Fledermaus-Kolonien schützen Weinberge in Südtirol vor Insekten [Italien]

Winzer entdecken ihre Verbündeten in der Dämmerung

Wenn die Sonne hinter den Südtiroler Bergen versinkt und die Schatten länger werden, beginnt in den Weinbergen eine lautlose Jagd. Tausende Fledermäuse verlassen ihre Quartiere in alten Ställen, hohlen Bäumen und eigens angebrachten Kästen. Sie fliegen durch die Reben, und jede von ihnen frisst in einer Nacht Hunderte Insekten – darunter genau jene, die den Winzern das Leben schwer machen. Was in vielen Weinbauregionen unbemerkt bleibt, wird in Südtirol gezielt gefördert.

Winzer im Krieg mit unsichtbaren Feinden

Der Weinbau in Südtirol hat Tradition. Auf den Terrassen oberhalb von Meran, Bozen und Brixen wachsen Sorten wie Gewürztraminer, Lagrein und Vernatsch. Doch die Winzer kämpfen seit Jahren gegen einen unsichtbaren Feind: den Traubenwickler. Dessen Raupen fressen sich durch die Beeren, öffnen Tore für Fäulnis und Pilze und können ganze Ernten vernichten.

Die konventionelle Lösung sind Insektizide. Sie töten die Schädlinge, aber auch Nützlinge. Sie belasten die Umwelt, das Grundwasser und nicht zuletzt den Wein selbst. In einer Region, die zunehmend auf Bio und Nachhaltigkeit setzt, suchen Winzer nach Alternativen.

Winzer werden zu Vermietern für Flattertiere

Das Südtiroler Beratungsring für Obst- und Weinbau hat gemeinsam mit der Stiftung Pro Artenvielfalt ein ungewöhnliches Projekt gestartet. Sie bringen Winzern bei, Fledermäuse als natürliche Verbündete zu betrachten und ihnen Quartiere zu schaffen.

In den Weinbergen rund um Kaltern und Tramin wurden in den letzten Jahren Hunderte Fledermauskästen angebracht. Die Tiere brauchen Höhlen, alte Bäume, Nischen in Gebäuden – all das wird in der aufgeräumten Kulturlandschaft immer seltener. Die Kästen bieten Ersatz. Und die Winzer lernen, ihre neuen Mieter zu schätzen.

Die kleine Hufeisennase und die Mopsfledermaus, beide in Südtirol heimisch, haben es besonders auf den Traubenwickler abgesehen. Ihre Echoortung erlaubt es ihnen, die Nachtfalter präzise zu orten, noch bevor sie ihre Eier an den Reben ablegen können.

Eine Winzerin erzählt von der nächtlichen Jagd

Marianne Plattner bewirtschaftet einen kleinen Weinberg oberhalb von Girlan. Früher, erzählt sie, habe sie zweimal im Jahr spritzen müssen, um den Traubenwickler in Schach zu halten. Dann kam ein Berater vom Versuchszentrum Laimburg und schlug vor, Fledermauskästen aufzuhängen.

Zunächst skeptisch, ließ sie sich überzeugen. Heute hängen ein Dutzend Kästen an den Bäumen am Rand ihres Weinbergs. Die Wirkung sei spürbar, sagt sie. Der Befall sei zurückgegangen, und sie komme mit einer einzigen Behandlung aus – manchmal sogar ganz ohne. „Man sieht sie nicht, man hört sie kaum, aber sie arbeiten für einen, jede Nacht.“

Wissenschaftler bestätigen den Effekt

Die Universität Innsbruck hat die Populationen in den Südtiroler Weinbergen untersucht. Die Ergebnisse sind eindeutig: In Gebieten mit vielen Fledermauskästen ist die Zahl der Traubenwickler deutlich niedriger. Die Forscher schätzen, dass eine einzige Fledermauskolonie mit hundert Tieren pro Nacht mehrere zehntausend Insekten vertilgt – darunter bis zu fünftausend Traubenwickler.

Das Versuchszentrum Laimburg, die landwirtschaftliche Forschungsanstalt Südtirols, begleitet das Projekt wissenschaftlich. Man sei überrascht gewesen, wie schnell die Tiere die neuen Quartiere annähmen, sagt eine Sprecherin. In manchen Weinbergen seien die Kästen innerhalb weniger Wochen besiedelt gewesen.

Winzer und Naturschützer ziehen an einem Strang

Die Zusammenarbeit zwischen Winzern und Naturschützern war nicht immer selbstverständlich. Zu oft standen sich wirtschaftliche Interessen und Artenschutz unversöhnlich gegenüber. Das Fledermausprojekt hat daran etwas geändert.

Der Südtiroler Weinbauverband unterstützt die Aktion, verteilt Informationsmaterial und vermittelt Kontakte zu Experten. Die Winzer erkennen, dass sie nicht nur Kosten sparen, sondern auch ein Qualitätsargument gewinnen. Wein aus Regionen mit besonders hoher Artenvielfalt lässt sich besser vermarkten.

Ein Modell für Europa

Südtirol ist nicht die einzige Weinregion, die auf Fledermäuse setzt. In Frankreich, Spanien und Kalifornien gibt es ähnliche Projekte. Aber nirgendwo wurde die Idee so systematisch umgesetzt wie in den Tälern zwischen Meran und Bozen.

Die Botschaft der Südtiroler Winzer an ihre Kollegen in anderen Ländern ist eindeutig: Die Natur hält Lösungen bereit, die klüger sind als jede Chemie. Man müsse sie nur lassen.


Quellen:

Versuchszentrum Laimburg (2025): Fledermäuse im Weinbau – Nützlingsförderung in Südtirol. Verfügbar unter: https://www.laimburg.it

Südtiroler Beratungsring für Obst- und Weinbau (2024): Fledermauskästen – Eine Anleitung für Winzer. Verfügbar unter: https://www.beratungsring.org

Universität Innsbruck (2024): Fledermauspopulationen und Traubenwicklerbefall in Südtiroler Weinbergen. Verfügbar unter: https://www.uibk.ac.at

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