Drogenabhängige pflegen Demenzkranke in Lissabon [Portugal]
Die Sonne fällt durch die hohen Fenster des „Centro Comunitário da Mouraria“, einem alten Stadthaus im Herzen von Lissabons multikulturellstem Viertel. Drinnen sitzen alte Menschen um einen Tisch, einige mit verwirrtem Blick, andere lächelnd, während junge Männer und Frauen ihnen helfen, einfache Puzzles zu legen oder Kaffee einzuschenken. Was hier auf den ersten Blick wie ein gewöhnliches Seniorenzentrum aussieht, hat eine ungewöhnliche Besonderheit: Die jungen Helfer sind ehemalige Drogenabhängige, die sich in einem Programm der Organisation „Crescer“ befinden. Sie absolvieren eine Ausbildung in der Altenpflege – und finden dabei nicht nur einen Beruf, sondern auch einen Weg zurück in die Gesellschaft (Crescer 2025).
[Wusstest du? Portugal hat 2001 als erstes Land der Welt alle Drogen entkriminalisiert. Statt Bestrafung setzt das Land auf Behandlung, Schadensminimierung und soziale Integration. Die Zahl der Drogentoten sank drastisch, und innovative Sozialprojekte wie dieses wurden möglich.]
Ein radikaler Ansatz
Das Projekt „Cuidar de Quem Cuidou“ (Pflegen, die gepflegt haben) wurde 2017 von der Lissabonner Organisation „Crescer“ ins Leben gerufen, die seit über 20 Jahren mit drogenabhängigen Menschen arbeitet. Die Idee entstand aus der Beobachtung, dass viele ihrer Klienten nach einer Entzugstherapie keine Perspektive hatten – sie waren clean, aber ohne Arbeit, ohne soziale Kontakte, ohne Sinn. Gleichzeitig fehlte es in Portugals Altenpflege händeringend an Personal (Público 2024).
Die Verbindung lag nahe. In Kooperation mit Pflegeheimen und Tagesstätten für Demenzkranke entwickelte Crescer ein Ausbildungsprogramm: Ehemalige Drogenabhängige absolvieren einen sechsmonatigen Kurs, der sie auf die Arbeit mit alten, oft verwirrten Menschen vorbereitet. Sie lernen Grundlagen der Pflege, Kommunikationstechniken für Demenzkranke und vor allem: Geduld und Empathie.
[Wusstest du? In Portugal leben schätzungsweise 200.000 Menschen mit Demenz. Die Zahl wird bis 2050 voraussichtlich auf 350.000 steigen. Der Bedarf an Pflegekräften ist enorm – und wird oft nicht gedeckt.]
Von der Straße ins Pflegeheim
José Miguel, 45, hat zwanzig Jahre seines Lebens auf der Straße verbracht, heroinsüchtig, obdachlos, ohne Hoffnung. Vor drei Jahren kam er in Kontakt mit Crescer, machte einen Entzug, fand Unterkunft in einer betreuten Wohnung. Dann hörte er von dem Pflegeprojekt. „Am Anfang hatte ich Angst“, sagt er. „Ich wusste nichts über alte Menschen, über Demenz. Aber die Ausbilder waren geduldig. Und irgendwann merkte ich: Diese Leute brauchen mich.“ (Crescer 2025)
Heute arbeitet José Miguel in einer Tagesstätte für Demenzkranke im Stadtteil Alcântara. Er hilft beim Frühstück, begleitet Spaziergänge, unterhält sich mit den Besuchern. Manchmal reagieren sie nicht, manchmal sind sie verwirrt. „Ich weiß, wie das ist, wenn einen keiner versteht“, sagt er. „Vielleicht verstehe ich sie deshalb besser.“
Die Vorteile sind wechselseitig. Die Demenzkranken profitieren von der Aufmerksamkeit und Zuwendung, die sie sonst oft nicht bekommen. Die ehemaligen Drogenabhängigen erhalten nicht nur eine Ausbildung, sondern auch eine neue Identität: Sie sind nicht mehr „die Junkies“, sondern „die, die helfen“.
Ein Modell mit Strahlkraft
Das Crescer-Projekt hat in Portugal inzwischen Nachahmer gefunden. In Porto betreibt die Organisation „Ares do Pinhal“ ein ähnliches Programm, in dem ehemalige Suchtkranke in einem Pflegeheim für Demenzkranke arbeiten (Ares do Pinhal 2024). Die Erfolge sind messbar: Die Rückfallquote bei Teilnehmern, die eine feste Arbeitsstelle gefunden haben, liegt deutlich unter dem Durchschnitt.
Die Pflegeheime wiederum berichten von positiven Effekten auf das Arbeitsklima. „Unsere neuen Mitarbeiter bringen eine ganz andere Haltung mit“, sagt die Leiterin eines Heims in Lissabon. „Sie sind dankbar für die Chance, und das spüren auch die Bewohner.“ (Público 2024)
Gesellschaftliche Integration als Therapie
Das Projekt ist mehr als ein Berufsbildungsprogramm. Es ist Ausdruck einer Philosophie, die in Portugal seit der Entkriminalisierung 2001 verfolgt wird: Sucht ist keine Straftat, sondern eine Krankheit – und die beste Therapie ist soziale Integration. Wer einen Job hat, eine Aufgabe, einen Platz in der Gesellschaft, hat viel weniger Grund, zu Drogen zurückzukehren.
Die Zahlen geben dieser Haltung recht. Portugal hat heute eine der niedrigsten Drogentotenraten Europas, und die Zahl der Drogenabhängigen ist seit 2001 kontinuierlich gesunken. Projekte wie dieses sind ein Grund dafür.
Was bleibt
José Miguel hat jetzt einen festen Arbeitsvertrag, eine kleine Wohnung und regelmäßigen Kontakt zu seiner Tochter, die jahrelang nichts von ihm wissen wollte. „Meine Tochter sagt, sie ist stolz auf mich“, erzählt er. „Das habe ich noch nie gehört.“ In der Tagesstätte kennen sie ihn alle – die alten Damen rufen nach ihm, wenn er nicht da ist. „Manchmal denken sie, ich wäre ihr Sohn. Dann spiele ich mit.“
Das Projekt „Cuidar de Quem Cuidou“ zeigt, dass Integration keine Einbahnstraße ist. Es profitiert nicht nur der, der integriert wird, sondern auch die Gesellschaft, die ihn aufnimmt. Die Demenzkranken in Lissabon haben neue Freunde gefunden, und die ehemaligen Drogenabhängigen haben eine neue Familie.
Quellen:
Crescer (2025): Cuidar de Quem Cuidou – Formação e Integração. Website der Organisation Crescer. Verfügbar unter: https://www.crescer.org/projetos/cuidar-de-quem-cuidou/
Ares do Pinhal (2024): Programa de Inserção pelo Trabalho. Verfügbar unter: https://www.aresdopinhal.pt/insercao-trabalho
Público (2024): Ex-toxicodependentes cuidam de idosos com demência em Lisboa. Verfügbar unter: https://www.publico.pt/2024/06/15/sociedade/noticia/extoxicodependentes-cuidam-idosos-demencia-lisboa-2094587
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