Kamelhalter pflegen Oasen in Tunesiens Sahara

Wenn Wüstennomaden die grünen Inseln retten

In der tunesischen Sahara vollzieht sich eine stille Revolution: Die traditionellen Kamelhalter, lange als rückständig belächelt, erweisen sich als die besten Hüter der Oasen. Ihr Wissen um Wasser, Pflanzen und Tiere, über Generationen weitergegeben, wird heute von Wissenschaftlern und Naturschützern als unschätzbar wertvoll anerkannt. Gemeinsam kämpfen sie gegen das Verschwinden der grünen Inseln in der Wüste.

Das Problem: Sterbende Oasen, fliehende Menschen

Tunesiens Oasen – einst blühende Zentren des Lebens in der Wüste – sind in Bedrängnis. Übernutzung des Grundwassers, falsche Bewässerungsmethoden und die Abwanderung der jungen Bevölkerung in die Städte setzen ihnen zu. Jahrzehntelang versuchte die Regierung mit technischen Großprojekten gegenzusteuern: neue Brunnen, Betonkanäle, importierte Bewässerungssysteme. Doch viele dieser Maßnahmen richteten mehr Schaden als Nutzen an. Der Grundwasserspiegel sank dramatisch, die Böden versalzten, und die traditionellen Oasengärten mit ihren hunderten Jahren alten Bewässerungssystemen verfielen.

Gleichzeitig zog es die jungen Männer in die Städte. Die Arbeit in den Oasen ist hart, die Bezahlung schlecht, das Ansehen gering. Die Alten, die das Wissen um die Oasenpflege noch besitzen, sterben aus – und mit ihnen die Oasen.

Die Lösung: Altes Wissen neu entdeckt

In dieser Krise besannen sich Wissenschaftler und Entwicklungshelfer auf eine längst vergessene Gruppe: die Kamelhalter der Sahara. Diese Nomaden durchstreifen seit Jahrhunderten die Wüste, kennen jeden Brunnen, jede Pflanze, jeden Wasserlauf. Ihr Leben ist eng mit den Oasen verbunden: Sie treiben ihre Herden zu den Oasen, lassen sie dort weiden, düngen mit dem Mist die Gärten und erhalten im Gegenzug Wasser und Nahrung.

Dieses jahrhundertealte Wechselspiel geriet ins Stocken, als die Oasen verfielen und die Kamelhalter sesshaft gemacht werden sollten. Doch inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt: Ohne die Nomaden verkümmern die Oasen, und ohne die Oasen haben die Nomaden keine Zukunft.

Entstehungsgeschichte: Von der Entwicklungsruine zur Kooperation

Das Umdenken begann in den 2010er Jahren. In der Region Douz, dem Tor zur Sahara, trafen sich Vertreter der Kamelhalter mit Agrarexperten und Umweltschützern. Die Botschaft der Nomaden war einfach: „Ihr wollt die Oasen retten? Dann lasst uns machen, was wir immer gemacht haben.“

Entstanden ist daraus eines der erfolgreichsten partizipativen Naturschutzprojekte Nordafrikas. Die Kamelhalter wurden nicht länger als Problem, sondern als Lösung betrachtet. Statt sie zu bekämpfen oder sesshaft zu machen, integrierte man sie in die Bewirtschaftung der Oasen.

Erfolgreiche Umsetzung: Wie Nomaden und Bauern zusammenwirken

Heute arbeiten in mehreren Oasen der Region Douz Kamelhalter und sesshafte Oasenbauern Hand in Hand. Die Nomaden treiben ihre Herden zu bestimmten Zeiten durch die Oasen. Die Tiere fressen das Unterholz, das sonst die Palmen ersticken würde, und düngen gleichzeitig den Boden. Im Gegenzug erhalten die Kamelhalter Wasser und das Recht, in den Oasen zu rasten – eine uralte Tradition, die wiederbelebt wurde.

Die Bewässerungssysteme wurden nicht durch Betonkanäle ersetzt, sondern in traditioneller Technik instand gesetzt. Die Kamelhalter, die die Wasserstellen der Wüste wie ihre Westentasche kennen, halfen dabei, die unterirdischen Wasseradern wiederzufinden, die in Vergessenheit geraten waren.

Ein besonders erfolgreiches Projekt läuft in der Oase Tembain. Hier wurden brachliegende Gärten wiederbelebt, indem man die traditionelle Mischkultur aus Palmen, Obstbäumen und Gemüse wieder einführte. Die Kamelhalter liefern den Dung, die Bauern betreiben die Bewässerung. Junge Männer, die schon in die Städte abgewandert waren, kehrten zurück, weil die Arbeit wieder Perspektive bot.

Wirkung und Relevanz

Die Erfolge sind messbar. In den beteiligten Oasen stieg der Grundwasserspiegel, die Bodenqualität verbesserte sich, und die Artenvielfalt nahm zu. Gleichzeitig verbesserte sich die wirtschaftliche Lage der Kamelhalter, die nun nicht mehr als Außenseiter gelten, sondern als anerkannte Partner.

Das Modell hat über Tunesien hinaus Aufmerksamkeit erregt. In Algerien, Marokko und Mauretanien werden ähnliche Projekte vorbereitet. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat das tunesische Beispiel in ihre Best-Practice-Sammlung aufgenommen.

Quellen:

FAO (2024): Oasis conservation and pastoralism in Tunisia. Verfügbar unter: https://www.fao.org

Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) (2023): Traditionelles Wissen und Oasenmanagement in Nordafrika. Verfügbar unter: https://www.giz.de

Tunesisches Landwirtschaftsministerium (2024): Programme de développement des oasis. Verfügbar unter: https://www.agriculture.tn

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