Rheinau/Schweiz. Falscher Mehltau vernichtet Salaternte – und chemische Fungizide sind im Bioanbau keine Option. Die einzige Lösung: widerstandsfähige Sorten züchten. Das Problem: Dafür braucht man tausende Testgärten. Die Lösung: ein Citizen-Science-Netzwerk, das genau das möglich macht.
Wer Salat im Biogarten anbaut, kennt das Bild: weißlicher Belag auf den Blättern, gelbe Flecken, die Pflanze gibt auf. Falscher Mehltau ist eine der hartnäckigsten Pflanzenkrankheiten im Salatanbau – und für Biobetriebe besonders brutal, weil chemische Fungizide schlicht nicht erlaubt sind. Die einzige wirksame Kontrolle sind resistente oder tolerante Sorten. Doch die in moderne Sorten eingekreuzten Resistenzen halten selten lange: Der Pilz mutiert, die Resistenz bricht zusammen, das Spiel beginnt von vorn.
Sativa Rheinau, ein Biosaatgut-Unternehmen aus der Schweiz, hat deshalb einen anderen Weg eingeschlagen. Statt auf Resistenz setzen sie auf Toleranz – Sorten, die mit dem Pilz leben können, ohne einzubrechen. Und statt die Testarbeit allein zu stemmen, haben sie ein Netzwerk aufgebaut, das dieses Problem auf viele Schultern verteilt.
60 Salatlinien, tausende Gärten, ein Ziel
Das Citizen-Science-Projekt „Mit vereinten Gärten“ startete im Frühjahr 2021. Das Prinzip: Aus Kreuzungen alter widerstandsfähiger Sorten mit modernen Biosalatlinien entstanden rund 60 Testlinien. Diese müssen an möglichst vielen verschiedenen Standorten auf ihre Mehltau-Toleranz geprüft werden – unterschiedliche Böden, unterschiedliche Klimabedingungen, unterschiedliche Befallsdrücke. Das ist allein nicht realisierbar.
Mit einem Gartennetzwerk schon.
Pro Saison nehmen rund 1.000 bis 1.500 aktive Gärten in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Belgien und den Niederlanden teil (Mit vereinten Gärten 2024). Die Teilnehmenden bauen die Testlinien im Spätsommer an, bewerten den Mehltaubefall nach klaren Kriterien und melden ihre Ergebnisse zurück. Bewährt sich eine Linie zweimalig im Netzwerkversuch, kommt sie in den Praxistest bei Bio-Landwirten auf größeren Flächen – wo Erntefähigkeit, Reifehomogenität und Haltbarkeit am Feld geprüft werden.
Wusstest du? Falscher Mehltau beim Salat wird durch den Schaderreger Bremia lactucae verursacht – ein Pilz, der sich so schnell anpasst, dass neue Resistenzgene in Hochleistungssorten oft nur wenige Saisons wirken, bevor der Pilz sie überwindet. Toleranz statt Resistenz ist deshalb langfristig die stabilere Strategie.
Von der Idee zur Sorte – ein langer Weg
Der Weg von der ersten Kreuzung bis zur zugelassenen Sorte ist lang: fünf Jahre Vorzüchtung bei Sativa, zwei Testjahre im Netzwerk, ein bis zwei Praxisjahre bei Bio-Landwirten, dann die formale Anmeldung beim Bundessortenamt mit allen bürokratischen Prüfzyklen. Insgesamt rund acht Jahre Arbeit – für eine einzige neue Salatsorte.
Im Jahr 2026 sind die ersten partizipativ gezüchteten Sorten aus dem Netzwerk in der Markteinführung für den Erwerbsanbau angekommen (Mit vereinten Gärten 2024). Ein Meilenstein – nicht nur für Sativa und ProSpecieRara, die Schweizer NGO für seltene Kulturpflanzensorten, die das Projekt begleitet. Sondern auch für die tausenden Hobbygärtner*innen, deren Beobachtungen aus dem eigenen Beet direkt zu diesem Ergebnis beigetragen haben.
Wusstest du? ProSpecieRara – Mitträgerin des Projekts – bewahrt über 1.600 alte und seltene Kulturpflanzensorten und Nutztierrassen vor dem Verschwinden. Viele dieser alten Sorten tragen natürliche Toleranzen in sich, die in modernen Hochleistungssorten längst weggezüchtet wurden – und die für Projekte wie dieses unverzichtbar sind.
Mitmachen – mit vier Quadratmetern reicht es
Wer selbst teilnehmen möchte, braucht wenig: mindestens vier Quadratmeter freie Beetfläche, Freude am genauen Beobachten und die Bereitschaft, am Ende der Saison eine strukturierte Rückmeldung zu geben. Anmeldungen sind bis Mitte Mai möglich – das Saatgut kommt dann per Post.
Das Projekt zeigt, was Citizen Science leisten kann, wenn es ernst genommen wird: nicht als niedrigschwelliges Mitmachformat für gutes Gefühl, sondern als echter Beitrag zu wissenschaftlicher Arbeit, deren Ergebnisse am Ende auf dem Teller landen.
Alle Informationen und Anmeldung unter mit-vereinten-gaerten.org.
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Quellen
Mit vereinten Gärten 2024. „Das Projekt – Citizen Science für widerstandsfähigen Salat“. [online] Verfügbar unter: https://www.mit-vereinten-gaerten.org/
Sativa Rheinau AG 2024. „Biozüchtung und Saatgut“. [online] Verfügbar unter: https://www.sativa-rheinau.ch/
ProSpecieRara 2024. „Über ProSpecieRara – Sortenvielfalt erhalten“. [online] Verfügbar unter: https://www.prospecierara.ch/
Bundessortenamt 2023. „Sortenzulassung in Deutschland – Verfahren und Anforderungen“. [online] Verfügbar unter: https://www.bundessortenamt.de/