Nomadische Tierärzte versorgen Vieh in Mongoleis Wüstenregionen [Mongolei]
Die Jurte steht allein in der Weite der Steppe. Keine Straße führt zu ihr, kein Haus ist am Horizont zu erkennen. Der nächste Tierarzt ist Hunderte Kilometer entfernt – ein unhaltbarer Zustand, wenn Schafe erkranken oder Ziegen verenden. In der Mongolei, einem Land von der Größe Westeuropas mit gerade einmal drei Millionen Einwohnern, war die tiermedizinische Versorgung lange Zeit eine Lotterie. Ein ungewöhnliches Projekt bringt die Hilfe nun dorthin, wo sie am dringendsten gebraucht wird: zu den Nomaden in der Wüste Gobi.
Das größte Nomadenvolk der Welt in der Krise
Ein Viertel der mongolischen Bevölkerung lebt noch immer als Viehzüchter. Sie folgen mit ihren Herden den Jahreszeiten, den spärlichen Weidegründen, den wenigen Wasserstellen. Die Tiere bedeuten alles: Nahrung, Kleidung, Transport, soziales Ansehen. Wer tausend Schafe sein Eigen nennt, gilt als reich. Wer sie verliert, steht vor dem Nichts.
Die nomadische Lebensweise aber macht die medizinische Versorgung der Herden fast unmöglich. Die Tierärzte sitzen in den Städten Ulaanbaatar, Erdenet, Darkhan. Die Nomaden sind ständig unterwegs. Eine Krankheit kann sich in einer Herde schneller ausbreiten, als ein Hirte Hilfe holen kann. In manchen abgelegenen Regionen der Gobi kam der Tierarzt früher nur einmal im Jahr – viel zu selten in einem Land, in dem die Winter immer härter zuschlagen und die Sommer die Weiden verdorren lassen.
Mobile Kliniken auf den Spuren der Herden
Die Lösung trägt einen schlichten Namen: „Nomadic Veterinary Service“. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen entwickelte das Programm gemeinsam mit der mongolischen Regierung. Junge Tierärzte, viele selbst aus nomadischen Familien stammend, werden mit geländegängigen Fahrzeugen ausgestattet. Sie reisen auf festgelegten Routen durch die Aimags, die Provinzen des Landes, und bleiben Tage oder Wochen bei einer Gemeinschaft, bevor sie zur nächsten weiterziehen.
Die mobilen Kliniken führen alles mit, was für die Versorgung von Pferden, Kamelen, Schafen, Ziegen und Yak nötig ist. Impfstoffe gegen Milzbrand und Maul- und Klauenseuche. Antibiotika gegen Lungenentzündungen, die in den eisigen Wintern häufig auftreten. Wundversorgung für Tiere, die sich an scharfkantigen Felsen verletzt haben. Und das Wissen, das über Generationen gesammelt wurde, angereichert um moderne tiermedizinische Erkenntnisse.
Ein junger Tierarzt auf tausend Kilometer Strecke
Batsaikhan Nyamdorj gehört zu diesen nomadischen Tierärzten. Der 32-Jährige, ausgebildet an der Universität für Landwirtschaft in Ulaanbaatar, betreut ein Gebiet von der Größe Bayerns. Seine Tour beginnt in Dalanzadgad, der Hauptstadt der Südgobi, und führt ihn zu den Brunnen und Weideplätzen, an denen die Nomadenfamilien seine Ankunft erwarten.
Die Zusammenarbeit mit den Hirten, erzählt er, sei einfacher geworden. Früher misstrauten viele der modernen Tiermedizin, vertrauten lieber auf schamanische Rituale und traditionelle Heilmethoden. Das habe sich geändert, seit die Erfolge sichtbar wurden. Herden, die regelmäßig geimpft werden, überleben die strengen Winter besser. Tiere, die frühzeitig behandelt werden, verenden nicht an einfachen Infektionen.
Die stille Bedrohung aus dem Süden
Die Arbeit der nomadischen Tierärzte gewinnt zusätzliche Dringlichkeit durch den Klimawandel. Die Wüste Gobi dehnt sich aus, die Weiden werden knapper, die Tiere müssen größere Strecken zurücklegen. Gleichzeitig dringen neue Krankheiten aus dem Süden vor, die es in der Mongolei nie zuvor gab. Zecken, die früher in der Kälte nicht überleben konnten, breiten sich aus und übertragen Parasiten auf die Herden.
Batsaikhan Nyamdorj und seine Kollegen dokumentieren diese Veränderungen akribisch. Ihre Aufzeichnungen helfen den Wissenschaftlern in Ulaanbaatar, die Ausbreitung von Krankheiten zu verfolgen und frühzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Die Nomaden werden so zu einem Frühwarnsystem für das ganze Land.
Ein Modell für Kontinente
Der Erfolg des Programms hat Aufmerksamkeit weit über die Grenzen der Mongolei erregt. In Kasachstan, Kirgisistan und der Inneren Mongolei in China gibt es ähnliche Ansätze. Auch in Teilen Afrikas, wo mobile Tierhalter mit vergleichbaren Problemen kämpfen, interessiert man sich für das mongolische Modell.
Die Botschaft ist einfach: Moderne Medizin muss nicht an die Städte gebunden sein. Sie kann dorthin gebracht werden, wo die Menschen leben – selbst wenn diese Menschen kein festes Zuhause haben, selbst wenn sie immer in Bewegung sind. Die nomadischen Tierärzte der Mongolei beweisen es jeden Tag aufs Neue.
Quellen:
Food and Agriculture Organization (2025): Mobile veterinary services in Mongolia. Verfügbar unter: https://www.fao.org/mongolia/programmes/veterinary-services
Mongolisches Ministerium für Landwirtschaft und Leichtindustrie (2024): Jahresbericht zur tierärztlichen Versorgung in ländlichen Gebieten. Verfügbar unter: https://www.mofa.gov.mn
World Organisation for Animal Health (2024): One Health approaches in nomadic communities. Verfügbar unter: https://www.woah.org
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