Einsame Alte und Flüchtlinge teilen Wohnungen in Barcelona [Spanien]
Mamadou kam vor zwei Jahren aus Guinea nach Barcelona. Er hatte nichts außer der Kleidung am Leib und der Telefonnummer eines Cousins, den er nie erreichte. Die ersten Monate schlief er in einem besetzten Haus im Stadtteil Raval, das Aktivist:innen für Geflüchtete geöffnet hatten . Dann, eines Tages, hing an einem schwarzen Brett ein Zettel: „Seniorin sucht Mitbewohner:in – gegen Hilfe im Haushalt günstiges Zimmer“. Mamadou zögerte. Wie würde eine alte katalanische Dame auf einen jungen Mann aus Guinea reagieren? Er rief an. Heute lebt er bei Mercè, 78 Jahre alt, Witwe, in einer geräumigen Altbauwohnung im Eixample. „Sie kocht für mich, ich repariere ihren Computer“, sagt Mamadou und lacht. „Wir streiten uns manchmal, aber sie ist wie eine Großmutter für mich.“
[Wusstest du? 17,2 Prozent der Einwohner Barcelonas sind nicht spanischer Nationalität. Die größten Gruppen kommen aus Italien, Pakistan und China. Doch viele von ihnen leben in prekären Verhältnissen – und 26,6 Prozent der Asylsuchenden haben in Katalonien bereits auf der Straße geschlafen .]
Ein Haus für alle
Die Idee ist nicht neu, aber in Barcelona hat sie eine besondere Dynamik entwickelt. Wohnraum ist in der katalanischen Metropole extrem knapp und teuer. Die Mieten sind zwischen 2015 und 2018 um 22 Prozent gestiegen, während die Einkommen nur um 6,9 Prozent zulegten . Besonders dramatisch ist die Situation für Geflüchtete und Migrant:innen. Viele landen in überfüllten Notunterkünften oder auf der Straße.
Gleichzeitig leben Tausende ältere Menschen allein in viel zu großen Wohnungen, oft einsam, oft überfordert mit den steigenden Kosten. Sie haben kein Geld für Renovierungen, keine Kraft für Behördengänge, keine Gesellschaft für die langen Nachmittage.
Das Programm „Viure i Conviure“ (Leben und Zusammenleben) der Stiftung „Fundació Roure“ bringt beides zusammen. Seit 20 Jahren vermittelt es junge Migrant:innen und Studierende an ältere Menschen, die ein Zimmer vermieten möchten – gegen eine geringe Miete oder gegen Hilfe im Haushalt . Die Idee ist einfach, aber ihre Wirkung ist tief.
[Wusstest du? In Barcelona startete Bürgermeisterin Ada Colau 2015 das Netzwerk „Ciutats Refugi“ (Städte der Zuflucht), dem sich über 30 spanische Städte anschlossen. Ihr Slogan: „Unser Haus ist euer Haus“ .]
Von der Besetzung zum Miteinander
Während Programme wie „Viure i Conviure“ staatlich gefördert werden, entstanden andere Initiativen aus der Zivilgesellschaft. Die „Casa África“ im Stadtteil Poblenou war ein besetztes Haus für Neuankömmlinge, das von Aktivist:innen betrieben wurde. 2019 und 2022 wurde es zwangsgeräumt, trotz großer Solidarität aus der Nachbarschaft . „Die Stadtverwaltung war dankbar für den Wohnraum, den die Casa África so vielen Menschen zur Verfügung stellte“, schrieb eine Aktivistin. „Angesichts der Überlastung ihrer eigenen Einrichtungen setzte sie explizit auf das Engagement der Bürger:innen.“
Die Aktivist:innen von „Emergència Frontera Sud“ und „Resistim al Gòtic“ kämpften mit rechtlichen Mitteln gegen die Räumungen, organisierten Demonstrationen mit bis zu 150 Menschen und erstellten Verwundbarkeitsberichte, die zeitweise gerichtliche Erfolge brachten . Ihr Motto: „Tourists go home, refugees welcome“ – eine klare Ansage in einer Stadt, die unter Massentourismus ächzt.
Zwischen Bleiben und Gehen
Doch nicht alle finden ein Zuhause. Eine Studie des Forschungsinstituts CIDOB zeigt die erschreckende Realität: Fast ein Drittel der Asylsuchenden in Katalonien hat bereits auf der Straße geschlafen. Besonders betroffen sind Menschen aus Subsahara-Afrika (40,5 Prozent) und dem Nahen Osten (31,3 Prozent) . Viele leben in prekären Wohngemeinschaften, manchmal zu zehnt in einem Zimmer, oft ohne Vertrag, immer in Angst vor der nächsten Räumung.
Mamadou hat Glück gehabt. Er hat nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern eine Familie gefunden. Wenn er abends von der Arbeit kommt, sitzt Mercè oft schon am Tisch, zwei Teller, zwei Gläser, eine Flasche Wein. „Früher habe ich abends nur ferngesehen“, sagt sie. „Jetzt koche ich wieder richtig. Mamadou bringt Leben ins Haus.“
Ein Modell für Europa
Ignasi Calbó, Direktor des Programms „Barcelona Refugee City“, ist überzeugt: „Es sind die Städte, die eine Lösung für die Integration von Flüchtlingen in Europa finden werden“ . Die Antwort sei nicht in zentralstaatlichen Programmen zu suchen, sondern in den Nachbarschaften, in den Vereinen, in den Wohnungen der Bürger:innen.
In Barcelona gibt es tausende Vereine für alles und jedes. „Wir ermuntern die Leute, einem Verein beizutreten, zu versuchen, andere kennenzulernen“, sagt Calbó . Integration beginne nicht in Behörden, sondern im Alltag. Und Alltag, das ist in Barcelona oft die nächste Bar, der Markt um die Ecke, die Parkbank – oder eben die gemeinsame Wohnung.
Was bleibt
Die Krise ist nicht vorbei. Die Wartelisten für Sozialwohnungen sind lang, die Preise steigen weiter, der Tourismus frisst die Stadt von innen auf. Aber es gibt Orte, an denen das Experiment gelingt. Orte wie Mercès Wohnung, in der eine alte Katalanin und ein junger Guineer gemeinsam leben, streiten, lachen.
„Wir haben nicht viel“, sagt Mamadou. „Aber wir haben genug.“ Er zeigt auf ein Foto an der Wand – seine Mutter in Guinea, Mercès verstorbener Mann. Beide schauen ernst. Mamadou lacht. „Sie passen auf uns auf, glaube ich.“ Vielleicht ist das die beste Integrationspolitik, die es gibt.
Quellen:
[1] oskar.berlin: Barcelona – das neue Zuhause vieler Menschen (2024)
[2] gabarcelona.com: Neuer sozialer Wohnbau in Barcelona – ein Vorbild (2024)
[3] Bauwelt: Barcelona – die offene Stadt. Nur, wo sind die Flüchtlinge? (2016)
[4] EIB.org: EIB vergibt 113 Mio. Euro für 640 Sozialwohnungen (2025)
[5] rainbowgardenvillage.com: Freiwilligenarbeit & Betreuung von Senioren in Barcelona (2024)
[6] CIDOB: ¿Refugio sin casa? Crisis de acogida y vivienda en Cataluña (2020)
[7] Tagesspiegel: 160.000 setzen in Barcelona Zeichen für Flüchtlinge (2017)
[8] solucionesalsinhogarismo.org: Keys to transform homelessness care system (2024)
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