Kinder aus Armenvierteln werden Schachprofis in Mumbai [Indien]
Die Hitze in Mumbai ist erdrückend, besonders an einem Augustnachmittag. Draußen vor dem Bahnhof Vidyavihar drängen sich die Menschen, innen im „Chess Temple“ ist es ruhig, fast meditativ. Auf blau-weißen Schachbrett-Matten sitzen Kinder und Jugendliche, vornübergebeugt über ihren Brettern, die Stirn in Falten gelegt. Ein Junge bewegt einen Läufer – den er immer noch „Rakete“ nennt, wie in den ersten Stunden, als er die Figuren kennenlernte. Gegenüber sitzt ein Mädchen, grinst und schlägt die Rakete mit ihrem Springer. Schach in Mumbai ist nicht mehr nur Spiel der Eliten. Es ist zur Lebensschule geworden für Kinder aus den Armenvierteln, für Waisenkinder, für alle, die sonst keine Chance hätten (ChessBase India 2023).
[Wusstest du? In Indien gibt es über 30 Millionen Schachspieler, aber lange war der Zugang zum Spiel beschränkt auf die Mittelschicht. Initiativen wie der Chess Temple oder die Teach Chess India Mission öffnen die Bretter für alle – kostenlos, niedrigschwellig, inklusiv.]
Ein Ort für alle
Der Chess Temple in Vidyavihar ist mehr als ein Schachclub. Gegründet von Sagar Shah, einem Internationalen Meister und Gründer von ChessBase India, ist das Zentrum ein offener Raum für jeden, der spielen will (Mid-Day 2024). Die Türen stehen täglich von 13 bis 20 Uhr offen, der Eintritt ist frei. Die einzige Bedingung: Wer kommt, sollte die Bücher und Bretter respektieren.
Das Herzstück des Tempels ist eine Bibliothek mit über 1000 Schachbüchern, gestiftet von Devadatt Modak, einem 70-jährigen Enthusiasten aus Nashik (Mid-Day 2024). Modak hatte die Bücher über Jahrzehnte gesammelt – russische Fachzeitschriften, seltene „Informator“-Bände, Klassiker der Schachliteratur. „Ich wollte nicht, dass die Bücher an zehn verschiedenen Orten landen“, sagt er. Also schenkte er sie ChessBase India, die daraus einen öffentlichen Leseraum machte. Besucher können den QR-Code scannen, den Katalog durchstöbern und die Bücher vor Ort lesen. Mitnehmen darf man sie nicht, aber das ist auch nicht nötig. Wer einmal in diesen Schätzen blättert, kommt ohnehin wieder.
[Wusstest du? Die „Informator“-Serie, die im Chess Temple ausliegt, dokumentiert Schachpartien aus aller Welt – oft inklusive Korrespondenzpartien, bei denen ein einziger Zug Monate dauerte und per Post übermittelt wurde.]
Raketen lernen fliegen
Parallel zum Chess Temple läuft seit März 2023 ein noch ambitionierteres Projekt: die „Teach Chess India Mission“ von ChessBase India (ChessBase India 2023). Alles begann in einem Kinderheim in Chembur, einem Stadtteil im Nordosten Mumbais. Sagar Shah und seine Freunde besuchten das Heim, in dem Waisenkinder und Kinder ohne Eltern leben, und boten an, Schach zu unterrichten.
Die ersten Stunden waren chaotisch. Die Kinder kannten weder die Namen der Figuren noch die Regeln. Sie nannten den Läufer „Rakete“, den Bauern „Soldat“. Shah musste seine gewohnte Unterrichtsmethode komplett überdenken. „Ich habe schnell gemerkt, dass wir nur vorankommen, wenn ich die traditionelle Art des Schachunterrichts aufgebe und die Art annehme, wie sie lernen wollen“, schreibt er (ChessBase India 2023). Also lehrte er die Rakete fliegen – diagonal, immer diagonal, genau wie ein Läufer.
Die Kinder hatten ihre eigenen Kämpfe auszufechten. Sie kamen oft nicht in bester Stimmung zum Unterricht. Aber sie freuten sich auf die Samstage, auf die regelmäßigen Besuche, auf jemanden, der sich für sie interessierte. „Sie brauchten nicht noch mehr Disziplin in ihrem Leben“, sagt Shah. „Was sie brauchten, war jemand, der sich aufrichtig für sie interessiert und liebevoll mit ihnen umgeht“ (ChessBase India 2023).
Vom Blatt zur Strategie
Um den Kindern das Schach beizubringen, entwickelten die Freiwilligen Arbeitsblätter. Blatt 1: die Grundlagen. Blatt 2: der Turm. Blatt 3: der Läufer. Bis Blatt 12 oder 13 lernten sie bereits, wie man angreift, verteidigt, Fesseln und Gabeln setzt. Wer zehn Blätter geschafft hatte, bekam eine eigene Sammelmappe – für die Kinder ein begehrtes Statussymbol (ChessBase India 2023).
