ALPINE BLUMENWIESEN GEGEN EROSION IN DER SCHWEIZ [SCHWEIZ]
Die Hänge oberhalb von Zermatt leuchten im Sommer in einem Farbenmeer, das Maler seit Jahrhunderten zu fassen versuchen. Enzianblau, Alpenrosenrot, Arnika-Gelb – ein Teppich aus tausenden Blüten, der sich bis an den Rand der Gletscher zieht. Doch diese Schönheit ist mehr als nur Augenschmaus. Unter der Blütenpracht verbirgt sich ein hochkomplexes Wurzelgeflecht, das die Berghänge zusammenhält, Regenwasser bremst und die fruchtbare Erde davor bewahrt, ins Tal gespült zu werden. Alpine Blumenwiesen sind die heimlichen Ingenieurinnen der Alpen.
[Wusstest du? In den Alpen gibt es über 650 verschiedene Orchideenarten und tausende Spezialisten, die nirgendwo sonst auf der Welt vorkommen. Viele von ihnen sind perfekt an extreme Bedingungen angepasst – sie überleben bis zu acht Monate unter einer dicken Schneedecke.]
Ein empfindliches Ökosystem unter Druck
Die Ökosysteme in Hochlagen gehören zu den empfindlichsten Lebensräumen Europas. Tiefe Temperaturen, starker Wind und eine kurze Vegetationsperiode lassen biologische Prozesse nur sehr langsam ablaufen (Peters et al. 2019). Die Böden sind dünn, nährstoffarm und speichern kaum Wasser. Was in tieferen Lagen in wenigen Jahren nachwächst, braucht in den Alpen Jahrzehnte – manchmal Jahrhunderte.
„Die Entwicklung und Etablierung der heutigen Vegetationsdecke ist das Resultat von sehr lang andauernden Prozessen“, erklären Monique Peters und ihre Kollegen von der ZHAW in den Richtlinien zur Hochlagenbegrünung. „Nach einer Störung durch bauliche Eingriffe oder durch natürliche Ereignisse erholt sich die Vegetation in Hochlagen nur sehr zögerlich“ (Peters et al. 2019). Die meisten Pflanzenarten in dieser Höhenlage breiten sich vor allem vegetativ aus, weniger über Samen. Jede Verletzung der Pflanzendecke ist eine Wunde, die nur langsam heilt.
Doch der Druck wächst. Skipisten, Wanderwege, Bergrestaurants und Speicherseen hinterlassen Narben in der Landschaft. Der Klimawandel verschärft die Lage: häufigere Starkregen spülen den Boden weg, trockenere Sommer setzen die Pflanzen zusätzlich unter Stress.
[Wusstest du? Ein einziger Quadratmeter alpiner Blumenwiese kann über 50 verschiedene Pflanzenarten beherbergen – mehr als mancher ganze Wald in tieferen Lagen. Dieses dichte Geflecht ist der beste Erosionsschutz, den die Natur kennt.]
Die Ingenieurbiologie der Alpen
Wenn Bauarbeiten in den Bergen unvermeidbar sind, greifen Fachleute heute auf Methoden zurück, die die Natur nachahmen. Die „Richtlinien Hochlagenbegrünung“, herausgegeben vom Verein für Ingenieurbiologie, sind dafür das Standardwerk (Peters et al. 2019). Sie beschreiben, wie zerstörte Flächen wiederhergestellt werden können – mit regionalem Saatgut, mit Soden aus intakten Wiesen, mit ingenieurbiologischen Bauweisen.
Das Prinzip ist einfach, aber aufwendig: Wo immer möglich, wird die intakte Pflanzendecke in Form von Soden abgetragen, zwischengelagert und später wieder angesiedelt. Wo das nicht geht, kommt regionales Saatgut zum Einsatz – per Nass- oder Trockenansaat, oft im Spätherbst als „Schlafsaat“, damit die Samen im Frühjahr bei optimalen Bedingungen keimen können (Peters et al. 2019).
