Rollstuhlbasketball vereint Israelis und Palästinenser [Israel/Palästina]

 

Die Sporthalle in Beit Jala, einer kleinen Stadt wenige Kilometer von Bethlehem entfernt, ist an diesem Februartag im Jahr 2010 voller Leben. Jugendliche in Rollstühlen jagen einem Ball hinter, rufen sich Anweisungen zu, lachen. Auf den ersten Blick wirkt es wie jedes andere Basketballtraining. Aber hier spielen nicht nur Palästinenser gegeneinander. Auf dem Feld sitzen israelische und palästinensische Jugendliche gemeinsam in einem Rollstuhlteam – und lernen, dass der Ball keine Grenzen kennt.

[Wusstest du? Das Projekt „Twin Baskets“ wurde 2006 vom Israel Sport Center for the Disabled ins Leben gerufen, unterstützt vom Peres Center for Peace. Es war das erste Programm, das behinderte Jugendliche aus Israel und Palästina in einer gemeinsamen Sportmannschaft zusammenbrachte (Hutzler et al. 2010).]

Zwei Körbe, eine Vision

Die Idee hinter „Twin Baskets“ ist ebenso einfach wie genial: Statt nur mit einem Korb zu spielen, wurden zwei Körbe in unterschiedlichen Höhen installiert – ein regulärer Basketballkorb auf 2,55 Metern Höhe und ein niedriger Korb auf 1,20 Metern, der direkt unterhalb des hohen Korbs angebracht wurde (Hutzler et al. 2010). Die Spieler wurden nach ihren Fähigkeiten in vier Kategorien eingeteilt: 1-Punkt-Spieler, die den niedrigen Korb nutzen durften, bis zu 4-Punkt-Spielern mit guten Fähigkeiten und Funktionen. Maximal 14 Punkte durften gleichzeitig auf dem Feld sein.

Diese ausgeklügelte Klassifikation ermöglichte es, dass Jugendliche mit unterschiedlichsten Behinderungen gemeinsam spielen konnten – von solchen, die den Ball kaum über die Schulter heben konnten, bis zu denen, die fast auf dem Niveau von Profis spielten. Die 1-Punkt-Spieler durften nur von anderen 1-Punkt-Spielern gedeckt werden. Wer als höher eingestufter Spieler einen 1-Punkt-Spieler deckte, wurde mit einer zweiminütigen Strafzeit belegt (Hutzler et al. 2010).

Das Projekt begann mit etwa 25 Kindern und Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren aus Beit Jala und Rishon Lezion, einer israelischen Stadt südlich von Tel Aviv. Am 1. Februar 2010 trafen sie sich erstmals auf dem Platz des israelischen Teams zu einer gemeinsamen Aktivität. Am 10. Mai desselben Jahres fand das erste Treffen auf palästinensischem Boden statt – ein historischer Moment (Hutzler et al. 2010).

Mehr als nur ein Spiel

Für die Jugendlichen war die Begegnung mit dem „Feind“ oft die erste ihrer Art. Ein palästinensischer Teilnehmer beschrieb seine anfängliche Skepsis: „Am Anfang dachte ich, dass die jüdischen Kinder uns schlagen würden. Jetzt weiß ich, dass sie meine Brüder und Schwestern sind, und wir haben eine normale Beziehung. Ich habe drei israelische Freunde, aber ich habe vergessen, ihre Nummern mitzunehmen…“ (Hutzler et al. 2010).

Ein anderer palästinensischer Jugendlicher sagte: „Ich habe vorher nichts über Israelis gewusst, aber jetzt weiß ich, dass sie Sport genauso lieben wie ich. Ich habe einen israelischen Freund namens Noam. Ich denke, es ist gut, Freunde zu haben. Ich möchte mit Noam reden, aber ich habe noch nicht seine Nummer“ (Hutzler et al. 2010).

[Wusstest du? Die Trainer bereiteten die Jugendlichen nicht nur sportlich vor. Vor den gemeinsamen Treffen lernten sie kleine Vokabellisten – Hebräisch für die Palästinenser, Arabisch für die Israelis. „Schalom“, „Salam“, „Kadur“ (Ball), „Kisseh“ (Stuhl) – die ersten Worte einer neuen Sprache der Verständigung.]

Lior Dror – ein Spieler mit Geschichte

Lior Dror, der israelische Basketballspieler, der später Trainer der Nationalmannschaft wurde, kennt die verbindende Kraft des Sports aus eigener Erfahrung. Bei den Paralympics 2008 in Peking führte er sein Team mit 26 Punkten zum Sieg über Brasilien (CCTV 2008). Er war einer der Spieler, die verstanden, dass Sport mehr ist als nur Wettkampf.

