Der Schneeleopard macht eine Pause. Foto von Rapha Wilde auf Unsplash

Schneeleoparden-Schutz durch Hirtenversicherung in Kirgistan [Kirgistan]

Die Berge im Osten Kirgistans sind rau und unerbittlich. Im Winter fallen die Temperaturen auf minus vierzig Grad, im Sommer brennt die Sonne auf karge Weiden. Hier, im Tian-Shan-Gebirge, leben die letzten Schneeleoparden Zentralasiens – und mit ihnen Hirten, die ihre Schafe und Ziegen über die Hochweiden treiben. Beide kämpfen ums Überleben. Die Hirten brauchen Weideland für ihre Herden, die Schneeleoparden brauchen Wild, das immer seltener wird. Und manchmal, wenn die Not groß ist, reißt ein Leopard ein Schaf. Dann stirbt oft auch der Leopard.

[Wusstest du? Schneeleoparden sind die höchststehenden Großkatzen der Welt. Sie leben in Höhen zwischen 3000 und 4500 Metern – höher als jeder andere Großkatze. Ihr dichtes Fell, die breiten Pfoten und der fast zwei Meter lange Schwanz, der ihnen als Wärmeschutz dient, machen sie perfekt an diese extreme Umgebung angepasst.]

Ein Konflikt mit alten Wurzeln

Jahrhundertelang lebten Hirten und Schneeleoparden in einem fragilen Gleichgewicht. Die Verluste waren gering, die Herden groß, die Racheaktionen selten. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich alles verändert. Die Wildbestände, vor allem Steinböcke und Murmeltiere, sind dramatisch zurückgegangen – durch Jagd, durch Lebensraumverlust, durch Konkurrenz mit den Haustieren.

Die Schneeleoparden haben keine Wahl. Sie weichen auf die Herden aus. Ein einziger Riss kann eine Familie um ihr halbes Jahreseinkommen bringen. Die Hirten wehren sich – mit Fallen, mit Gift, mit Gewehren. Die Bilanz: pro getötetem Leopard gehen etwa vier Schafe verloren, aber jeder Racheakt löscht ein Tier aus, von dem weltweit nur noch zwischen 3000 und 6000 existieren (Le PAL 2025).

[Wusstest du? Ein Schneeleopard tötet nur etwa alle zehn bis fünfzehn Tage ein großes Beutetier. In Regionen mit wenig Wild reißt er im Schnitt zwei bis drei Haustiere pro Jahr – ein Verlust, der für eine Hirtenfamilie existenzbedrohend sein kann, für die Population der Katzen aber verschmerzbar wäre, wenn die Vergeltung ausbliebe.]

Eine Versicherung gegen den Tod

Die Lösung kommt nicht aus der Großstadt, sondern von den Hirten selbst. Der NABU hat gemeinsam mit lokalen Partnern in Pakistan, Kirgistan und Tadschikistan ein System entwickelt, das sowohl die Hirten schützt als auch die Leoparden (NABU 2019). Das Prinzip ist einfach: Die Hirten zahlen eine kleine Prämie in einen gemeinsamen Fonds ein. Wenn ein Leopard ein Schaf reißt, prüft ein Komitee aus Dorfbewohnern den Schaden und zahlt eine Entschädigung aus.

Parallel dazu werden „schneeleopardensichere Ställe“ gebaut – einfache Unterstände mit festen Dächern und stabilen Wänden, in die kein Leopard eindringen kann. Die Hirten liefern die Arbeitskraft, das Material wird vom Projekt gestellt. Die Erfolge sind messbar: In den Regionen mit sicheren Ställen sind die Verluste um über achtzig Prozent zurückgegangen (NABU 2019).

Doch die Versicherung allein reicht nicht. Im Gegenzug verpflichten sich die Gemeinden in sogenannten „Conservation Contracts“, keine Leoparden zu töten und die Wildbestände zu schonen (Snow Leopard Trust 2016). Wer unterschreibt, bekommt nicht nur Schutz, sondern auch Zugang zu weiteren Einkommensquellen – die Frauen werden in Handwerkskunst ausgebildet, ihre Filzprodukte auf internationalen Märkten verkauft, die Erlöse fließen zurück in die Gemeinden.