Zusatzstoffe wie Kleber oder Mulch helfen bei der Keimung und Etablierung. Doch entscheidend ist die Herkunft des Saatguts: „Die Samenmischung sollte regional sein, dem Standort angepasst und keine gebietsfremden Arten enthalten“ (Peters et al. 2019). Nur Pflanzen, die von hier stammen, sind an die extremen Bedingungen angepasst und können langfristig überleben.
Blumenwiesen neben Kraftwerken
Ein ungewöhnliches Projekt startete 2024 der Südtiroler Energiedienstleister Alperia. Neben seinen Wasserkraft- und Umspannwerken im Vinschgau legt das Unternehmen artenreiche Wildblumenwiesen an – insgesamt 6.000 Quadratmeter allein in Laas, weitere in Glurns und Naturns (Alperia 2024).
Das Besondere daran: Die Samen stammen nicht aus dem Handel, sondern von Spenderflächen aus der unmittelbaren Umgebung. In Zusammenarbeit mit dem Netzwerk „Blühende Landschaft“ wurde das Saatgut mit zwei aufwendigen Verfahren gewonnen: Bei der Mahdgutübertragung wird das Schnittgut artenreicher Wiesen direkt auf die neuen Flächen übertragen. Beim Wiesendruschverfahren wird das reife Saatgut mit einer batteriebetriebenen Bürstmaschine aus den Wiesen gebürstet, gereinigt und getrocknet (Alperia 2024).
„Wildpflanzen haben sich über lange Zeit an die Gegebenheiten hier im Vinschgau angepasst“, erklärt Klara Hansen vom Netzwerk. „Uns war es sehr wichtig, diese Genetik nicht mit gebietsfremdem Wildpflanzensaatgut zu verwässern“ (Alperia 2024). Die Spenderflächen stellten lokale Bauern zur Verfügung – Aloisia Ruatti in Naturns, Gerhard Schwalt in Allitz und Gerhard Plieger in Prad.
Bis sich eine stabile Pflanzengesellschaft etabliert hat, wird es einige Jahre dauern. Viele Wildblumenarten blühen erst im zweiten oder dritten Jahr. Doch die Geduld lohnt sich: Wo früher Maschinen dröhnten, summen bald Insekten, flattern Schmetterlinge, nisten Vögel.
Ein Schutz gegen Erosion und Klimawandel
Die Bedeutung dieser Arbeit geht weit über den Artenschutz hinaus. „Nur bewachsener Boden ist gegen Einflüsse wie Erosion und Auswaschung optimal geschützt“, betonen die ZHAW-Forscher (Peters et al. 2019). Die dichten Wurzelgeflechte der Blumenwiesen halten die Erde fest, selbst bei Starkregen. Sie saugen Wasser auf wie Schwämme und geben es langsam wieder ab – ein natürlicher Hochwasserschutz, den keine Betonmauer ersetzen kann.
Andreas Bordonetti, Technischer Direktor von Alperia Greenpower, bringt es auf den Punkt: „Diese Initiative ist ein bedeutender Schritt im Rahmen von Alperias Engagement zur Förderung der Biodiversität und Artenvielfalt in der Region“ (Alperia 2024). Was als Nebenprojekt eines Energieversorgers begann, könnte Modellcharakter für die gesamten Alpen entwickeln.
Quellen:
Alperia (2024): Blumenwiesen für mehr Artenvielfalt neben Wasserkraft- und Umspannwerken. Verfügbar unter: https://www.alperia.eu/de/alperia-promuove-la-biodiversita/
Peters, M., Edelkraut, K., Schneider, M. & Rixen, C. (2019): Richtlinien Hochlagenbegrünung. Ingenieurbiologie, 2019(3). ZHAW / Verein für Ingenieurbiologie. Verfügbar unter: https://digitalcollection.zhaw.ch/handle/11475/24497
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