Open-Source-Beatmungsgerät für arme Länder

Als im Frühjahr 2020 die erste Welle der Corona-Pandemie über Mexiko hereinbrach, geschah etwas Unerwartetes. In einer Garage in Mexico City trafen sich drei Ingenieure, zwei Ärzte und ein Softwareentwickler. Sie sprachen nicht über Fußball oder das Wochenende. Sie sprachen über Beatmungsgeräte. Oder genauer: darüber, dass es viel zu wenige davon gab.

„Wir sahen die Bilder aus Italien, aus Spanien“, erinnert sich Héctor Ugalde, einer der Ingenieure. „Wir wussten: Wenn es uns genauso trifft, sind wir verloren. Ein Beatmungsgerät kostet 30.000 Dollar und mehr. Die wenigsten Krankenhäuser in Mexiko haben auch nur eines.“ Also beschloss die Gruppe, etwas zu tun, das viele für verrückt hielten: Sie wollten ein Beatmungsgerät bauen. In der Garage. Aus handelsüblichen Teilen. Und sie wollten die Baupläne kostenlos ins Netz stellen (Deutsche Welle 2020).

Gära, das Gerät aus der Garage

Das Projekt taufte die Gruppe Gära – ein Wortspiel aus „Garage“ und dem spanischen Wort für „machen“. Sechs Wochen lang arbeiteten sie Tag und Nacht. Sie kauften Ventile im Baumarkt, Motoren von Modellbau-Läden, Schläuche aus dem Aquaristikbedarf. Sie programmierten die Steuerung selbst, testeten, verwarfen, verbesserten.

Heraus kam ein Gerät, das optisch wenig mit den High-Tech-Apparaten aus deutschen Kliniken gemein hatte. Aber es funktionierte. Die ersten Tests an Lungenattrappen waren vielversprechend. Dann folgten Tierversuche, dann die Zulassungsverfahren. Im August 2020 erhielt Gära die Notfallzulassung der mexikanischen Gesundheitsbehörde Cofepris – als erstes Open-Source-Beatmungsgerät Lateinamerikas (Deutsche Welle 2020).

Die Kosten für ein Gära-Gerät liegen bei etwa 6.000 Dollar (Salzburger Nachrichten 2020). Das ist ein Bruchteil dessen, was herkömmliche Geräte kosten. Und weil alle Baupläne und die Software frei verfügbar sind, kann jedes Krankenhaus, jede Werkstatt, jede Universität das Gerät nachbauen – überall auf der Welt.

Ein Modell für die Zukunft

Das Gära-Projekt steht exemplarisch für eine neue Art von Innovation. In einer Krise, in der die Welt zusammenrücken muss, entstanden plötzlich Lösungen, die nicht auf Profit, sondern auf Gemeinwohl zielen. Ähnliche Initiativen gab es in Chile, in Kolumbien, in Indien. Doch Gära ging einen Schritt weiter: Das Team gründete eine gemeinnützige Organisation, die Krankenhäuser beim Bau unterstützt und die Pläne ständig verbessert.

„Wir wollen kein Geld verdienen“, sagt Ugalde. „Wir wollen, dass niemand mehr sterben muss, weil es kein Beatmungsgerät gibt.“ In einem Land wie Mexiko, wo das Gesundheitssystem chronisch unterfinanziert ist, ist das keine abstrakte Forderung. Während der Pandemie starben Tausende, weil nicht genügend Beatmungsplätze zur Verfügung standen.

Inzwischen wurde Gära in mehreren mexikanischen Bundesstaaten eingesetzt. Auch in anderen Ländern Lateinamerikas gibt es Interesse. Die Weltgesundheitsorganisation hat das Projekt als Best Practice gelistet. Und die Ingenieure arbeiten längst an der nächsten Version: kleiner, robuster, noch günstiger.

In ihrer Garage in Mexico City hängt heute ein Schild. Darauf steht: „Aquí se salvan vidas“ – Hier werden Leben gerettet.


Quellen:

Deutsche Welle (2020): Mexikanische Tüftler entwickeln Open-Source-Beatmungsgerät. URL: https://www.dw.com/de/mexikanische-t%C3%BCftler-entwickeln-open-source-beatmungsger%C3%A4t/a-54774679

Salzburger Nachrichten (2020): Open Source gegen Corona: Wie mexikanische Tüftler Beatmungsgeräte bauen. URL: https://www.sn.at/panorama/international/open-source-gegen-corona-wie-mexikanische-tueftler-beatmungsgeraete-bauen-106131303

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