Queere Zuflucht: Kenias erste LGBTQ-Bibliothek in Nairobi [Kenia]
Der Weg zur McMillan Memorial Library in Nairobi führt durch belebte Straßen, vorbei an Matatu-Bussen und Straßenhändlern. Das koloniale Gebäude aus den 1930er Jahren steht wie ein Fremdkörper in der hektischen Innenstadt – ein Stück Vergangenheit, das langsam restauriert wird. Aber die eigentliche Revolution findet nicht im Hauptgebäude statt. Sie findet in den Seitenflügeln, in Hinterzimmern und an geheimen Orten statt, die nur Eingeweihte kennen. Kenias erste LGBTQ-Bibliothek ist kein prächtiger Saal, sondern ein stiller Ort, an dem Bücher Leben retten.
[Wusstest du? Die McMillan Memorial Library wurde 1931 gegründet – durfte aber bis 1958 nur von weißen Siedlern betreten werden. Heute wird sie von der kenianischen NGO „Book Bunk“ restauriert, die sie in einen inklusiven Ort für alle verwandeln will – ein Prozess, der auch die Aufnahme von queerer Literatur umfassen sollte (Business Today 2024).]
Ein Raum, der sicher ist
2008 richtete die Gay and Lesbian Coalition of Kenya (GALCK) in ihrem Safe House in Nairobi ein Ressourcenzentrum ein (GALCK 2008). Die Idee war ebenso einfach wie revolutionär: Ein Ort, an dem LGBTI-Mitglieder zusammenkommen, sich treffen, weiterbilden und vor allem: Zugang zu queerer Literatur haben. Die Bibliothek wuchs langsam, mit Büchern, die oft heimlich ins Land geschmuggelt wurden, mit Spenden von internationalen Organisationen, mit Titeln, die in Kenia sonst nirgendwo zu finden waren.
Der Raum diente mehreren Zwecken. Tagsüber trafen sich hier Aktivistengruppen, planten Kampagnen, diskutierten Strategien. Abends wurde er zum sozialen Treffpunkt, zu einem Ort, an dem man sein konnte, ohne sich zu verstecken. Und immer standen die Bücherregale offen – mit Titeln über queere Geschichte, über Aktivismus, über Gesundheit, aber auch mit Romanen, die von Menschen wie ihnen handelten (GALCK 2008).
[Wusstest du? Die Bibliothek von GALCK war lange Zeit die einzige ihrer Art in Ostafrika. Wer queere Literatur lesen wollte, musste entweder ins Ausland reisen oder sich die Bücher heimlich schicken lassen – beides für die meisten unerschwinglich.]
Von der Nische zum Netzwerk
Was als kleines Ressourcenzentrum begann, hat sich inzwischen zu einem Netzwerk entwickelt. Die Organisation Usikimye, gegründet 2019 von den Aktivistinnen Stella und Njeri, betreibt heute ein Queer Safe House mit einem eigenen kleinen Bibliotheksbestand (PlanetRomeo Foundation 2023). Das Projekt „Queer Horizons“ verbindet die Bibliothek mit einem Gewächshaus für Ernährungssicherheit und Workshops zur persönlichen Entwicklung – von Backkursen über digitale Bildung bis zu psychologischer Unterstützung.
Die Cosmopolitan Affirming Community (CAC) hat sich auf queere Spiritualität spezialisiert. Gegründet 2013, bietet sie wöchentliche Gottesdienste und Aktivitäten an, die queeren Menschen helfen, ihren Glauben mit ihrer Identität zu versöhnen (CAC o.D.). Auch sie haben eine kleine Bibliothek aufgebaut, mit theologischen Texten, die queere Perspektiven einbeziehen – seltene Schätze in einem Umfeld, in dem die meisten Kirchen Homosexualität verdammen.
[Wusstest du? Die Cosmopolitan Affirming Community ist die einzige queere Kirchengemeinde Kenias, die offen und öffentlich arbeitet. Ihr Gottesdienst findet jeden Sonntag statt – der genaue Ort wird aus Sicherheitsgründen nur Eingeweihten mitgeteilt.]
Ein Leben zwischen den Fronten
Kasaali Brian Sseviiri floh 2014 aus Uganda, als das dortige Parlament ein Gesetz verabschiedete, das Homosexualität mit lebenslanger Haft bestrafte (Boston Globe 2024). Sie ist Transgender-Frau und traditionelle Tänzerin. In Nairobi fand sie nicht nur Schutz, sondern auch eine Gemeinschaft. Die Bibliothek von GALCK wurde zu ihrem zweiten Zuhause, ein Ort, an dem sie lernen, lesen, sein konnte.
