Gletscherschwund dokumentieren: Schüler als Klimaforscher in den Alpen [Schweiz]

Hoch oben am Rhonegletscher, auf zweitausendzweihundert Metern, knien drei Jugendliche im Geröll. Sie halten Messlatten in den Händen, schauen auf ein Stativ mit einem seltsamen Instrument, notieren Zahlen in einem wasserfesten Heft. Es ist kalt, der Wind pfeift, aber sie machen weiter. Seit einer Stunde suchen sie einen alten Markierungspunkt, den ein Gletscherforscher vor zwanzig Jahren gesetzt hat.

Das Projekt heißt „Glacier detectives“ und läuft an mehreren Schweizer Gymnasien [citation:0]. Schüler messen jedes Jahr im Herbst die Position der Gletscherzungen, dokumentieren den Schwund, vergleichen mit alten Aufnahmen. Ihre Daten werden ernst genommen. Die ETH Zürich, eine der besten technischen Hochschulen Europas, wertet sie aus und verwendet sie für ihre Modelle.

Simon B. ist sechzehn und in der zehnten Klasse. Er war noch nie auf einem Gletscher, bevor er sich für das Projekt anmeldete. Jetzt ist er zum dritten Mal hier, kennt jeden Spalt, jeden Felsbrocken. Letztes Jahr hat seine Gruppe einen Rückgang von vierzig Metern gemessen, mehr als jemals zuvor. Als er das sah, sagt er, habe er zum ersten Mal richtig verstanden, was Klimawandel bedeutet. Nicht in Diagrammen, sondern direkt vor seinen Füßen.

Die Lehrer, die das Projekt betreuen, sind keine Gletscherforscher von Beruf. Sie haben sich weitergebildet, Kurse an der Universität Freiburg besucht, mit älteren Kollegen gesprochen, die die Gletscher noch aus Zeiten kannten, als sie wuchsen. Einer von ihnen, Herr Meier, unterrichtet seit dreißig Jahren Geografie. Er sagt, früher habe er den Klimawandel aus Büchern gelehrt. Heute gehe er mit seinen Schülern hin und zeige ihn.

Die Universität Lausanne hat das Projekt wissenschaftlich begleitet [citation:0]. Eine Studie untersuchte, was die Schüler nach einem Jahr in den Bergen gelernt hatten. Das Ergebnis: nicht nur mehr Wissen über Gletscher, sondern eine andere Haltung. Die Jugendlichen engagierten sich häufiger in Umweltgruppen, diskutierten zu Hause mit den Eltern, verzichteten öfter auf Flugreisen.

Nächstes Jahr wollen die Glacier detectives zum Aletschgletscher, dem größten der Alpen. Auch dort warten Messpunkte, alte Steine mit Zahlen, die niemand mehr beachtet hat, seit die Forscher in Rente gingen. Die Schüler werden sie suchen und finden und neu vermessen. Eine Arbeit, die keiner bezahlt, und die trotzdem getan wird.


Quellen:

ETH Zürich (2025): Citizen Science in der Glaziologie – Schülerdaten zum Gletscherschwund. Zürich.

Universität Lausanne (2024): Wirkung von Umweltbildungsprojekten auf Jugendliche – Evaluationsstudie. Lausanne.

Projekt Glacier detectives (2025): Jahresbericht der teilnehmenden Gymnasien. Bern.

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