Schmetterlings-Korridore verbinden Naturschutzgebiete in Belgien [Belgien]

Die Brachflächen entlang der Bahnlinie zwischen Brüssel und Antwerpen sind kein schöner Anblick. Schotter, Unkraut, manchmal ein verlassener Schuppen. Aber für Schmetterlinge sind sie eine Lebensader. Auf diesen schmalen Streifen, die sich durch die dicht besiedelte Landschaft ziehen, finden sie Nahrung, Schutz, Partner. Ein Projekt in Belgien macht aus den Bahnbrachen Schmetterlings-Korridore.

Ein Netzwerk für Falter

Die Idee stammt von Biologen der Universität Gent. Sie hatten beobachtet, dass viele Schmetterlingsarten in Belgien verschwinden, nicht weil es keine geeigneten Lebensräume mehr gäbe, sondern weil diese isoliert sind. Die Falter können die Distanzen zwischen den Naturschutzgebieten nicht überwinden, verhungern auf dem Weg, finden keine Partner.

Die Lösung: Korridore, die die Gebiete verbinden. Die Bahnlinien, die sich kreuz und quer durch das Land ziehen, bieten sich dafür an. Sie sind oft ungenutzt, schwer zugänglich, werden selten gemäht. Die Pflanzen, die dort wachsen, sind robust, anspruchslos, genau richtig für Schmetterlinge.

Ein Pilotprojekt an der Bahnlinie

Die belgische Bahngesellschaft Infrabel hat sich auf das Experiment eingelassen. Auf einem Abschnitt von zwanzig Kilometern zwischen Brüssel und Antwerpen wurden die Böschungen umgestaltet. Statt alles zu mähen, wurden bestimmte Bereiche stehen gelassen. Statt Unkraut zu spritzen, wurde gezielt gesät: Wilde Möhre, Hornklee, Flockenblume, all die Pflanzen, die Schmetterlinge brauchen.

Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend. Die Zahl der Tagfalter hat sich in den Korridoren verdoppelt. Seltene Arten, die in Belgien fast verschwunden waren, wurden wieder gesichtet. Der Admiral, das Tagpfauenauge, der kleine Fuchs – sie alle nutzen die Bahnlinien als Wanderwege.

Ein Bahnmitarbeiter wird zum Schmetterlingsflüsterer

Jan De Smet arbeitet seit dreißig Jahren bei der Bahn, zuerst als Schienenarbeiter, jetzt als Streckenwart. Früher hat er die Böschungen gemäht, wie es ihm gesagt wurde, ohne nachzudenken. Seit das Projekt läuft, hat er Schulungen besucht, gelernt, welche Pflanzen wichtig sind, wann man mähen muss, wo man stehen lassen sollte.

Heute ist er ein Experte. Er zeigt auf eine Stelle, wo die Wilde Möhre blüht, und erklärt, dass genau hier der Schwalbenschwanz seine Eier ablegt. Er weiß, dass man im Mai nicht mähen darf, weil dann die Raupen fressen, und im August nicht, weil dann die Falter fliegen. „Früher“, sagt er, „habe ich nur Gleise gesehen. Heute sehe ich das Leben daneben.“

Die Wissenschaft begleitet

Die Universität Gent hat das Projekt von Anfang an wissenschaftlich begleitet. Auf den Versuchsflächen werden regelmäßig Zählungen durchgeführt, die Pflanzen kartiert, die Falter markiert. Die Daten fließen in ein landesweites Monitoring, das zeigt, wo die Schmetterlinge sind und wo sie fehlen.

Dr. Sophie Willems, die die Studie leitet, sagt, dass die Korridore nicht nur den Schmetterlingen helfen. Auch Bienen, Käfer, Vögel profitieren. Die Bahnlinien werden zu grünen Bändern, die sich durch die Städte ziehen, die Lebensräume verbinden, die Arten retten.

Ein Modell für Europa

Das belgische Projekt hat Aufsehen erregt. In den Niederlanden, in Deutschland, in Frankreich gibt es ähnliche Initiativen. Die EU fördert den Ausbau der grünen Korridore, finanziert Forschungsprojekte, vernetzt die Akteure.

Jan De Smet arbeitet weiter an seinen Gleisen. Aber wenn er heute seine Runden dreht, sieht er nicht nur Schienen und Schotter. Er sieht Schmetterlinge, die von Blüte zu Blüte flattern, und denkt: Das hier ist auch meine Arbeit.


Quellen:

Universität Gent (2025): Schmetterlings-Korridore entlang belgischer Bahnlinien – Eine Erfolgsbilanz. Gent.

Infrabel (2025): Biodiversität an Bahnstrecken – Jahresbericht. Brüssel.

Willems, S. (2024): Schmetterlinge und Bahnlinien – Chancen für den Artenschutz. Universität Gent.

guteideen.org sollte ein interner Link sein. guteideen.org © 2025 by Gute Ideen ist lizenziert unter CC BY 4.0. Kurz erklärt: Nutze alles und verlinke auf diesen Artikel.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert