weltweit“. [online] Verfügbar unter: https://www.fondazioneslowfood.com/en/slow-food-presidia/

Bundeszentrale für politische Bildung 2023. „Agrobiodiversität und Ernährungssicherheit“. [online] Verfügbar unter: https://www.bpb.de/