Hängebrücken für Affen verbinden Waldstücke in Costa Rica [Costa Rica]
Irgendwo im Blätterdach über dem Dorf Finca Curré, tief im Süden Costa Ricas, beginnt es zu rascheln. Dann ein Schatten, ein Schwung, und schon ist er auf der anderen Seite: ein Brüllaffe, der eine schmale Hängebrücke aus grünen Nylonseilen überquert. Unter ihm rauscht der Verkehr auf der Interamericana, jener berüchtigten Straße, die sich von Alaska bis Feuerland zieht und hier, im Süden Costa Ricas, den letzten tropischen Regenwald Zentralamerikas in zwei Hälften schneidet.
Die Brücke ist keine dreißig Meter lang, aber sie bedeutet für die Affen alles. Vor fünf Jahren noch war dieser Ort ein Todesstreifen. Die Tiere versuchten, über die Fahrbahn zu gelangen, wurden überfahren, verenden zwischen den Reifen der Lastwagen. Heute hängen in der gesamten Region dutzende solcher Brücken, gebaut von einer Initiative, die klein anfing und längst über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde.
Die Straße, die den Wald zerschnitt
Die Interamericana ist ein Segen für die Menschen und ein Fluch für die Tiere. Auf ihrer Fahrt von der panamaischen Grenze bis nach Nicaragua durchschneidet sie Schutzgebiet um Schutzgebiet, Nationalpark um Nationalpark. Der Corcovado-Nationalpark, der Piedras Blancas, der Regenwald um Golfito – sie alle liegen wie Perlen an einer Kette, aber die Kette ist aus Asphalt.
Biologen der Universität von Costa Rica in San José begannen vor etwa fünfzehn Jahren, das Sterben zu dokumentieren. Sie zählten tote Affen am Straßenrand, aber auch Faultiere, Nasenbären, Ozelote. Die Zahlen waren alarmierend, vor allem für die Brüllaffen, die sich nur langsam fortpflanzen. In manchen Abschnitten starben mehr Tiere auf der Straße als Jungtiere geboren wurden.
Eine junge Biologin namens Lily Rodríguez hatte damals die Idee mit den Brücken. Sie hatte in Brasilien studiert, wo ähnliche Konstruktionen bereits erprobt wurden. Zurück in Costa Rica, suchte sie sich einen der gefährlichsten Abschnitte aus, nahe dem Dorf Finca Curré, wo die Straße direkt durch ein Affenrevier führte.
Die ersten Brücken
Die ersten Brücken waren selbst gebaut, aus Resten von Nylonseilen, die Rodríguez auf einem Markt in San Isidro kaufte. Zusammen mit Schülern der Dorfschule knüpfte sie Netze, spannte sie zwischen die Bäume und hoffte. Die Affen, so lernte sie bald, sind vorsichtig. Es dauerte Monate, bis der erste sich auf das wackelige Gebilde traute. Dann folgten weitere. Heute, sagt Rodríguez, nutzen fast alle Affen der Region die Brücken. Sie haben gelernt, dass der Weg über die Straße tödlich ist.
Die Konstruktionen wurden inzwischen professionalisiert. Eine Firma in San José stellt spezielle Seile her, die UV-beständig sind und den Tropen standhalten. Ingenieure berechnen die Spannung, Biologen bestimmen die Standorte. Die Brücken sind stabil genug für einen ausgewachsenen Brüllaffen, der bis zu zehn Kilo wiegen kann, aber leicht genug, um die Bäume nicht zu beschädigen.
Die Kinder von Finca Curré
Was das Projekt besonders macht, ist die Beteiligung der Dorfschule. Rodríguez hatte von Anfang an Wert darauf gelegt, die Kinder einzubeziehen. Sie halfen beim Bau der ersten Brücken, bemalten Schilder, die Autofahrer vor den Affen warnen, und führen heute Buch über die Nutzung.
Der zwölfjährige Carlos hat eine Liste, auf der er notiert, wie viele Tiere die Brücken überqueren. Jeden Morgen, auf dem Weg zur Schule, bleibt er stehen und zählt. Letztes Jahr waren es 147 Brüllaffen, 23 Kapuzineraffen und sogar drei Faultiere, die sich langsam über die Seile tasteten. Seine Lehrerin hat daraus ein Unterrichtsprojekt gemacht. Die Kinder lernen nicht nur über die Affen, sondern auch über Statik, Materialkunde, Artenschutz.
Rodríguez sagt, die Kinder seien die besten Botschafter. Sie erzählen zu Hause, was sie in der Schule gelernt haben, und die Eltern, viele von ihnen Bauern oder Fischer, beginnen die Affen mit anderen Augen zu sehen. Aus Tieren, die früher manchmal als Plage galten, sind Nachbarn geworden, um die man sich kümmert.
Wirkung und Zukunft
Inzwischen hängen in ganz Costa Rica über hundert solcher Brücken. Die Todeszahlen sind in den überwachten Abschnitten um bis zu achtzig Prozent gesunken. Die Affenpopulationen erholen sich langsam. Auch andere Tiere nutzen die Wege, wie Wildkameras zeigen: Nasenbären, Agutis, sogar ein junger Puma wurde einmal gesichtet.
Die Regierung in San José hat das Konzept in ihre nationale Biodiversitätsstrategie aufgenommen. Bei jedem neuen Straßenbau in Waldgebieten müssen heute Affenbrücken mitgeplant werden. Eine einfache Idee, die Leben rettet – und die in Finca Curré begann, mit einer Handvoll Nylonseilen und einer Biologin, die nicht aufgeben wollte.
Quellen:
Universität von Costa Rica (2024): Evaluierung von Wildtierbrücken an der Interamericana. San José.
Rodríguez, L. (2025): Brücken für Brüllaffen – Ein Citizen-Science-Projekt im Süden Costa Ricas. Finca Curré.
Ministerium für Umwelt und Energie Costa Rica (2025): Nationale Biodiversitätsstrategie – Maßnahmen zur Vernetzung von Lebensräumen. San José.
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