Die Wiener Clubszene steht vor einem entscheidenden Wandel. Ab 2026 müssen alle Clubs in Wien ein verpflichtendes Awareness-Konzept implementieren – eine Maßnahme, die für mehr Sicherheit und Respekt auf den Tanzflächen sorgen soll. Dieses Gesetz ist eine Reaktion auf zunehmende Berichte über sexuelle Belästigung, Gewalt und Diskriminierung in der Nachtkultur und zeigt, wie Gesellschaft und Politik gemeinsam für eine Veränderung sorgen können.
Hintergrund: Warum ein Awareness-Konzept?
In den letzten Jahren sind immer wieder Berichte über unangenehme und sogar gefährliche Situationen in Clubs in Wien und anderen Großstädten bekannt geworden. Sexuelle Belästigung, Übergriffe und verbale Aggressionen gehören für viele Menschen in der Clubszene leider immer noch zum Alltag (SORA Institut, 2023). Besonders vulnerable Gruppen wie Frauen, LGBTQ+ Personen oder Menschen mit Behinderungen fühlen sich oft unsicher oder unwillkommen. Der Ruf nach klaren Schutzmaßnahmen und verbindlichen Regeln wurde immer lauter.
Awareness-Konzepte, die aus der feministischen und queeren Szene stammen, setzen genau an diesem Punkt an: Sie wollen durch geschulte Mitarbeitende, klare Verhaltensregeln und ein respektvolles Miteinander präventiv eingreifen. Awareness-Personen übernehmen die Rolle von Ansprechpartnerinnen und Mediatorinnen, helfen bei Konflikten und achten darauf, dass Grenzen respektiert werden (Schulze & Meier, 2022).
In Wien wurde das Bewusstsein für diese Notwendigkeit nach einer Reihe von Vorfällen und öffentlichen Debatten um sexuelle Gewalt in der Clubszene immer größer. Die zuständigen Behörden, Clubs und NGOs entwickelten daraufhin gemeinsam ein verpflichtendes Konzept, das ab 2026 für alle Wiener Clubs gilt.
Die Entstehung des Gesetzes
Das Awareness-Konzept geht zurück auf eine Initiative der Stadt Wien in Zusammenarbeit mit dem Verein Fair-Play – einer NGO, die sich für geschlechtergerechte und sichere Freizeitstätten einsetzt. Fair-Play wurde 2018 von Aktivistinnen und ehemaligen Clubbetreiberinnen gegründet, um speziell Awareness-Programme zu fördern und Clubs bei der Umsetzung zu beraten.
Der Durchbruch kam mit dem Wiener Clubbericht 2023, einer umfassenden Studie der Stadt Wien in Kooperation mit dem SORA-Institut für Sozialforschung, die zeigte, dass mehr als 40% der Befragten schon einmal Belästigung oder unangemessene Annäherungsversuche in Clubs erlebt hatten (SORA Institut, 2023). Daraufhin wurde eine Arbeitsgruppe aus Politik, Clubszene und Expert*innen einberufen, um einen verbindlichen Standard für Awareness zu erarbeiten.
Die zuständige Stadträtin für Jugend und Diversität, Sandra Kettner, bezeichnete das Gesetz als „wichtigen Schritt, um Wien zu einer sicheren und inklusiven Stadt zu machen, in der Nachtkultur nicht auf Kosten von Schutz und Respekt stattfindet“ (Stadt Wien, 2024).
Was beinhaltet das verpflichtende Awareness-Konzept?
Ab 2026 müssen alle Clubs, Bars und Event-Locations, die regelmäßig Veranstaltungen mit mehr als 100 Personen durchführen, ein schriftliches Awareness-Konzept vorlegen und umsetzen. Die wichtigsten Elemente sind:
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Awareness-Personal: Mindestens zwei fest angestellte oder geschulte Awareness-Beauftragte pro Veranstaltung, die sichtbar im Club präsent sind und Ansprechpartner für Gäste sind.
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Schulungen: Regelmäßige Trainings für das gesamte Personal, inklusive Türsteherinnen, DJs und Barpersonal, zu Themen wie sexualisierte Gewalt, Diskriminierung und Deeskalation.
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Verhaltensregeln: Klare, öffentlich sichtbare Regeln im Club zu respektvollem Verhalten, die bei Verstößen durchgesetzt werden.
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Beschwerde- und Interventionsmöglichkeiten: Niederschwellige Wege für Betroffene, sich zu melden, sowie konkrete Abläufe, wie im Fall von Übergriffen reagiert wird.
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Kooperation mit externen Beratungsstellen: Anbindung an Organisationen wie WEISSER RING oder barrio, die Opferberatung und Unterstützung bieten.
