Flussrenaturierung am Rhein bringt Lachse zurück nach Köln [Deutschland]

Als der Lachs zurückkehrte in die Domstadt

Es war ein Bild, das selbst erfahrene Fischereibiologen staunen ließ. Vor den Toren Kölns, direkt unterhalb der Hohenzollernbrücke, zappelte ein Lachs in den Reusen eines Anglers. Kein gezüchteter, kein entkommener aus einer Aquakultur, sondern ein wilder, atlantischer Lachs, der den weiten Weg aus dem Meer zurück in den Rhein gefunden hatte. Jahrzehntelang galt er im größten deutschen Strom als ausgestorben. Seine Rückkehr ist das Ergebnis einer der aufwendigsten Flussrenaturierungen Europas.

Ein Fluss als Kloake und Wasserstraße

Der Rhein war einmal einer der fischreichsten Flüsse Europas. Lachse stiegen zu Hunderttausenden auf, schwammen bis in die Nebenflüsse der Alpen, laichten in den Kiesbetten des Oberrheins und seiner Zuflüsse. Dann kam das 19. Jahrhundert, die Industrialisierung, die Kanalisierung.

Der Rhein wurde begradigt, gestaut, ausgebaggert. Wehre versperrten den Fischen den Weg, die Verschmutzung ließ den Sauerstoffgehalt sinken. In den 1950er Jahren war der Lachs verschwunden. Die letzte Sichtung in Köln datierte von 1954, ein einzelnes, verendetes Tier, ausgestiegen aus dem giftigen Wasser.

Ein Programm von kontinentalem Ausmaß

Die Wende kam spät, aber gründlich. 1987 starteten die Anrainerstaaten das Programm „Lachs 2000“ mit einem ehrgeizigen Ziel: Bis zur Jahrtausendwende sollte der Lachs in den Rhein zurückkehren. Dutzende Kläranlagen wurden gebaut, die Wasserqualität verbesserte sich dramatisch. Wehre erhielten Fischtreppen, Kiesbetten wurden renaturiert, Junglachse ausgesetzt.

1997 gelang der erste Durchbruch. In Sieg, einem Nebenfluss des Rheins bei Bonn, wurden die ersten laichenden Lachse gesichtet. Es folgten weitere Jahre der Geduldsarbeit, der Bestandsaufnahmen, der Verbesserungen. Und dann, 2023, der Beweis, dass es funktioniert hatte: ein Lachs in Köln.

Ein Angler wird zum Chronisten

Karl-Heinz Jansen angelt seit vierzig Jahren am Kölner Rheinufer. Er hat die schlechten Zeiten erlebt, als die Fänge aus wenigen, widerstandsfähigen Arten bestanden – Aal, Brasse, manchmal einen Zander. Dass eines Tages ein Lachs an seiner Angel hängen würde, hielt er für ausgeschlossen.

An jenem Septembermorgen 2023 warf er seine Köder aus, wie immer. Der Biss kam überraschend, der Fisch kämpfte heftig, viel heftiger als die üblichen Rheinfische. Als er ihn landete, erkannte er sofort, was er da in Händen hielt. Ein Lachs, silbrig glänzend, fast einen Meter lang. Er rief die Fischereibehörde an, die die Sensation bestätigte. Der Fisch wurde vermessen, gewogen, wieder freigelassen.

Mehr als nur ein Fisch

Die Rückkehr des Lachses ist ein Indikator für die Gesundheit des gesamten Ökosystems. Wo Lachse leben können, finden auch andere Wanderfische wieder Lebensraum. Maifisch, Meerforelle, Flussneunauge – sie alle profitieren von den Renaturierungen.

Die Erfolge sind messbar. In der Sieg, dem Nebenfluss, der zum Vorreiter wurde, steigen inzwischen jedes Jahr mehrere hundert Lachse auf. Auch in der Mosel, im Main und in der Lahn gibt es erste Erfolge. Das Ziel der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins ist ehrgeizig: Bis 2030 soll der Lachs im gesamten Strom wieder heimisch sein.

Die Hürden bleiben hoch

Trotz aller Erfolge ist der Lachs noch lange nicht zurückgekehrt. Die Bestände sind winzig im Vergleich zu den historischen Vorkommen. Wehre in Frankreich, in der Schweiz, in Deutschland versperren immer noch den Weg. Die Klimaerwärmung lässt die Wassertemperaturen steigen, was den kältebedürftigen Fischen zu schaffen macht.

Dennoch: Dass ein Lachs bis nach Köln schwimmen konnte, durch das Ruhrgebiet, durch die Industrieregionen, vorbei an Millionenstadt, ist ein Zeichen. Der Rhein, einst die Kloake Europas, ist wieder ein Fluss, in dem Leben möglich ist.


Quellen:

Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (2025): Lachs 2000 – Bilanz und Perspektiven. Verfügbar unter: https://www.iksr.org

Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (2024): Wiederansiedlung von Wanderfischen im Rhein. Verfügbar unter: https://www.lanuv.nrw.de

Bundesamt für Naturschutz (2024): Flussrenaturierung und Artenschutz in Deutschland. Verfügbar unter: https://www.bfn.de

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