Wenn der Kleingarten zur Schule wird – das Natur-Kita-Projekt „Wir gehen raus“ in Gera
(Gera/Thüringen) In einem Schrebergarten am Steigerweg sägen Fünfjährige Holzplanken, bepflanzen eigene Beete und bauen gemeinsam ein Piratenschiff. Der Kindergarten „Krümel“ in Gera zeigt, wie 800 Quadratmeter Grün das leisten können, was kein Klassenzimmer ersetzen kann: echte Erfahrung, echte Verantwortung, echte Natur.
Es ist ein Dienstagmorgen im März, der Boden noch feucht vom letzten Regen. Eine Gruppe Kinder hockt im Kreis auf Baumstämmen, mitten in einem Kleingarten im Geraer Ostviertel. Heute wird besprochen, welches Beet als nächstes bepflanzt wird und wer die Patenschaft übernimmt. Das ist keine Spielstunde. Das ist Demokratie – im Maßstab fünf Jahre.
Tobias Theil, pädagogische Triebkraft hinter dem Projekt und Initiator des zugehörigen Fördervereins, hat den Kindergarten „Krümel“ des Interdisziplinären Frühförderzentrums Gera e.V. seit 2018 schrittweise in diesen Garten hinein verlängert (IFF Gera 2025). Was als Initiative des Personals und der Elternschaft begann, ist heute ein dokumentiertes Bildungsmodell – und macht in Thüringen zunehmend Schule.
800 Quadratmeter als dritter Erzieher
Die Parzelle in der Kleingartenanlage am Steigerweg 6 misst 800 Quadratmeter (IFF Gera 2025). Klein genug, um überschaubar zu sein. Groß genug, um darin zu sägen, zu graben, zu ernten und zu scheitern. Das Scheitern gehört ausdrücklich dazu: Wenn eine Ernte misslingt, weil die Beete zu früh bepflanzt oder zu selten gegossen wurden, lernen Kinder etwas, das kein Arbeitsblatt vermitteln kann – Frustrationstoleranz und die Kausalität von Handlungen.

Der Ansatz folgt dem Reggio-Prinzip: Der Raum selbst ist Erzieher. Kinder planen ihre Beete selbst, übernehmen Patenschaften und tragen die Konsequenzen ihrer Entscheidungen (Stiftung Kinder forschen 2024). Der Garten wird ganzjährig genutzt – bei Regen mit Gummistiefeln, im Winter mit Schaufeln. Nur bei Extremwetter bleibt die Gruppe drin.
Wusstest du? Gera gehört zu den deutschen Städten mit dem höchsten Anteil an Plattenbaugebieten. In Stadtteilen wie Lusan und Bieblach wachsen viele Kinder in Wohnungen ohne Balkon oder Garten auf. Für sie ist der Kleingarten der Krümel-Kita oft der erste regelmäßige Kontakt mit Erde, Pflanzen und dem jahreszeitlichen Rhythmus der Natur.
Das Herzstück des Projekts ist der Baumstammkreis: eine Versammlung, in der Kinder gemeinsam entscheiden, was als nächstes im Garten passiert. Kinderkonferenz nennt Tobias Theil das. Wer spricht, wird gehört. Wer eine Idee hat, darf sie einbringen. Wer überstimmt wird, muss das aushalten – und versteht trotzdem, dass seine Stimme zählte.
Sägen, bauen, begreifen
Eines der langfristigsten Projekte des Kindergartens ist der Bau eines Piratenschiffs aus Holz – ein Konstruktionsprojekt, das über mehrere Monate läuft und Statik, Materialkunde und Teamarbeit spielerisch vermittelt (IFF Gera 2025). Kinder im Vorschulalter lernen hier, wie Holz sich verhält, warum manche Verbindungen halten und andere nicht, und was es bedeutet, gemeinsam auf ein Ziel hinzuarbeiten, das größer ist als man selbst.
Die Kita ist als „Haus der kleinen Forscher“ – heute Stiftung Kinder forschen – zertifiziert, was den hohen Anspruch an MINT-Früherziehung dokumentiert (Stiftung Kinder forschen 2024). Der Fokus liegt auf der Vorschulgruppe zwischen fünf und sieben Jahren: genau dem Alter, in dem Ausdauer, Feinmotorik und Konzentrationsfähigkeit entscheidend geprägt werden.
Wusstest du? Studien zur Naturpädagogik zeigen, dass regelmäßige Aufenthalte im Freien die Konzentrationsspanne von Kindern messbar verbessern. Das gilt besonders für Kinder aus urbanem Umfeld, die selten Zugang zu naturnahen Räumen haben (Louv 2005).
Ein Modell, das sich verbreitet
Das Projekt finanziert sich über den Förderverein „KindergartenProjekt Wir gehen raus e.V.“, über Spenden – unter anderem über die Plattform Betterplace – sowie durch die Unterstützung lokaler Handwerksbetriebe (IFF Gera 2025). Kein Konzernsponsoring, keine PR-Kampagne. Die Kontinuität seit 2018 ist der beste Beweis dafür, dass es sich um echte pädagogische Überzeugung handelt.
Und die Idee strahlt aus: Immer mehr Kitas in Thüringen pachten inzwischen leerstehende Parzellen in Kleingartenanlagen und entwickeln ähnliche Konzepte. Was in Gera mit einem Baumstammkreis und einer Handvoll Schaufeln begann, könnte ein Modell für die Vorschulbildung in Ostdeutschland werden – in einer Region, in der Kleingärten zu den am meisten unterschätzten Bildungsressourcen gehören.
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Quellen
IFF Gera 2025. „Kindergarten Krümel – Konzeption und Projekte“. [online] Verfügbar unter: https://www.iff-gera.de
Stiftung Kinder forschen 2024. „Ausgezeichnete Kitas – Haus der kleinen Forscher“. [online] Verfügbar unter: https://www.stiftung-kinder-forschen.de
Louv R. 2005. „Last Child in the Woods: Saving Our Children from Nature-Deficit Disorder“. Algonquin Books. [online] Verfügbar unter: https://www.amazon.de
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