Glasaale kehren in Loire zurück nach Dammöffnungen [Frankreich]

Die Wiederkehr der unsichtbaren Wanderer

Sie sind durchsichtig, fingerlang und für das bloße Auge kaum zu erkennen. Doch ihre Rückkehr feiern Fischer und Naturschützer an der Loire als kleines Wunder. Die Glasaale, Jungtiere des europäischen Aals, waren jahrzehntelang aus Frankreichs letztem Wildfluss verschwunden. Zu viele Dämme versperrten ihnen den Weg, zu viele Schleusen zermalmten sie, zu viele Wilderer fingen sie ab. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Schritt für Schritt werden die Hindernisse beseitigt – und die Aale kommen zurück.

Ein Lebewesen an der Grenze des Vorstellbaren

Der europäische Aal führt ein Leben, das wie Science-Fiction klingt. Er wird in der Sargassosee geboren, einem Meeresteil östlich der Bahamas. Als winzige Larve treibt er monatelang mit dem Golfstrom nach Europa. An den Küsten angekommen, verwandelt er sich in den durchsichtigen Glasaal, zieht die Flüsse hinauf, wächst heran, lebt Jahre oder Jahrzehnte in Süßwasser. Dann, wenn die Zeit gekommen ist, schwimmt er zurück in die Sargassosee, laicht und stirbt.

Dieser Kreislauf funktionierte Jahrtausende lang. Bis die Menschen begannen, die Flüsse zu verbauen. Die Loire, mit über tausend Kilometern der längste Fluss Frankreichs, wurde zum Hindernisparcours. Staudämme, Wehre, Schleusen – jedes Bauwerk bedeutete für die aufsteigenden Glasaale eine Barriere. Viele schafften es nicht, viele starben.

Ein Fluss wird befreit

Frankreich hat sich vorgenommen, seine Flüsse zu renaturieren. An der Loire begann der Prozess in den 1990er Jahren. Schritt für Schritt wurden Wehre abgebaut, Dämme geöffnet, Durchlässe geschaffen. 1998 fiel die Entscheidung, das Wehr von Maisons-Rouges zu entfernen. Es folgten weitere Bauwerke.

Die Effekte ließen nicht lange auf sich warten. Bereits wenige Jahre nach der ersten Öffnung registrierten Biologen einen Anstieg der Glasaale im Mittellauf. Heute, nach der Beseitigung von mehr als einem Dutzend Hindernissen, dringen sie wieder bis in die Nebenflüsse vor, in denen sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen wurden.

Ein Fischer erzählt vom Wandel

Alain Moreau fischt seit fünfzig Jahren an der unteren Loire, nahe der Mündung bei Saint-Nazaire. Er hat die schlechten Zeiten erlebt, als die Fänge immer geringer wurden, als die Glasaale fast verschwanden. Und er erlebt jetzt die Rückkehr.

„Früher war das hier wie eine Wüste“, sagt er und deutet auf das dunkle Wasser. „Stundenlang konntest du die Reusen leeren – nichts. Die Kollegen haben aufgegeben, sind in Rente gegangen oder haben was anderes gemacht.“ In den letzten Jahren habe sich das geändert. Die Mengen seien noch lange nicht wie in den 1960er Jahren, aber der Trend stimme.

Mehr als nur Aale

Die Rückkehr der Glasaale ist ein Indikator für die Gesundheit des gesamten Flusssystems. Wo sie wieder vorkommen, verbessern sich auch die Bedingungen für Lachs, Meerforelle und andere Wanderfische. Die Wasserqualität steigt, die Strömungsdynamik normalisiert sich.

Die Renaturierung der Loire hat inzwischen Vorbildcharakter. In ganz Europa werden Flüsse von Hindernissen befreit. Das EU-Projekt „Open Rivers“ fördert den Rückbau von Wehren und Dämmen. Frankreich selbst hat sich verpflichtet, bis 2030 die wichtigsten Wanderkorridore für Fische wiederherzustellen.

Die Bedrohung aus dem Süden

Die Rückkehr der Glasaale ist ein Erfolg, aber kein Grund zur Entwarnung. Die europäischen Aalbestände sind immer noch bedroht. Illegaler Fang, besonders in Spanien und Frankreich, dezimiert die Glasaale, bevor sie die Flüsse erreichen können. Der Aal gilt als stark gefährdet, der Bestand liegt weit unter dem historischen Niveau.

An der Loire kämpfen Fischer und Behörden gemeinsam gegen die Wilderei. Kontrollen wurden verstärkt, Strafen erhöht. Die lokale Bevölkerung wird einbezogen, meldet verdächtige Aktivitäten. Es ist ein mühsamer Kampf, aber die ersten Erfolge zeichnen sich ab.


Quellen:

französisches Amt für Biodiversität (2025): Wiederherstellung der Fischwanderung an der Loire. Verfügbar unter: https://www.ofb.gouv.fr

EU-Projekt Open Rivers (2024): Dam removal and ecological continuity in France. Verfügbar unter: https://www.opentivers.eu

WWF Frankreich (2024): Glasaale in der Loire – Bestandsentwicklung und Schutzmaßnahmen. Verfügbar unter: https://www.wwf.fr

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