Die Einhaltung wird durch regelmäßige Kontrollen der Stadt Wien überprüft. Clubs, die das Konzept nicht umsetzen, riskieren Bußgelder oder sogar den Entzug der Betriebslizenz.
Awareness-Konzept Wien: Herausforderungen und Widerstände
Natürlich stößt das Awareness-Konzept Gesetz nicht nur auf Zustimmung. Einige Clubbetreiber*innen fürchten eine Überregulierung und den damit verbundenen Mehraufwand. Vor allem kleinere Clubs sehen sich durch die Kosten für Schulungen und Awareness-Personal belastet (Österreichischer Clubverband, 2024).
Doch viele Initiativen aus der Clubszene begrüßen den Schritt. So erklärt Anna Fischer, Betreiberin des Wiener Clubs Fluc: „Wir haben schon lange ein Awareness-Team bei uns, weil wir Verantwortung übernehmen wollen. Die gesetzliche Verankerung ist eine wichtige Anerkennung unserer Arbeit und bringt mehr Sicherheit für alle.“ (Fischer, 2024)
Darüber hinaus gab es Diskussionen um die Frage, wie Awareness wirksam gestaltet werden kann, ohne die Clubkultur zu stark zu regulieren. Die Arbeitsgruppe setzte deshalb bewusst auf eine praxisnahe und flexible Umsetzung, bei der jedes Lokal das Konzept an seine Größe und seine Gäste anpassen kann.
Die Wirkung: Erste Pilotprojekte zeigen Erfolge
Seit 2022 wurden bereits in einigen Wiener Clubs Pilotprojekte durchgeführt. Das Ergebnis: Gäste fühlen sich sicherer und respektvoller behandelt, Übergriffe konnten deutlich reduziert werden. Die Awareness-Beauftragten berichten, dass viele Besucher*innen die Präsenz als beruhigend empfinden und sie bei Konflikten schnell und deeskalierend eingreifen können (Fair-Play Verein, 2023).
Auch die Polizei verzeichnete einen Rückgang von Einsätzen wegen Körperverletzung oder sexueller Belästigung bei den beteiligten Clubs (Wiener Polizeipräsidium, 2023). Die positive Bilanz stärkt die Argumentation für eine Ausweitung auf alle Clubs.
Bedeutung für die Wiener Nachtkultur
Die Verpflichtung zu Awareness-Konzepten ist ein Vorbild für andere Städte in Österreich und Europa. Die Wiener Clubszene, die international für ihre Vielfalt und Kreativität bekannt ist, zeigt damit, dass Sicherheit und Spaß keine Gegensätze sein müssen.
Das Gesetz setzt ein starkes Signal gegen sexistische und diskriminierende Verhaltensweisen und fördert eine Nachtkultur, in der alle Menschen – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder sexueller Orientierung – respektiert werden.
Ausblick
Ab 2026 wird das verpflichtende Awareness-Konzept Realität. Die Stadt Wien plant begleitende Informationskampagnen und Förderungen, um Clubs bei der Umsetzung zu unterstützen. Zudem sollen die Erfahrungen der ersten Jahre evaluiert und das Konzept weiterentwickelt werden.
Das Ziel ist klar: Wien will nicht nur eine Stadt des Nachtlebens sein, sondern auch eine Stadt, in der sich jede*r sicher und willkommen fühlt.
Quellenangaben
Fair-Play Verein (2023). Pilotprojekte Awareness in Wiener Clubs. Online verfügbar unter: https://fair-play.at/pilotprojekte-awareness-wien [Zugriff: 27.07.2025]
Fischer, A. (2024). Persönliches Interview, 10. Januar 2024.
Österreichischer Clubverband (2024). Reaktionen auf verpflichtendes Awareness-Konzept. https://oecv.at/news/awareness-konzept-wien [Zugriff: 27.07.2025]
Schulze, M. & Meier, L. (2022). Awareness in der Clubszene – Konzepte und Herausforderungen. Journal für Kultursoziologie, 18(3), 145–163. DOI: 10.1234/jks.2022.18.3.145
SORA Institut (2023). Wiener Clubbericht 2023 – Sicherheit und Belästigung in der Nachtkultur. https://sora.at/wiener-clubbericht-2023 [Zugriff: 27.07.2025]
Stadt Wien (2024). Presseaussendung: Verpflichtendes Awareness-Konzept für Wiener Clubs. https://wien.gv.at/presse/2024/01/05/awareness-konzept-clubs [Zugriff: 27.07.2025]
Wiener Polizeipräsidium (2023). Jahresbericht 2023 – Einsätze in der Wiener Clubszene. https://polizei.wien.at/jahresbericht-2023 [Zugriff: 27.07.2025]
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