Zichow/Deutschland. Ein Weg, ein Feld, ein Seminarhaus – und mittendrin ein Stück Wald, das auf den ersten Blick kaum auffällt. Erst beim Näherkommen wird sichtbar, was hier seit März 2020 wächst: ein dichtes, lebendiges Ökosystem, das beweist, wie schnell Natur zurückkehren kann, wenn man ihr einfach Raum lässt.
Lukas Steingässer schrieb seine Bachelorarbeit über eine Methode, die er für zu gut hielt, um sie nur auf Papier zu lassen. Stefan Scharfe, Masterstudent an derselben Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, fand die Idee überzeugend genug zum Mitmachen. Was die beiden 2020 in der brandenburgischen Uckermark anlegten, war der erste Tiny Forest Brandenburgs – und eines der frühesten Projekte dieser Art in Deutschland überhaupt (ESKP 2020).
Das Konzept dahinter stammt vom japanischen Pflanzensoziologen Akira Miyawaki: dicht pflanzen, heimische Arten wählen, der Natur dann weitgehend freie Hand lassen. Drei bis vier Pflanzen pro Quadratmeter, statt der üblichen Abstände klassischer Aufforstungen. Die Pflanzen konkurrieren um Licht, Wasser und Nährstoffe – ein Wettbewerb, der das Wachstum beschleunigt und das System stabil macht (MIYA Forest o. J.).
33 Arten auf 800 Quadratmetern
Im März 2020 wurden auf dem Grundstück des Seminarhauses Uckermark rund 3.000 Pflanzen gesetzt. Geplant waren 27 heimische Arten – nach der Pflanzung zählte der junge Wald 33 Baumarten: Stieleiche, Hainbuche, Feldahorn, Hasel, Holunder, Wildrose, Schlehe, Vogelkirsche, Weißdorn, Sandbirke – allesamt für die Region typische Gehölze (Forstpraxis 2020).
Das Geld dafür kam nicht von Förderprogrammen oder Sponsoren, sondern aus einem Crowdfunding. Über 14.000 Euro kamen so zusammen (MIYA Forest o. J.). Die Organisation MIYA Forest & friends begleitete das Projekt fachlich, die Hochschule übernahm die wissenschaftliche Dokumentation.
Was dann folgte, überraschte selbst die Initiatoren. Bereits wenige Monate nach der Pflanzung wuchsen viele Bäume um mehr als einen halben Meter. Trotz eines heißen, trockenen Sommers überlebten rund 99 Prozent der Pflanzen – ein Wert, der für klassische Aufforstungen kaum erreichbar ist (MIYA Forest o. J.).
Wusstest du? Tiny Forests nach der Miyawaki-Methode können laut Konzept bis zu zehnmal schneller wachsen als konventionell angelegte Wälder – weil die extreme Dichte natürliche Waldprozesse imitiert und beschleunigt (MIYA Forest o. J.).
Mehr als Bäume pflanzen
Der Wald der Vielfalt ist kein Denkmal, sondern ein laufendes Experiment. Messinstrumente erfassen kontinuierlich Daten zu Boden, Wasser und Biodiversität. Welche Tiere kehren zurück? Wie verändert sich die Bodenstruktur? Wie stabil bleibt das System in Trockenperioden? Diese Fragen interessieren nicht nur die Wissenschaft – sie sind die eigentliche Substanz des Projekts (ESKP 2020).
Darin liegt ein Gedanke, der über Zichow hinausweist: Ein Tiny Forest ist kein Ersatz für große Wälder. Er ist eine Ergänzung – und ein Argument. Ein Argument dafür, dass auch kleine Flächen in städtischen Randbereichen, auf Schulgeländen oder Brachflächen ökologisch wertvoll sein können. Dass Aufforstung keine Jahrzehnte braucht, bevor sie Wirkung zeigt. Und dass eine Gruppe engagierter Menschen mit überschaubarem Budget etwas anlegen kann, das lange nach ihnen weiterlebt.
Wusstest du? Tiny Forests werden mit rund drei bis vier Pflanzen pro Quadratmeter bepflanzt – deutlich dichter als klassische Aufforstungen. Diese Dichte imitiert natürliche Waldränder und schafft von Anfang an ein komplexes Ökosystem mit verschiedenen Schichten: Bodendecker, Sträucher, Unter- und Oberstand (ESKP 2020).
Was in Zichow begann, lässt sich nicht eins zu eins kopieren – aber die Grundidee ist ortsunabhängig: eine kleine Fläche, heimische Arten, lokale Initiative, wissenschaftliche Begleitung. Manchmal reicht das.
Mehr zur Miyawaki-Methode und laufenden Projekten in Deutschland unter miya-forest.de.
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Quellen
ESKP 2020. Steingässer, L. & Scharfe, S. „Wald der Vielfalt – der erste Tiny Forest Brandenburgs“. [online] Verfügbar unter: https://www.eskp.de/klimawandel/wald-der-vielfalt-der-erste-tiny-forest-brandenburgs-9351092/
MIYA Forest o. J. „Wald der Vielfalt 2020“. [online] Verfügbar unter: https://www.miya-forest.de/wald-der-vielfalt-2020
Forstpraxis 2020. „Der erste Tiny Forest Deutschlands entsteht in der Uckermark“. [online] Verfügbar unter: https://www.forstpraxis.de/der-erste-tiny-forest-deutschlands-entsteht-in-der-uckermark/
Wikipedia o. J. „Akira Miyawaki“. [online] Verfügbar unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Akira_Miyawaki