Ein Monitoring nach einheitlichen Standards

Damit der Schutz wirkt, muss man wissen, wo die Leoparden sind. In Kirgistan, Tadschikistan und Bhutan hat der NABU gemeinsam mit Partnern ein systematisches Monitoring eingeführt – Kamerafallen, Spurensuche, genetische Analysen (NABU 2019). Die ersten Ergebnisse sind ermutigend: Die Bestände in Kirgistan haben sich stabilisiert, sind nicht weiter gesunken.

Parallel dazu läuft das UNEP-Programm „Vanishing Treasures“, das in Kirgistan 15 Schneeleoparden in den Bergen oberhalb der Hauptstadt Bischkek dokumentiert hat (VOA 2020). Die Forscher kartieren die Konfliktzonen, identifizieren Hotspots und testen Lösungen – genau die Kombination aus Versicherung und Stallbau, die sich bereits bewährt hat.

Neue Wege gegen den Klimawandel

2025 hat der Snow Leopard Trust neue Projekte gestartet, die über den reinen Schutz hinausgehen (Le PAL 2025). In den Gemeinden werden Imkereien aufgebaut, Käseproduktionen angesiedelt, Obstgärten angepflanzt. Die Idee: Die Menschen sollen mehrere Einkommensquellen haben, nicht nur von den Herden abhängig sein. Wenn der Klimawandel die Weiden weiter schrumpfen lässt, haben sie Alternativen – und müssen nicht in die letzten Rückzugsgebiete der Leoparden vordringen.

In Pakistan unterstützt der NABU die Einführung von Schneeleoparden-Versicherungen für Weidetierhalter, ebenso wie den Bau von schneeleopardensicheren Ställen (NABU 2019). Dadurch sollen Angriffe auf Weidetiere durch Schneeleoparden von vornherein verhindert werden. Sollte es aber doch dazu kommen, werden die Verluste der Weidetierhalter durch das Versicherungssystem ausgeglichen.

Ein Hoffnungsschimmer im Tian Shan

Die Arbeit ist mühsam, der Fortschritt langsam. Aber die Richtung stimmt. 2018 trafen sich hochrangige Regierungsvertreter aller zwölf Schneeleoparden-Länder im Rahmen des Globalen Schneeleoparden- und Ökosystem-Schutzprogramms (GSLEP) – verfeindete Nationen, die friedlich an einem Tisch saßen, um die Rettung einer einzigen Art zu besprechen (NABU 2019). Auch der NABU war dabei.

In Kirgistan, wo das Projekt begann, arbeiten heute Dutzende Gemeinden mit. Die Hirten, die früher ihre Waffen auf die Leoparden richteten, zahlen heute Prämien in Versicherungen ein, damit die Katzen leben können. Und wenn abends die Sonne hinter den Bergen versinkt, sitzen sie zusammen, trinken Tee und erzählen sich Geschichten – von den alten Zeiten, von den neuen Ställen, von den Leoparden, die jetzt wieder sicherer sind.


Quellen:

Le PAL (2025): Snow Leopard Trust – Association for the Protection of Snow Leopards. Fondation Le PAL. Verfügbar unter: https://en.lepal.com/commit/projects/snow-leopard-trust

NABU (2019): Erfolgsbericht: Globales Schneeleoparden-Schutzprogramm. NABU. Verfügbar unter: https://www.nabu.de/spenden-und-mitmachen/erfolge/26529.html

Snow Leopard Trust (2016): Darwin Initiative – Collaborative conflict management for community livelihoods & snow leopard conservation. Verfügbar unter: https://snowleopard.org/darwin-initiative/

VOA (2020): UN Launches Program to Protect Vanishing Snow Leopards. Voice of America. Verfügbar unter: https://www.voanews.com/a/5451031.html

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