Seehundschutz durch Fischer-Kooperativen in Schottland [Großbritannien]

Die Seehunde liegen auf den Sandbänken vor der schottischen Küste, ihre glatten Körper glänzen in der Sonne, ihre Köpfe sind zur See gerichtet, als warteten sie auf etwas. Früher haben die Fischer sie gehasst. Die Seehunde fraßen die Fische, beschädigten die Netze, stahlen den Fang. Heute arbeiten sie zusammen. Nicht die Seehunde und die Fischer, sondern die Fischer untereinander, um die Seehunde zu schützen.

Ein jahrhundertealter Konflikt

Der Konflikt zwischen Fischern und Seehunden ist so alt wie die Fischerei selbst. Die Tiere sind klug, lernen schnell, wissen genau, wo die Netze hängen und wie man an die Fische kommt. Für die Fischer bedeuten sie Verlust, manchmal existenzbedrohend. Jahrzehntelang wurden Seehunde abgeschossen, vergrämt, vertrieben. Die Bestände sanken, aber der Konflikt blieb.

In den 1990er Jahren begann ein Umdenken. Die Seehunde waren nicht mehr nur Schädlinge, sie waren auch eine Attraktion. Touristen kamen, um sie zu beobachten, zahlten Geld, um mit Booten hinauszufahren. Die Fischer sahen, dass man mit lebenden Seehunden manchmal mehr verdienen konnte als mit toten Fischen.

Eine Kooperative entsteht

An der Ostküste Schottlands, in der Region um Aberdeen, schlossen sich mehrere Fischer zu einer Kooperative zusammen. Sie nannten sich „Moray Firth Seal Guardians“ und verfolgten eine einfache Idee: Statt die Seehunde zu bekämpfen, wollten sie sie schützen und gleichzeitig die Schäden für die Fischerei minimieren.

Die Kooperative entwickelte neue Netze, die für Seehunde weniger gefährlich sind. Sie installierte akustische Warner, die die Tiere fernhalten, ohne sie zu verletzen. Und sie begann, die Bestände zu zählen, die Tiere zu markieren, ihre Wanderungen zu verfolgen. Die Daten helfen heute, die Fischerei so zu planen, dass Konflikte vermieden werden.

Ein Fischer erzählt

Ian McLeod fischt seit vierzig Jahren vor der Küste von Aberdeenshire. Früher, sagt er, habe er jeden Seehund gehasst, der in seine Nähe kam. Er schoss auf sie, wenn er konnte, und fand es gerecht. Dann kam einer von der Kooperative zu ihm, redete mit ihm, zeigte ihm die neuen Netze, erklärte ihm, dass die Tiere geschützt sind.

McLeod ließ sich überzeugen, probierte die neuen Netze aus, und siehe da, die Schäden gingen zurück. Nicht ganz, aber deutlich. Er begann, die Seehunde mit anderen Augen zu sehen. Heute, sagt er, nimmt er manchmal Touristen mit aufs Boot, zeigt ihnen die Tiere, erzählt von seinem Leben auf See. Das bringe nicht viel Geld, aber es mache Spaß.

Erfolge und Perspektiven

Die Kooperative hat inzwischen über hundert Mitglieder. Die Seehundbestände im Moray Firth sind stabil, manche Jahre sogar steigend. Die Schäden durch die Tiere sind auf einem historischen Tiefstand. Die Fischer haben gelernt, dass Schutz und Nutzung kein Widerspruch sein müssen.

Die schottische Regierung hat das Modell in ihre nationale Meeresschutzstrategie aufgenommen. Ähnliche Kooperativen gibt es inzwischen an der Westküste, auf den Hebriden, auf den Shetland-Inseln. Eine einfache Idee, die Leben rettet – die der Seehunde und die der Fischer.


Quellen:

Moray Firth Seal Guardians (2025): Jahresbericht der Fischer-Kooperative. Aberdeen.

University of Aberdeen (2024): Seehundbestände und Fischerei – Konfliktlösungsstrategien. Aberdeen.

Schottische Regierung (2025): Nationale Strategie zum Schutz von Meeressäugern. Edinburgh.

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