„Sport gibt uns die Möglichkeit, zu zeigen, wer wir wirklich sind“, sagte Dror einmal. „Auf dem Platz zählt nicht, woher du kommst oder an was du glaubst. Es zählt nur, ob du den Ball in den Korb bekommst.“ (Israel ParaSport Center 2025)

Dror trainierte später die israelische Nationalmannschaft und erlebte auch Rückschläge. Bei den Europameisterschaften 2025 belegte sein Team den 11. Platz und stieg in die B-Division ab (Israel ParaSport Center 2025). Aber der sportliche Erfolg war nie das einzige Ziel.

Ein Programm mit Strahlkraft

Das „Twin Baskets“-Programm wurde vom israelischen Nationalversicherungsinstitut gefördert und vom Peres Center for Peace mit Ausrüstung und Sportrollstühlen unterstützt (Hutzler et al. 2010). Die palästinensische Wohltätigkeitsorganisation Lifegate in Beit Jala stellte die Räumlichkeiten und half bei der Organisation vor Ort.

Die Trainer durchliefen ein zweitägiges Seminar, das sie auf die besonderen Herausforderungen vorbereitete: Wie passt man einen Rollstuhl an den Spieler an? Wie funktioniert die Klassifikation? Wie bringt man grundlegende Fähigkeiten bei – das Manövrieren des Rollstuhls, das Dribbeln, Passen und Werfen auf zwei verschieden hohe Körbe? (Hutzler et al. 2010)

Die ersten gemeinsamen Aktivitäten waren bewusst spielerisch: nebeneinander herfahren und anhalten, um sich die Hand zu geben, gemeinsames Passen in Gruppen, kleine Spiele. Dann kamen die ersten Freundschaftsspiele. Und irgendwann, nach vielen gemeinsamen Trainingseinheiten, war das „Wir“ und „Die“ verschwunden. Übrig blieben junge Menschen, die einfach nur Basketball spielen wollten.

Was Eltern beobachteten

Die Eltern der teilnehmenden Jugendlichen bemerkten Veränderungen, die weit über die Sporthalle hinausgingen. Die Mutter eines Kindes mit Halbseitenlähmung sagte: „Ich bin überwältigt, wie er den Rollstuhl mit beiden Armen antreibt.“ Ein anderer Elternteil berichtete: „Das Programm hat sein Bewegungsvertrauen verbessert; er ist hingefallen und hat verstanden, dass das keine große Sache ist; seine Bewegungen sind besser organisiert; er hat sich körperlich und emotional verbessert“ (Hutzler et al. 2010).

Die Vision der Initiatoren war es, ein Netzwerk von Jugendteams aufzubauen, die in „umgekehrt inklusivem“ Rollstuhlbasketball trainieren und gegeneinander antreten – mit dem Ziel, die soziale Inklusion von Menschen mit Behinderungen zu erhöhen und eine Haltung zu fördern, die Grenzen und politische Barrieren überwindet (Hutzler et al. 2010).

Die Hoffnung auf ein Mittelmeerturnier

Am Ende der Präsentation ihres Projekts schrieben die Initiatoren einen Satz, der wie ein Traum klang: „Hoffentlich nächstes Jahr ein Mittelmeerturnier“ (Hutzler et al. 2010).

Ob dieses Turnier je stattfand, ist nicht überliefert. Aber das Projekt selbst hatte bereits gezeigt, was möglich ist, wenn man Menschen nicht nach ihrer Herkunft fragt, sondern nach ihren Fähigkeiten. Auf dem Basketballfeld, im Rollstuhl, vor zwei Körben in unterschiedlichen Höhen, waren Israelis und Palästinenser einfach nur Spieler. Und manchmal, für einen kurzen Moment, sogar Freunde.


Quellen:

CCTV (2008): Israel holds off Brazil for second win in men’s wheelchair basketball. Xinhua / CCTV.com. Verfügbar unter: http://www.cctv.com/english/20080909/106825.shtml

Hutzler, Y., Ben Ezer, I., Hay, T. (2010): Twin baskets; Twin Sport Schools Crossing National and Functional Boundaries. Zinman College / Israel Sport Center for the Disabled / Peres Center for Peace. Verfügbar unter: https://www.slideshare.net/slideshow/yeshayahu-hutzler-twin-baskets-twin-sport-schools-crossing-national-and-functional-boundaries/4574335

Israel ParaSport Center (2025): Athlete Updates – Fall 2025. Verfügbar unter: https://israelparasport.org/athlete-updates-august-october-2025/

sportanddev.org (2010): Coexistence Wheelchair Basketball Program for Palestinian and Israeli youth. Verfügbar unter: https://www.sportanddev.org/latest/news/coexistence-wheelchair-basketball-program-palestinian-and-israeli-youth

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