Nach sechs Monaten, etwa 24 Unterrichtseinheiten, veranstalteten sie das erste Turnier. Die Kinder waren aufgeregt, die Zeit lief, Entscheidungen mussten getroffen werden – und plötzlich begriffen sie, dass Schach mehr ist als Lernen. Es ist Sport, es ist Wettkampf, es ist Leidenschaft.
Die Wirkung ging weit über das Schachbrett hinaus. Ein Betreuer im Heim bemerkte, dass die Kinder verantwortungsbewusster wurden, sich mehr um ihre Hygiene kümmerten, insgesamt glücklicher wirkten (ChessBase India 2023). Schach hatte etwas in ihnen bewegt, das kein Unterricht und keine Ermahnung je geschafft hatten.
Ein Teenager programmiert seine Vision
Während ChessBase India die Massen erreicht, geht ein 17-Jähriger einen eigenen Weg. Krrish Makhijani, Schüler der Jamnabai Narsee International School, hat mit „The End Game“ eine Plattform geschaffen, die Schach mit mentaler Gesundheit verbindet (Lokmat Times 2024). Er hat die Website selbst programmiert, die Inhalte entwickelt, das Konzept erdacht.
„Schach ist mehr als ein Spiel“, sagt Krrish. „Es ist ein Werkzeug, um Konzentration, strategisches Denken und einen ruhigeren Geist zu entwickeln. Wir wollen Gespräche über psychische Gesundheit normalisieren, während wir Schüler in Aktivitäten einbinden, die ihr kognitives und emotionales Wohlbefinden verbessern“ (Lokmat Times 2024).
Sein Projekt schafft Räume für Gleichaltrige, in denen sie über mentale Gesundheit sprechen können – angeleitet von Peers, nicht von Erwachsenen. Gleichzeitig trainieren sie Schach, entwickeln Problemlösungsfähigkeiten und lernen, mit Niederlagen umzugehen. Eine Kombination, die so einfach wie genial ist.
Ein Netzwerk wächst
Die Teach Chess India Mission hat inzwischen Dutzende Freiwillige, die in Kinderheimen, Schulen und Slums unterrichten. Besonders gesucht sind weibliche Freiwillige für zwei Heime in Panvel und Vasai – denn Mädchen und junge Frauen haben oft noch schlechteren Zugang zu solchen Angeboten (ChessBase India 2023).
Der Chess Temple in Vidyavihar wird regelmäßig für Workshops und Trainings genutzt, auch für angehende Schiedsrichter. Sagar Shah träumt von einem Netzwerk solcher Zentren in ganz Indien. „Die Idee ist, es in einen regelmäßigen Raum für Schach-Workshops und Veranstaltungen für Spieler und Schiedsrichter zu verwandeln. Ein Gemeinschaftsort, der Amateure und Profis gleichermaßen willkommen heißt“ (Mid-Day 2024).
Und Krrish Makhijani arbeitet daran, „The End Game“ auszuweiten. Neben Schach engagiert er sich auch für Wasserschutz („Urban Moisture Project“) und die Ausbildung benachteiligter Jugendlicher („Hands On Hope“). Drei Projekte, alle von einem 17-Jährigen initiiert, programmiert, umgesetzt (Lokmat Times 2024).
Raketen, die fliegen lernen
Der Junge im Chess Temple hat inzwischen seinen Läufer wieder als Rakete bezeichnet, aber er weiß genau, wie sie zu ziehen ist. Diagonal, immer diagonal. Er hat sein erstes Turnier gewonnen, eine Urkunde bekommen, die er stolz seiner Mutter zeigt. Er spricht davon, vielleicht einmal Großmeister zu werden.
Vielleicht wird er es nicht. Vielleicht wird er etwas ganz anderes. Aber er hat gelernt, dass man mit Geduld, Übung und einem guten Lehrer aus einem Bauern eine Dame machen kann. Dass aus einer Rakete ein Läufer wird, der das Spiel entscheidet. Und dass Schach mehr ist als ein Spiel – es ist eine Schule fürs Leben.
Quellen:
ChessBase India (2023): Launching the Teach Chess India Mission. Verfügbar unter: https://www.hindi.chessbase.in/news/Teach-Chess-India-Mission
Lokmat Times (2024): Mumbai Teen Krrish Makhijani Drives Change Through Social Innovation Projects. Verfügbar unter: https://www.lokmattimes.com/business/mumbai-teen-krrish-makhijani-drives-change-through-social-innovation-projects
Mid-Day (2024): This new community space in Vidyavihar wants to take chess to more neighbourhoods in Mumbai. Verfügbar unter: https://www.mid-day.com/mumbai-guide/things-to-do/article/check-it-out-mate-23379898
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