Das grüne Band in Deutschland: Naturschutz durch Kauf von 16.500 Hektar Wildnis
(Gut Herbigshagen/Brandenburg) An der ehemaligen innerdeutschen Grenze zieht sich ein Streifen Land, der 28 Jahre lang niemand betreten durfte. Keine Landwirtschaft, keine Bebauung, keine Bewirtschaftung – nur die Natur, die sich auf 1.393 Kilometern ungestört entwickeln konnte. Heute ist das Grüne Band eines der wertvollsten Biotopkorridore Europas, Heimat von über 1.200 bedrohten Arten. Die Heinz Sielmann Stiftung ist eine der wichtigsten privaten Kräfte, die dafür sorgen, dass dieser Korridor nicht reißt.
Eine Stiftung, die Land kauft
Heinz Sielmann war Tierfilmer, Naturschützer und einer der bekanntesten Naturvermittler Deutschlands des 20. Jahrhunderts. 1994 gründete er gemeinsam mit seiner Frau Inge die Stiftung, die sein Erbe trägt – und seinen zentralen Überzeugung in eine operative Strategie übersetzte: Natur schützen heißt Land kaufen. Wer den Boden besitzt, kann ihn der Nutzung dauerhaft entziehen. Kein Pachtvertrag, keine Förderperiode, kein politischer Beschluss kann das rückgängig machen.
Heute hält die Stiftung mit Sitz auf Gut Herbigshagen in Niedersachsen über 16.500 Hektar gesicherter Kernflächen – damit ist sie einer der bedeutendsten privaten Akteure im deutschen Flächennaturschutz. Die Flächen konzentrieren sich auf ökologisch hochwertige Bereiche: die Döberitzer Heide westlich von Berlin, die Kyritz-Ruppiner Heide in Brandenburg, das Eichsfeld-Werratal am Grünen Band.
Wusstest du? Die Döberitzer Heide, ein ehemaliges Militärgelände, ist heute Heimat einer der wenigen frei lebenden Wisent- und Przewalski-Pferd-Herden Deutschlands. Die Tiere bewegen sich auf einem weitgehend eingezäunten, aber strukturreichen Gebiet – eine Annäherung an das Konzept der Wildnis, die sich selbst reguliert.
Das Grüne Band als Gen-Autobahn
Die Bedeutung des Grünen Bandes geht über Symbolik hinaus. Biotope, die voneinander isoliert sind, verlieren auf Dauer ihre genetische Vielfalt: Populationen schrumpfen, Inzucht schwächt die Anpassungsfähigkeit, lokales Aussterben folgt. Das Grüne Band verbindet isolierte Lebensräume zu einem durchgehenden Korridor – es funktioniert als genetische Autobahn für Wildkatze, Fischotter, Schwarzstorch und hunderte weiterer Arten.
Die Sielmann Stiftung übernimmt dabei besonders kritische Lückenschlüsse. Im Eichsfeld-Werratal, wo der Korridor durch Infrastruktur und landwirtschaftliche Nutzung unterbrochen war, hat die Stiftung Flächen erworben und renaturiert. Entwässerungsgräben wurden zurückgebaut, Feuchtwälder wiederhergestellt. Diese Areale dienen heute als Rastplätze für Schwarzstörche auf ihrem Zug – Arten, die störungsarme, wasserreiche Laubwälder benötigen und auf solche Trittsteine angewiesen sind.
Seit 2018 ist das Grüne Band Nationales Naturmonument – der höchste Schutzstatus, den Deutschland für ein terrestrisches Naturdenkmal vergeben kann. Dieser Status schützt, aber er kauft nicht. Das tut die Stiftung.
Totholz, Moore und Klimaresilienz

2026 setzt die Stiftung konsequent auf Totholz in ihren Naturlandschaften. Was wie Vernachlässigung aussieht, ist aktiver Klimaschutz: Abgestorbene Bäume halten Feuchtigkeit im Waldboden, senken die Bodentemperatur bei Hitzewellen um bis zu fünf Grad Celsius und bieten Lebensraum für hunderte spezialisierte Käferarten. Die Kombination aus Totholz und Moorwiedervernässung macht Sielmann-Flächen zu Schwämmen in einer zunehmend trockeneren Landschaft.
In Wanninchen in Brandenburg entstanden durch Wiedervernässung Kranich-Rastplätze, die heute Zehntausende von Tieren aufnehmen. Umweltbildungsprogramme auf Gut Herbigshagen bringen Schülerinnen und Schüler in direkten Kontakt mit dieser Arbeit – nicht als Ausflug, sondern als Vermittlung einer Haltung: dass Natur nicht Kulisse ist, sondern Grundlage.
Die Stiftung kooperiert dabei mit ökologisch wirtschaftenden Landwirten in Randbereichen ihrer Flächen. Pufferzone und Kernzone, bewirtschaftet und unbewirtschaftet – das Prinzip der abgestuften Landnutzung erhöht die ökologische Gesamtwirkung über die eigenen Grundstücksgrenzen hinaus.
Wusstest du? Deutschland hat sich im Rahmen der Nationalen Biodiversitätsstrategie verpflichtet, 15 Prozent der Landfläche durch einen funktionsfähigen Biotopverbund zu vernetzen. Große private Flächeneigentümer wie die Sielmann Stiftung sind für die Erreichung dieses Ziels unverzichtbar – weil öffentliche Mittel allein die nötigen Flächen nicht sichern können.
Die Heinz Sielmann Stiftung arbeitet ohne Schlagzeilen und ohne Kampagnen. Sie kauft, pflegt und wartet – auf Jahrzehnte. Das ist keine romantische Naturschutzphilosophie, sondern eine operative Strategie mit messbarer Wirkung. Mehr Informationen: sielmann-stiftung.de.
Wer war Heinz Sielmann?
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Quellen
Heinz Sielmann Stiftung 2025. „Stiftungsbericht 2024/2025 – Naturlandschaften und Biotopverbund“. [online] Verfügbar unter: https://www.sielmann-stiftung.de
Bundesamt für Naturschutz 2025. „Das Grüne Band Deutschland – Nationales Naturmonument“. [online] Verfügbar unter: https://www.bfn.de
Riecken U. et al. 2022. „Rote Liste der gefährdeten Biotoptypen Deutschlands“. Bundesamt für Naturschutz. [online] Verfügbar unter: https://www.bfn.de
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