Bambus-Fahrräder aus Ghana: Nachhaltige Mobilität aus lokalem Material [Ghana]
Die Straßen in den ländlichen Regionen Ghanas sind oft holprig, unbefestigt und in der Regenzeit kaum passierbar. Fahrräder wären hier das ideale Fortbewegungsmittel – günstig, wartungsarm, unabhängig von teurem Treibstoff. Aber die Räder, die importiert werden, sind meist minderwertig, für die hiesigen Bedingungen ungeeignet und viel zu teuer für die meisten Menschen (UNDP 2012). Eine Lösung wächst direkt vor ihrer Haustür: Bambus.
Zwei Wege, ein Material
In Ghana gibt es gleich zwei bemerkenswerte Initiativen, die aus dem nachwachsenden Rohstoff Fahrräder bauen. Die eine heißt „Ghana Bamboo Bikes Initiative“ und wurde 2010 mit dem SEED-Award ausgezeichnet. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon testete persönlich eines ihrer Räder bei der Klimakonferenz in Warschau und würdigte das Projekt vor der Weltpresse (adelphi 2013). Ziel der Initiative ist es, vor allem Frauen Arbeitsplätze zu schaffen und den Menschen in ländlichen Gebieten eine günstige, robuste Mobilitätsalternative zu bieten (adelphi 2013).
Die andere heißt „my Boo“, ein Unternehmen aus Kiel, das seit 2012 mit dem ghanaischen „Yonso Project“ zusammenarbeitet (Nachhaltigkeitspreis 2022). Die Idee entstand, als ein Schulfreund von Mitgründer Maximilian Schay ein Foto von einem Bambusrad aus Ghana schickte mit dem Kommentar: „Du wolltest doch immer mal was Besonderes gründen“ (MOPO 2022). Aus dieser spontanen Eingebung wurde ein Unternehmen, das heute über 130 Mitarbeiter beschäftigt, 15 E-Bike-Stores in Norddeutschland betreibt und 1.000 Bambusfahrräder an die AIDA-Flotte lieferte (Heinrich-Böll-Stiftung 2025).
Eine Partnerschaft auf Augenhöhe
Was my Boo besonders macht, ist die Art der Zusammenarbeit. Der ghanaische Partner, das Yonso Project unter Leitung von Kwabena Danso, ist rechtlich eigenständig. Die rund 40 Rahmenbauer in der Ashanti-Region arbeiten unter menschenrechtskonformen Bedingungen, werden fair bezahlt und sind sozialversichert (Nachhaltigkeitspreis 2022). Die gesamten Erlöse aus dem Bau der Fahrradrahmen fließen in Bildungsprojekte vor Ort (Nachhaltigkeitspreis 2022).
„Wir arbeiten zwar schon sehr lange in dieser Partnerschaft miteinander, aber es ist trotzdem noch so, dass wir ständig voneinander lernen“, sagt Schay im Interview mit der MOPO (2022). Das Projekt sei nur dann nachhaltig, wenn es auch eigenständig funktioniere. Die Ingenieure beider Produktionsstätten tauschen sich regelmäßig aus, aktuell wird an einem Bambus-Cargobike gearbeitet (MOPO 2022).
Von der Werkstatt in die Welt
Ein Bambusrahmen entsteht in 80 Stunden Handarbeit (MOPO 2022). Der wild wachsende Bambus wird getrocknet, mit Harz präpariert und in aufwendiger Feinarbeit geformt (Berliner Fahrradschau o.D.). In Deutschland werden die Rahmen dann zu kompletten Fahrrädern montiert – individuell konfigurierbar, vom Citybike übers Mountainbike bis zum Rennrad, auch als E-Bike erhältlich (Weil der Stadt 2024).
Die Fahrräder werden über mehr als 200 Fahrradläden in ganz Europa vertrieben (MOPO 2022). Ein Kunde fuhr mit seinem Bambusrad im ersten Jahr 18.000 Kilometer von Hamburg bis China (Weil der Stadt 2024). Die Preise liegen zwischen 1.500 und 2.700 Euro, E-Bikes bis 4.500 Euro – für ein fair produziertes Unikat, das durch seinen Verkauf auch noch eine Schule in Ghana finanziert (Weil der Stadt 2024).
Eine Schule aus Fahrraderlösen
Die „Yonso Project Model School“ öffnete 2019 ihre Tore und wird von mittlerweile über 500 Kindern besucht (Nachhaltigkeitspreis 2022). Ziel ist es, bis zu 1.000 Kindern aus der Region einen Zugang zu hochwertiger Bildung zu ermöglichen (Nachhaltigkeitspreis 2022). Nachhaltigkeit ist dabei Teil des Unterrichts (Nachhaltigkeitspreis 2022).
„My Boo-Fahrer:innen entscheiden sich bewusst für ein hochwertiges und fair produziertes Fahrrad aus einem nachwachsenden Rohstoff“, erklärt Schay, „und freuen sich, dadurch auch noch die Schule unterstützen zu können“ (MOPO 2022). Für interessierte Händler und Kunden bietet my Boo regelmäßig Reisen nach Ghana an, um sich vor Ort ein Bild von der Produktion und der Schule zu machen (Velobiz 2024).
Quellen:
adelphi (2013): Ban Ki Moon fährt Bambusrad – UN-Generalsekretär würdigt SEED-Award-Gewinner bei Klimakonferenz. Verfügbar unter: https://adelphi.de/de/news/ban-ki-moon-faehrt-bambusrad-un-generalsekretaer-wuerdigt-seed-award-gewinner-bei
Berliner Fahrradschau (o.D.): My Boo – Markenprofil. Verfügbar unter: http://berlinerfahrradschau.de/de/brands-de/my-boo/
Heinrich-Böll-Stiftung (2025): Landvorteil Innovation Talk: MyBoo – Mit Bambus, Mut und sozialem Impact zum erfolgreichen Unternehmen. Verfügbar unter: https://greencampus.boell.de/de/afar/event%3Alandvorteil-innovation-talk-myboo-mit-bambus-mut-und-sozialem-impact-zum-erfolgreichen
MOPO (2022): Bambus-Räder von „my Boo“ machen Schule – in Afrika. Verfügbar unter: https://www.mopo.de/hamburg/hamburger-bambus-raeder-von-my-boo-machen-schule-in-afrika/
Nachhaltigkeitspreis (2022): my Boo GmbH mit Yonso Project – Jurybegründung. Verfügbar unter: https://www.nachhaltigkeitspreis.de/wettbewerbe/up/alle-bisherigen-preistraeger/2022/finalisten-2022/my-boo-gmbh
UNDP (2012): Developing the Capacities of the Youth to invest in the Manufacture and use of Bamboo Bicycles. Project GHA/SGP/OP5/CORE/CC/12/24/006. Verfügbar unter: https://www.sgp.undp.org/index.php?option=com_sgpprojects&view=projectdetail&id=17483&Itemid=272
Velobiz (2024): my Boo lädt zur Reise nach Ghana ein. Verfügbar unter: https://www.velobiz.de/news/my-boo-laedt-zur-reise-nach-ghana-ein
Weil der Stadt (2024): Bambus-Rad bei Fahrrad-Mangold in Weil der Stadt. Verfügbar unter: https://www.weil-der-stadt.de/Zuhause-in-Weil-der-Stadt/Unsere-Heimatstadt/Fairtrade-Town/Fairtrade-zum-Nachlesen/Bambus-Rad-bei-Fahrrad-Mangold-in-Weil-der-Stadt-article5033
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