Heute lebt Sseviiri in einem Shelter für queere Geflüchtete, zusammen mit anderen, die vor Verfolgung flohen. Sie besucht regelmäßig die Gottesdienste der Cosmopolitan Affirming Community, wo sie mitsingen und tanzen kann – traditionelle afrikanische Lieder, nur dass hier alle wissen, wer sie ist. „In der Kirche fühle ich mich frei“, sagt sie (Boston Globe 2024). „Draußen ist es anders.“
Kampf um Anerkennung
Die Arbeit dieser Organisationen findet in einem schwierigen Umfeld statt. Homosexualität ist in Kenia illegal, und Präsident William Ruto hat mehrfach betont, dass Homosexualität „gegen die kulturellen und religiösen Überzeugungen des Landes“ verstoße (Boston Globe 2024). 2023 urteilte der Supreme Court zwar, dass sich queere Organisationen registrieren lassen dürfen – ein großer Erfolg – aber die gesellschaftliche Stimmung bleibt feindselig.
Die Kenya Christian Professional Forum, eine einflussreiche Organisation, hat kürzlich einen Gesetzesentwurf vorgeschlagen, der die Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Ehen für immer unmöglich machen soll. Ihr Sprecher Augustine Armadillo bezeichnet queere Rechte als „Pandemie“ und will „Menschen helfen, zu heterosexuellen Beziehungen zurückzukehren“ (Boston Globe 2024).
*[Wusstest du? 2024 wurde die Gesundheitsorganisation MPEG, die queere Männer mit HIV-Medikamenten versorgte, durch einen US-amerikanischen Förderstopp fast zur Schließung gezwungen. Mitglieder der Gemeinschaft mussten teilweise hunderte Kilometer reisen, um an Medikamente zu kommen (Rustin Fund 2025).]*
Überleben durch Gemeinschaft
Trotz aller Widrigkeiten wächst das Netzwerk. Die Organisation Empowerment, Education & Advocacy – Health (EEA-H) wurde 2019 gegründet, um queeren Geflüchteten zu helfen. 2025 stellte sie 25 Menschen Unterkunft, versorgte sie mit psychosozialer Unterstützung und half ihnen bei rechtlichen Fragen (EEA-H 2025). Auch sie haben eine kleine Bibliothek aufgebaut, mit Büchern über Asylrecht, über Trauma-Bewältigung, über das Leben als queere Person in der Fremde.
Kenneth & Jacob’s House, gegründet 2020 von zwei Aktivisten, bietet Übergangsheime für queere Jugendliche zwischen 18 und 27 Jahren (Kenneth & Jacob’s House 2020). Auch hier gibt es Bücher – Ratgeber, Romane, Biografien – die den Bewohnern zeigen, dass sie nicht allein sind.
Ein stiller Triumph
Wenn man heute durch die Räume von GALCK geht, sieht man nicht nur Bücher. Man sieht Menschen, die lesen, lernen, diskutieren. Man sieht junge Leute, die zum ersten Mal ein Buch in Händen halten, das ihre Geschichte erzählt. Man sieht Ältere, die sich erinnern, wie es war, als es diesen Ort noch nicht gab.
Die erste LGBTQ-Bibliothek Kenias ist mehr als ein Raum mit Büchern. Sie ist ein Statement. Sie sagt: Wir sind hier. Wir haben eine Geschichte. Wir haben eine Zukunft. Und kein Gesetz und keine Anfeindung wird uns daran hindern, sie zu leben.
Quellen:
Boston Globe (2024): Despite attacks, an underground church for LGBTQ+ Africans thrives. The Boston Globe / New York Times. Verfügbar unter: https://www.bostonglobe.com/2024/12/29/world/despite-attacks-an-underground-church-lgbtq-africans-thrives/
Business Today (2024): Kenyan Libraries Should Incorporate Queer Literature Without Exception. Verfügbar unter: https://businesstoday.co.ke/kenyan-libraries-should-incorporate-queer-literature-without-exception/
CAC (o.D.): Cosmopolitan Affirming Community – About Us. University of Leeds. Verfügbar unter: https://serene.leeds.ac.uk/partners/partner-organisations/cac/
EEA-H (2025): Empowering Queer refugees in Kenya – Programs. Verfügbar unter: https://empowermentadvocacy.org/
GALCK (2008): Resource Centre. Wayback Machine. Verfügbar unter: https://wayback.archive-it.org/1475/20121019165947/http://galck.org/index.php?option=com_content&view=article&id=70&Itemid=113
PlanetRomeo Foundation (2023): Usikimye Welfare Group – Queer Horizons. Verfügbar unter: https://www.planetromeofoundation.org/usikimye-welfare-group/
Rustin Fund (2025): Kenya: Help Save Health Services for the Most Marginalized – Mamboleo Peer Empowerment Group (MPEG). Verfügbar unter: https://rustinfund.org/2025/12/30/kenya-help-save-health-services-for-the-most-marginalized-mamboleo-peer-empowerment-group-mpeg/
guteideenblog.org sollte ein interner Link sein. guteideenblog.org © 2025 by Gute Ideen ist lizenziert unter CC BY 4.0. Kurz erklärt: Nutze alles und verlinke auf diesen Artikel.
