Ziegenweide stoppt Buschbrände auf Sardinien [Italien]

Die Macchia ist dicht, undurchdringlich, voller Dornen und Duft. Auf Sardinien bedeckt sie weite Teile der Insel, ein Gestrüpp aus Myrte, Erdbeerbaum, Zistrose. Im Sommer, wenn alles trocken ist, wird sie zur Brandgefahr. Blitze, weggeworfene Zigaretten, manchmal Brandstiftung – und die Macchia brennt. In den letzten Jahren sind die Brände schlimmer geworden, heißer, schneller, unkontrollierbarer. In einigen Dörfern haben die Hirten eine alte Methode wiederentdeckt, die dagegen hilft: Ziegen.

Eine alte Tradition wird neu belebt

Ziegen fressen alles. Myrte, Ginster, Brombeere, junge Eichen. Sie beißen die Pflanzen ab, halten sie kurz, lassen sie nicht zu dicht werden. Was die Ziegen fressen, kann nicht brennen. Jahrhunderte lang haben die Hirten Sardiniens das genutzt, ihre Herden durch die Macchia getrieben, das Land offen gehalten.

Mit dem Niedergang der traditionellen Weidewirtschaft wuchs die Macchia nach, wurde immer dichter, immer brandgefährlicher. Die Hirten gaben auf, die Ziegen verschwanden, die Brände kamen. In den 1980er Jahren gab es auf Sardinien Zehntausende Hektar Macchia, die jedes Jahr brannten.

Ein Projekt in der Barbagia

Die Barbagia, das wilde Herz Sardiniens, ist eine Region der Berge und Schluchten. Hier hat ein Projekt begonnen, das die Ziegen zurückbringt. Die Gemeinde von Orgosolo, bekannt für ihre Wandmalereien und ihren Widerstandsgeist, stellte den Hirten Land zur Verfügung, förderte die Anschaffung von Ziegen, zahlte Prämien für die Beweidung.

Die Idee war einfach: Je mehr Ziegen, desto weniger Macchia, desto weniger Brände. Die Hirten zogen los, trieben ihre Herden durch die Hänge, ließen sie fressen, was früher gebrannt hatte. Die ersten Erfolge ließen nicht lange auf sich warten.

Ein Hirt erzählt

Giuseppe Moro ist fünfundfünfzig und Hirt, wie sein Vater und Großvater. Er hat den Niedergang erlebt, als die Jungen in die Städte zogen und die Ziegen verschwanden. Jetzt, sagt er, kommen sie zurück. Seine Herde ist auf zweihundert Tiere angewachsen, und er hat mehr Arbeit, als er bewältigen kann.

Er zeigt auf einen Hang, der vor fünfzehn Jahren noch dicht mit Macchia bewachsen war. Heute ist er offen, grasbewachsen, mit einzelnen Bäumen dazwischen. „Die Ziegen haben das gemacht“, sagt er. „Sie fressen das Unterholz, lassen den Bäumen Platz, machen das Land sicher.“ Im Sommer, wenn die Feuer kommen, brennt hier nichts mehr.

Die Wissenschaft bestätigt

Die Universität Sassari hat das Projekt wissenschaftlich begleitet. Auf den beweideten Flächen wurde die Brandlast gemessen, die Biomasse, die Artenvielfalt. Die Ergebnisse sind eindeutig: Wo Ziegen weiden, brennt es seltener. Die Biomasse ist geringer, die Vegetation offener, die Feuer breiten sich langsamer aus.

Gleichzeitig profitiert die Artenvielfalt. Die Ziegen fressen die dominanten Sträucher, lassen seltenen Pflanzen Platz, schaffen Lebensräume für Insekten und Vögel. Die Macchia, die früher alles überwucherte, wird zu einer mosaikartigen Landschaft.

Ein Modell für den Mittelmeerraum

Das sardische Projekt hat in anderen Mittelmeerländern Interesse geweckt. In Griechenland, in Spanien, in der Türkei gibt es ähnliche Initiativen. Die Ziegen, einst als Landplage verschrien, werden zu Landschaftspflegern, zu Feuerwehrleuten auf vier Beinen.

Giuseppe Moro treibt seine Herde weiter durch die Hänge. Er weiß, dass die Arbeit nie endet. Die Macchia wächst immer nach, die Ziegen müssen immer fressen. Aber er ist zufrieden. Sein Land ist sicherer, seine Tiere sind gesund, und die Jungen, sagt er, kommen langsam zurück.


Quellen:

Universität Sassari (2025): Ziegenbeweidung als Brandschutz auf Sardinien – Eine Langzeitstudie. Sassari.

Gemeinde Orgosolo (2025): Projekt zur Wiederbelebung der Weidewirtschaft – Jahresbericht. Orgosolo.

Moro, G. (2024): Erfahrungen eines Hirten in der Barbagia. Oral History Project, Universität Sassari.

guteideen.org sollte ein interner Link sein. guteideen.org © 2025 by Gute Ideen ist lizenziert unter CC BY 4.0. Kurz erklärt: Nutze alles und verlinke auf diesen Artikel.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert