(Freiburg im Breisgau/Deutschland) Seit März 2024 kommen Kardiologinnen und Kardiologen des Universitätsklinikums Freiburg einmal im Monat zur Freiburger Tafel – und bieten dort kostenlose Herzsprechstunden an. Die Terminliste ist jedes Mal binnen weniger Tage ausgebucht. In einem Fall wurde dabei ein akuter Herzinfarkt erkannt und ein Leben gerettet. Was simpel klingt, ist eine strukturelle Idee: Medizin dorthin bringen, wo die Menschen ohnehin sind.
Wer zur Tafel kommt, hat meist wenig Geld. Oft auch wenig Zugang zum Gesundheitssystem – aus Kostengründen, wegen Sprachbarrieren oder schlicht, weil niemand da ist, der den ersten Schritt erleichtert. Vorsorgeuntersuchungen werden verschoben, Beschwerden ignoriert, Arztbesuche gemieden. Nicht aus Gleichgültigkeit – sondern weil die Schwelle zu hoch ist.
Das Universitätsklinikum Freiburg und die Freiburger Tafel haben diese Schwelle nicht gesenkt. Sie haben sie umgangen.

Eine Sprechstunde, die Leben rettet
Jeweils zwei Ärztinnen oder Ärzte der Klinik für Kardiologie und Angiologie kommen zu den monatlichen Terminen. Sie hören zu, überprüfen Medikamente, messen Blutdruck und andere Vitalwerte. Wer Bedarf hat, wird weiterverwiesen – an Hausärztinnen, Fachärzte oder direkt in die Notaufnahme.
„Das Projekt soll den Menschen eine Tür ins Gesundheitswesen öffnen“, sagt Prof. Dr. Dirk Westermann, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie. „Viele wissen aufgrund von Sprachbarrieren nicht, an wen sie sich wenden müssen. Wir können ihnen eine erste Einschätzung geben.“
Dass diese Einschätzung Leben retten kann, ist keine rhetorische Übertreibung. Eine Frau kam mit starkem Brustschmerz zur Untersuchung – und wurde mit Verdacht auf Herzinfarkt direkt in die Klinik eingeliefert. In einem anderen Fall konnte ein Patient mit akutem Herzinfarkt sofort in die Notaufnahme gebracht werden. Zwei Menschen, die möglicherweise zu Hause geblieben wären, wenn die Sprechstunde nicht gewesen wäre.
Die Ärztinnen und Ärzte kommen in ihrer Freizeit. Die Terminliste ist regelmäßig innerhalb weniger Tage ausgebucht.
Wusstest du? Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache in Deutschland. Studien zeigen, dass Menschen mit niedrigem Einkommen deutlich seltener Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen – obwohl ihr Erkrankungsrisiko oft höher ist. Die Angst vor Kosten ist einer der Hauptgründe für diese Schutzlücke.
Die Tafel als Ort des Vertrauens
Die Freiburger Tafel existiert seit 25 Jahren. Sie sammelt überschüssige, aber einwandfreie Lebensmittel von Supermärkten, Bäckereien und Läden ein und gibt sie kostengünstig weiter. Was auf den ersten Blick wie eine Lebensmittelausgabe aussieht, ist in Wahrheit ein Ort des Vertrauens – ein Ort, an den Menschen wiederkommen, den sie kennen, an dem sie sich sicher fühlen.
Genau das macht ihn zum richtigen Ort für medizinische Angebote. „Es ist einfach wunderbar zu sehen, dass unsere Kundschaft diese Möglichkeit wahrnimmt“, sagt Hans-Herbert Weyer, Vorstandsmitglied der Freiburger Tafel.
Was das Freiburger Modell zeigt, ist eine strukturelle Einsicht, die in der Gesundheitspolitik noch zu wenig gehört wird: Niederschwelliger Zugang ist keine Frage der Ressourcen allein. Es ist eine Frage der Bereitschaft, Strukturen zu überdenken. Menschen, die nicht zum System kommen, brauchen kein besseres System. Sie brauchen ein System, das zu ihnen kommt.
In Deutschland gibt es rund 960 Tafeln mit über 2.000 Ausgabestellen, die wöchentlich etwa 1,5 Millionen Menschen versorgen. Die Kombination mit medizinischen Angeboten ist bundesweit noch selten. Freiburg gehört zu den Pionieren.
Wusstest du? In Deutschland haben alle gesetzlich Versicherten ab 35 Jahren Anspruch auf einen kostenlosen Gesundheits-Check-up beim Hausarzt – alle drei Jahre. Viele Menschen wissen das nicht oder trauen sich nicht, ihn in Anspruch zu nehmen. Genau diese Lücke schließt das Freiburger Modell – nicht durch Aufklärung allein, sondern durch direkte Begegnung.
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Quellen
Universitätsklinikum Freiburg 2024. „Pressemitteilung: Niederschwelliger Zugang zu medizinischer Beratung“. [online] Verfügbar unter: https://www.uniklinik-freiburg.de
Freiburger Tafel 2024. „Herzcheck bei der Tafel“. [online] Verfügbar unter: https://www.freiburger-tafel.de
Bundesverband Deutsche Tafel e.V. 2024. „Zahlen und Fakten“. [online] Verfügbar unter: https://www.tafel.de
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