Im Moor leben viele Tiere, unter anderem Kraniche. Foto von Transly Translation Agency auf Unsplash

MOORSCHUTZ DURCH KRANICHBERINGUNG IN WEISSRUSSLAND [WEISSRUSSLAND]

Die Sümpfe Weißrusslands waren einst die größten Europas. Torfmoore, die sich über Jahrtausende gebildet hatten, bedeckten weite Teile des Landes – Lebensraum für seltene Vögel, Pflanzen und unzählige Insekten. Dann kamen die Sowjets, legten die Moore trocken, gewannen Torf für die Industrie und verwandelten Feuchtgebiete in landwirtschaftliche Flächen. Was übrig blieb, waren verbrannte Erde, austrocknende Böden und eine Landschaft, die ihre Seele verloren hatte. Doch ein Mann hat sich diesem Verlust verschrieben: Dr. Alexander Kozulin, der Vater der weißrussischen Moor-Renaturierung.

[Wusstest du? Weißrussland wurde früher das „Land der Sümpfe“ genannt. Über 2,6 Millionen Hektar Moorfläche gab es einst – mehr als in den meisten anderen europäischen Ländern. Mehr als 1,5 Millionen Hektar davon wurden entwässert, trockengelegt und zerstört.]

Ein Leben für die Moore

Dr. Alexander Kozulin wuchs umgeben von Mooren und Wäldern auf. Als Junge ging er mit seinem Vater und Bruder auf die Jagd, sammelte mit seiner Mutter Preiselbeeren in den weiten Sumpflandschaften. Diese Kindheitserinnerungen prägten sein Leben. In den 1990er Jahren, als er als Forscher an der Akademie der Wissenschaften arbeitete, beobachtete er etwas Beunruhigendes: Die Zahl vieler Wasservögel ging dramatisch zurück. Seine Forschung zeigte den Zusammenhang – die Entwässerung der Moore zerstörte ihren Lebensraum, ließ seltene Arten verschwinden und setzte gewaltige Mengen Kohlenstoff frei (PANORAMA 2025).

[Wusstest du? In den Mooren Weißrusslands lebt über 60 Prozent der weltweiten Population des Seggenrohrsängers (Aquatic Warbler) – einer der seltensten Singvögel Europas. Ohne die Moore wäre diese Art längst ausgestorben.]

2008 begann Kozulin gemeinsam mit dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), der Global Environment Facility und internationalen Partnern ein ehrgeiziges Projekt. Die Idee: Nicht nur einzelne Moore zu schützen, sondern ein landesweites Modell für die Renaturierung zu entwickeln, das weltweit Schule machen könnte.

Ein Know-how, das Grenzen überwindet

Kozulins Team entwickelte eine Methode, die auf Einfachheit setzt. Statt teurer Betonbauwerke werden die Entwässerungsgräben mit lokalem Material verschlossen – mit Holz, Torf und Erde. Die Konstruktionen sind regulierbar, sodass der Wasserstand je nach Bedarf angepasst werden kann. Ein Algorithmus berechnet, wie viele solcher Sperren wo nötig sind, abhängig von Größe, Höhenlage und Zustand der Gräben (PANORAMA 2025).

Zwischen 2009 und 2011 wurden auf 22.397 Hektar degradierter Moore die ersten Renaturierungen durchgeführt – zehn Versuchsflächen, die zeigten, dass die Methode funktioniert. Schon nach einem Jahr kehrte die typische Feuchtgebietsvegetation zurück, vor allem Seggen-Gesellschaften. Die Zahl der Wasservögel stieg um 12 bis 16 Prozent (PANORAMA 2025).

Der Erfolg war so überzeugend, dass das Modell Schule machte. Bis 2019 wurden in Weißrussland weitere 32.000 Hektar ohne externe Förderung renaturiert. Die Gesamtfläche stieg auf über 50.000 Hektar. Und Kozulins Know-how wanderte weiter: In Russland wurden damit über 40.000 Hektar wiedervernässt, in der Ukraine etwa 3.000 Hektar ehemalige landwirtschaftliche Moorflächen (PANORAMA 2025).

Politik zieht nach

2015 verabschiedete der Ministerrat Weißrusslands eine Strategie für nachhaltige Nutzung aller Moore. Das Papier verhindert jeden weiteren Verlust von Moorflächen, erlaubt Torfabbau nur dort, wo keine Biodiversität verloren geht, und schreibt die Wiedervernässung nach der Nutzung verbindlich vor (PANORAMA 2025).

Was Kozulin und sein Team erreicht haben, ist mehr als technische Innovation. Sie haben ein Umdenken bewirkt – von der kurzfristigen Ausbeutung zur langfristigen Verantwortung. Jährlich werden heute etwa 448.000 Tonnen CO₂-Äquivalente eingespart, die sonst durch Moorbrände und Mineralisation freigesetzt worden wären. Die wiedervernässten Flächen brennen nicht mehr. Sie werden zu beliebten Ausflugszielen, Angelplätzen und Beerenfeldern (PANORAMA 2025).

Kraniche als Botschafter

Die Rückkehr der Moore ist auch die Rückkehr der Vögel. Auf den renaturierten Flächen wurden Arten registriert, die lange verschwunden waren: der Seggenrohrsänger, der Schreiadler, die Uferschnepfe, die Bekassine. Sie alle profitieren von den wiedervernässten Flächen, von den Seggenwiesen und Schilfgürteln.

Die Kraniche, die einst durch die Trockenlegung vertrieben wurden, kehren zurück. Ihre Rufe hallen wieder über die Sümpfe – ein Zeichen, dass die Renaturierung wirkt. Für Kozulin sind sie die besten Botschafter seiner Arbeit. „Meine Kindheit war umgeben von Mooren und Wäldern“, sagt er. „Heute arbeiten wir daran, dass meine Enkel das gleiche erleben können“ (PANORAMA 2025).


Quellen:

PANORAMA (2025): Belarus‘ model for restoration of temperate peatlands. Verfügbar unter: https://panorama.solutions/en/solution/belarus-model-restoration-temperate-peatlands

UNDP Belarus (2024): Peatland Restoration Programme – Annual Report. Minsk. (Referenz aus PANORAMA-Daten)

guteideenblog.org sollte ein interner Link sein. guteideenblog.org © 2025 by Gute Ideen ist lizenziert unter CC BY 4.0. Kurz erklärt: Nutze alles und verlinke auf diesen Artikel.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert