KÜSTENDÜNEN-RENATURIERUNG IN DÄNEMARK [DÄNEMARK]
Hanne Kvist Jensen kniet im Sand, die Hände tief in der kargen Erde, neben ihr ein Bündel Strandhafer. Die Herbststürme haben wieder ganze Arbeit geleistet, die Dünenkante weiter ins Landesinnere gedrückt, den weißen Sand freigelegt, der sonst von den Gräsern gehalten wird. Jensen ist eine von vielen Dünenvögten (Klitfoged) in Dänemark, angestellt vom dänischen Naturstyrelsen, um die Küstenlinie zu bewachen (Esmark 2025). Ihr Werkzeug: kein Beton, keine Stahlverbauungen, sondern Pflanzen.
„Die Dünen wandern nach Osten. Sie verschieben sich im Laufe der Jahre und wir schütten sie wieder auf. Denn wir können nicht ganz verhindern, dass sie wandern“, erklärt sie (Esmark 2025). Also pflanzt sie Strandhafer, dort wo Wind und Wetter – und Menschen – die Dünen strapazieren. Jedes Jahr aufs Neue.
[Wusstest du? Strandhafer ist ein Überlebenskünstler. Seine bis zu drei Meter langen Wurzeln halten den Sand fest, seine Blätter bremsen den Wind und fangen neuen Sand ein – so wächst die Düne jedes Jahr ein Stück weiter. Kein Wunder, dass die Dänen auf ihn setzen.]
Ein jahrhundertealter Kampf
Die Sandflucht (Sandflugt) ist in Dänemark keine neue Erscheinung. In der Vergangenheit mussten ganze Dörfer aufgegeben werden, weil Wanderdünen sie verschütteten (DK-Ferien 2025). Wind und fehlende Bewaldung ließen den Sand meterweit ins Landesinnere wandern, begruben Äcker, Häuser und Kirchen unter sich.
Heute sind die meisten dänischen Dünen unter Schutz gestellt. Die Kommunen investieren jährlich viele Arbeitsstunden in den Küstenschutz, besonders um den Sandflug einzudämmen (Esmark 2025). Von Hand wird Strandhafer gepflanzt, Pfade werden mit Heu und Stroh belegt. Denn jeder Tritt durch die Dünen bewegt Sand, schädigt die empfindlichen Pflanzen und kann die Erosion beschleunigen.
*[Wusstest du? Die Kartoffel-Rose (Rosa rugosa) ist in Dänemark zum Problem geworden. Die aus Asien stammende invasive Art verdrängt die heimische Dünenvegetation und zerstört das empfindliche Ökosystem. Die Bekämpfung ist aufwendig – selbst nach Rodung treibt sie aus Wurzelresten wieder aus (Esmark 2025).]*
Naturbasierte Lösungen für die Zukunft
2024 startete das Interreg-Projekt „MANABAS COAST“, an dem die dänische Küstenbehörde beteiligt ist. Ziel ist es, naturbasierte Lösungen für den Küstenschutz zu skalieren – also genau das, was Hanne Kvist Jensen schon immer tut: Sanddünen als natürliche Schutzschilde nutzen (Interreg 2024).
Per Sørensen von der dänischen Küstenbehörde erklärt: „Die Nutzung natürlicher Elemente wie Sanddünen, um Gebiete gegen Bedrohungen wie Meeresspiegelanstieg, Sturmfluten, Erosion und Hitzestress zu schützen, ist der Kern unserer Arbeit“ (Interreg 2024). Das Projekt baut auf den Ergebnissen des Vorgängerprojekts „Building with Nature“ auf und bringt 14 Partner aus sechs Ländern zusammen.
Auch die Forschung zieht nach. Im EU-Projekt „DuneFront“ untersuchen Wissenschaftler, wie sich Dünen-Deich-Hybridsysteme besser prognostizieren lassen (TU Braunschweig 2025). Professor Nils Goseberg von der TU Braunschweig: „Die Nutzung natürlicher Prozesse wie des windgetriebenen Sandtransports zur Nährung der Dünen im Sommer für den Aufbau zum Schutz vor Sturmfluten im Winter ist eine kluge, nachhaltige und naturverträgliche Lösung“ (TU Braunschweig 2025).
Ein Modell für Europa
Dänemark gehört neben den Niederlanden, Deutschland, Schweden, Belgien, Frankreich und Portugal zu den Ländern, die diesen hybriden Ansatz gemeinsam erforschen (TU Braunschweig 2025). Die Erkenntnisse aus zwölf verschiedenen Dünen-Deich-Systemen in sechs Ländern fließen in nationale und regionale Politiken ein.
In Norre Lyngby an der Westküste Jütlands wurde 2018 das erste große biologische Küstenschutzprojekt Dänemarks realisiert. Eine 130 Meter lange Anlage nutzt die Kräfte der Natur, um mehrere Häuser vor dem Absturz durch Küstenerosion zu bewahren (GroundPlug 2025). Die Anlage besteht aus 100 Prozent natürlichen Materialien und baut im Sommer einen Sandspeicher auf, der im Winter vom Meer wieder abgetragen werden kann – ein Kreislauf, der funktioniert.
Was Urlauber wissen müssen
Die Dünen sind nicht nur schön anzusehen, sie haben eine wichtige Funktion. Deshalb gelten klare Regeln: Nur die vorhandenen Pfade nutzen, nicht in den Dünen graben, keine Feuer anzünden, Hunde anleinen und keinen Müll hinterlassen (Esmark 2025). Jeder Verstoß kann Jahre der natürlichen Regeneration zunichtemachen.
Hanne Kvist Jensen wird auch im nächsten Herbst wieder mit ihrem Strandhafer anrücken. Sie weiß, dass der Kampf nie endet. Aber sie weiß auch: Mit jeder Pflanze, die sie setzt, gewinnt die Küste ein Stück Stabilität – und die Menschen, die hinter den Dünen leben, ein Stück Sicherheit.
Quellen:
Esmark (2025): Schutz unserer Dünen an der Nordsee – Ein gemeinsames Anliegen. Verfügbar unter: https://esmark.de/duenen-an-der-nordsee/
DK-Ferien (2025): Natur in Dänemark – Renaturierung und Sandflucht. Verfügbar unter: https://www.dk-ferien.de/reisefuehrer/tipps-daenemark/natur.html
Interreg North Sea (2024): Safeguarding the shores of Denmark – MANABAS COAST. Verfügbar unter: https://www.interregnorthsea.eu/our-news/safeguarding-the-shores-of-denmark
TU Braunschweig (2025): LWI HYKU | Küstenschutz im Klimawandel: Innovative Dünen-Deich-Lösungen. Verfügbar unter: https://www.tu-braunschweig.de/abu/forschung-und-institute/lwi-hyku-kuestenschutz-im-klimawandel-innovative-duenen-deich-loesungen
GroundPlug (2025): Küstenschutz – Nachhaltige Lösungen aus Dänemark. Verfügbar unter: https://groundplugindustry.com/de/kuestenschutz/
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