Bildung

Der Konrektor sagte Nein – heute begleitet Natalya Nepomnyashcha 3.000 junge Menschen auf ihrem Weg nach oben.

Berlin/Deutschland. Ein Schulamt in Augsburg, ein Test voller Stoff, den sie nie gelernt hatte, und ein Konrektor, der ihr sagte, sie gehöre nicht aufs Gymnasium. Natalya Nepomnyashcha ließ sich nicht aufhalten. Was sie daraus gemacht hat, ist kein Märchen – sondern ein Argument gegen ein System, das zu früh sortiert.

Es war 2001. Natalya kam mit ihrer Familie aus der Ukraine nach Deutschland, sprach kein Wort Deutsch, landete in einer Übergangsklasse in Augsburg, in der jeder seine Muttersprache sprach und echtes Deutschlernen kaum stattfand. Ihre Eltern hatten beide ihre Jobs verloren und lebten von Sozialhilfe. Beim Schulamt wurde Stoff abgefragt, den sie nie gesehen hatte. Das Ergebnis: Empfehlung für die Realschule. Nicht weil sie nicht konnte – sondern weil das System nicht sah, was sie konnte.

Dann kam der Konrektor eines Augsburger Gymnasiums, bei dem sie sich vorstellte. Er sagte ihr, sie gehöre nicht dorthin.

Sie ging trotzdem. Auf die Realschule zunächst – und von dort ihren eigenen Weg.

Eine Biografie als Gegenargument

Natalya machte eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin, die sie mit einem Notendurchschnitt von 1,0 abschloss. Danach folgte eine zweite Ausbildung zur Dolmetscherin und Übersetzerin, die in Großbritannien als Bachelor-Äquivalent anerkannt wurde. 2012 schloss sie ihren Master in Internationalen Beziehungen ab (Netzwerk Chancen 2024). Sie arbeitete sich durch verschiedene berufliche Stationen nach oben – zuletzt unter anderem bei EY, heute als Senior Policy Advisor im politischen Bereich in Berlin.

Mitten in dieser Karriere erkannte sie, dass die Hürden, die sie selbst überwunden hatte, für Tausende andere junge Menschen noch immer bestehen. Und dass das kein individuelles Problem ist, sondern ein strukturelles.


Wusstest du? Laut Daten des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung beginnen Kinder aus Akademikerfamilien weit häufiger ein Studium als Gleichaltrige aus nicht-akademischen Haushalten – der Unterschied beträgt je nach Erhebung mehr als 30 Prozentpunkte. Ein Befund, der sich nicht durch fehlende Intelligenz erklären lässt, sondern durch fehlende Strukturen.


Was das Netzwerk Chancen tut

2016 gründete Natalya das Netzwerk Chancen in Berlin – als gGmbH, per Satzung vollständig gemeinnützig ausgerichtet. Die ersten Jahre finanzierte sie es aus eigener Tasche, neben ihrem Vollzeitjob, mit einem kleinen ehrenamtlichen Team.

Das Ziel: Beschäftigung, Weiterbildung und Zugang zum Arbeitsmarkt für junge Erwachsene schaffen, die aus strukturschwachen Verhältnissen kommen. Heute zählt das Netzwerk rund zehn Mitarbeitende und zahlreiche Ehrenamtliche. Über 3.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden begleitet (Netzwerk Chancen 2024).

Das Angebot reicht von Mentoring- und Coaching-Programmen über Workshops bis hin zur direkten Vermittlung von Praktika und Arbeitgeberkontakten. Was das Programm von vielen anderen unterscheidet: Es beginnt nicht mit dem Lebenslauf. Es beginnt mit der Frage, was jemand wirklich kann, was ihm Freude macht, wo seine Stärken liegen – bevor es um Bewerbungen, Zeugnisse oder Noten geht.

„Es sei wichtig, sich zu vergegenwärtigen, was die eigenen Talente seien, was die eigenen Stärken seien, welche Jobs einem Spaß machten“, sagt Natalya über den Kern ihrer Arbeit. Zu den Förderern zählen die Nehring Stiftung, die Joachim Herz Stiftung und die Stiftung Bildung.Werte.Leben.


Wusstest du? Das deutsche Bildungssystem sortiert früher als fast jedes andere in Europa – in vielen Bundesländern bereits nach der vierten Klasse. Studien zeigen, dass dabei die soziale Herkunft eine größere Rolle spielt als die tatsächliche Leistung: Kinder aus akademischen Familien erhalten bei gleichen Noten häufiger eine Gymnasialempfehlung als Kinder aus nicht-akademischen Haushalten.


Lücken schließen, die das System lässt

Junge Menschen, die aus einem Umfeld kommen, in dem niemand weiß, wie ein Bewerbungsgespräch funktioniert, wie man netzwerkt oder welche Berufe überhaupt existieren, brauchen mehr als einen Kurs. Sie brauchen Menschen, die ihnen zeigen, dass der Weg möglich ist – und die ihn selbst gegangen sind.

Natalya ist einer dieser Menschen. Ihr eigener Weg ist lang, manchmal schmerzhaft, und an keiner Stelle selbstverständlich. Genau deshalb ist er überzeugend.

Mehr Informationen und Möglichkeiten zur Unterstützung unter netzwerk-chancen.org.

 

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Quellen

Netzwerk Chancen 2024. „Über uns – Netzwerk Chancen gGmbH“. [online] Verfügbar unter: https://www.netzwerk-chancen.de/

Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung 2023. „Soziale Ungleichheit im Bildungssystem“. [online] Verfügbar unter: https://www.dzhw.eu/

Bundeszentrale für politische Bildung 2023. „Bildungsungleichheit in Deutschland“. [online] Verfügbar unter: https://www.bpb.de/

Statistisches Bundesamt 2023. „Bildung und Kultur – Studierende an Hochschulen“. [online] Verfügbar unter: https://www.destatis.de/