(Sokyrnytsia/Paris) Es war ein Waldspaziergang in den Karpaten, der alles veränderte. Der 16-jährige Valentyn Frechka aus dem kleinen ukrainischen Dorf Sokyrnytsia schaute auf den Boden – auf das Laub, das jedes Jahr fällt, verrottet oder verbrannt wird – und stellte eine einzige Frage: Warum macht man daraus kein Papier? Sieben Jahre später ist aus diesem Schulprojekt ein preisgekröntes Unternehmen geworden, das beweist, dass die Lösung für eines der grössten Industrieprobleme der Welt buchstäblich vor unseren Füssen liegt.“
Die globale Papierindustrie gehört zu den ressourcenintensivsten Sektoren überhaupt. Sie verbraucht laut dem World Wildlife Fund 13 bis 15 Prozent des weltweit genutzten Holzes und nutzt zwischen 33 und 40 Prozent des gesamten industriell gehandelten Rohholzes (Nipo.gov.ua 2024). Gleichzeitig produzieren Städte jedes Jahr tausende Tonnen Laubabfall, der kompostiert, verbrannt oder aufwendig entsorgt wird. Valentyn Frechka sah in diesem Abfall einen Rohstoff.
Vom Klassenzimmer in die europäischen Märkte
Im Jahr 2017 widmete sich Frechka mit Hilfe seines Chemielehrers einem Schulprojekt für die Juniorakademie der Wissenschaften der Ukraine und entwickelte erstmals eine Methode, Zellulose aus Laub zu gewinnen. Nach vier Monaten Experimenten – zuerst in der elterlichen Küche, dann im Schullabor – präsentierte er Prototypen eines holzfreien Papiers, auf dem man schreiben, zeichnen und drucken konnte (News-Decoder o. J.).

Innerhalb von drei Jahren stand er auf der Forbes-Ukraine-Liste «30 Under 30». Im Jahr 2021 gründete er gemeinsam mit dem Unternehmer Oleksandr Sobolenko das Unternehmen Releaf Paper, das kurz darauf Unterstützung vom WWF und dem Google Fund for Startups erhielt (EBRD 2025).
Der nächste Schritt kam 2022 – und war zugleich ein schmerzhafter. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verlegte Frechka seinen Schwerpunkt nach Frankreich, während die Produktion weiterhin in der Ukraine ausgelagert blieb. «Unsere Subunternehmer sind so tapfer und beständig. Sie produzieren weiterhin und unterstützen uns», sagt Frechka (Packaging Insights 2024).
Wusstest du?
Beim Europäischen Erfinderpreis 2024 des Europäischen Patentamts sicherte sich Valentyn Frechka den zweiten Platz in der Kategorie Young Inventors Prize – ausgewählt aus über 550 Kandidatinnen und Kandidaten (EPO 2024).
Wie aus Laub Papier wird
Der Prozess klingt einfach – und ist es in seiner Grundlogik auch. Die Blätter werden gesammelt, gereinigt und chemisch-mechanisch behandelt: gemahlen und mit Hochdruck und Dampf aufgeweicht. So werden Fasern isoliert, die einen holzähnlichen Zellstoff ergeben. Dieser wird mit Bio-Füllstoffen kombiniert und zu Papierrollen weiterverarbeitet – ganz ohne Sulfate, Sulfite oder Chlor (Nipo.gov.ua 2024).
Was dabei an Lignin übrig bleibt, gibt Releaf als Halbdünger zurück an die Städte – um deren Gärten und Bäume zu versorgen. Ein geschlossener Kreislauf: Die Stadt liefert Laub, bekommt Dünger zurück (Birds Advice 2025).
Die Zahlen, die dahinterstehen, sind beeindruckend. Aus 2,3 Tonnen gefallener Blätter gewinnt Releaf eine Tonne Zellulose – für die gleiche Menge müssten bei konventioneller Produktion 17 Bäume gefällt werden (Nipo.gov.ua 2024). Das so hergestellte Papier zersetzt sich in nur 30 Tagen – deutlich schneller als herkömmliches Papier (EPO 2024). Und: Releafs Produktionsprozess emittiert laut eigenen Schätzungen 78 Prozent weniger CO₂ als konventionelle Methoden (Birds Advice 2025).
Wusstest du?
Im November 2024 startete Releaf Paper die weltweit erste Pilotproduktion für Papier aus Laub in Frankreich – mit einer Investition von 3,5 Millionen Euro (EBRD 2025).
Ein Modell für die Welt
Frechkas Vision geht weit über die Herbstsaison hinaus. Langfristig will Releaf Paper dezentralisierte Fabriken auf der ganzen Welt betreiben, die Blätter und andere landwirtschaftliche Bioabfälle verarbeiten – darunter auch tropische Pflanzenreste wie Ananas- und Bananenblätter, die enorme Mengen an Zellulose mit langen Fasern liefern (Packaging Insights 2024).
Das Modell der Städte als Rohstofflieferanten ist dabei der entscheidende Perspektivwechsel: Kein Wald muss mehr als Ausgangsmaterial herhalten. Was als Schulprojekt in einem kleinen ukrainischen Dorf begann, könnte die Grundlage für eine neue Papierindustrie sein – eine, die nicht nimmt, sondern das nutzt, was ohnehin schon da ist.
Laub gibt es jeden Herbst in Unmengen. Vielleicht hast du auch Lust einmal etwas mit Lauf zu machen. Schau Dir dann unseren Artikel: Was du aus Laub machen kannst: das Releaf-Prinzip im Kleinen leben
Quellen
Birds Advice 2025. „Fallen Leaves Into Sustainably Made Paper“. [online] Verfügbar unter: https://www.birdsadvice.com/fallen-leaves-sustainable-paper-ukrainian-inventor/
EBRD 2025. „From leaves to paper: EBRD and EU uplifted green innovator from Ukraine“. [online] Verfügbar unter: https://www.ebrd.com/home/news-and-events/news/2025/From-leaves-to-paper–EBRD-and-EU-uplifted-green-innovator-from-Ukraine.html
EPO 2024. „Ukrainian scientist secures second place for Young Inventors Prize 2024″. [online] Verfügbar unter: https://releafbag.com/blogs/news/ukrainian-scientist-valentyn-frechka-secures-second-place-for-young-inventors-prize-2024
News-Decoder o. J. „How one teen turned a school project into a paper plant“. [online] Verfügbar unter: https://news-decoder.com/how-one-teen-turned-a-school-project-into-a-paper-plant/
Nipo.gov.ua 2024. „The transformation of fallen leaves into eco-paper“. [online] Verfügbar unter: https://nipo.gov.ua/en/ukrainian-scientist-finalist-2024/
Packaging Insights 2024. „Releaf Paper: Branching out of Ukraine“. [online] Verfügbar unter: https://www.packaginginsights.com/news/releaf-paper-branching-out-of-ukraine-and-exploring-biowaste-beyond-fallen-leaves.html
Weiterführende Links
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