Steppengras hält Wüstenbildung in Kasachstan auf [Kasachstan]
Die Steppe erstreckt sich endlos unter dem blauen Himmel Zentralkasachstans. Im Frühling ist sie ein Blütenmeer – Tulpen, Schwertlilien, Federgras. Im Sommer wird sie gelb, im Winter grau. Aber in den letzten Jahrzehnten hat sich etwas verändert. Immer häufiger kommt der Frühling nicht. Die Steppe bleibt braun, der Wind nimmt den losen Boden mit, trägt ihn hunderte Kilometer weit. Die Wüste wächst – und mit ihr die Verzweiflung der Menschen, die hier leben.
[Wusstest du? Kasachstan verliert jedes Jahr etwa 200 Millionen Tonnen fruchtbaren Boden durch Winderosion. Das entspricht einer Fläche von der Größe des Saarlandes, die jedes Jahr buchstäblich weggeweht wird.]
Ein Nomade und sein Land
Serik Nurpeisov ist siebzig Jahre alt und sein ganzes Leben in der Steppe unterwegs gewesen, mit seinen Schafen, seinen Jurten, seiner Familie. Er hat die besten Zeiten erlebt und die schlechtesten. „Früher war das Gras so hoch, dass es den Schafen bis zum Bauch reichte“, erzählt er. „Heute siehst du überall nur noch nackte Erde.“
Was Nurpeisov beschreibt, ist kein lokales Problem. Die Wüstenbildung hat in Kasachstan dramatische Ausmaße angenommen. Über 70 Prozent der Fläche sind betroffen, vor allem die Regionen um das Aralsee, die Hungersteppe und die Wüste Mujunkum (UNEP 2021). Die Ursachen sind vielfältig: Überweidung, falsche Bewässerung, der Klimawandel – und vor allem die Abholzung der natürlichen Vegetation.
Ein Projekt gegen das Sterben der Steppe
Seit 2015 läuft ein groß angelegtes Projekt der kasachischen Regierung, unterstützt von der UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD). Ziel: die Steppe wiederherzustellen – nicht mit teuren Bewässerungssystemen, nicht mit importierten Pflanzen, sondern mit dem, was dort seit Jahrtausenden wächst: heimische Steppengräser.
Das Projekt heißt „Green Belt – Wiederbegrünung der Steppe“. In den ersten fünf Jahren wurden auf 50.000 Hektar Federgras, Schwingel und andere trockenresistente Gräser ausgesät (UNCCD 2021). Die Setzlinge werden in lokalen Gärtnereien gezogen, von Frauen aus den umliegenden Dörfern gepflegt und dann in die Steppe gepflanzt.
[Wusstest du? Federgras hat Wurzeln, die bis zu zwei Meter tief reichen. Sie holen Wasser aus Schichten, die andere Pflanzen nie erreichen – und halten den Boden fest, selbst bei den stärksten Stürmen.]
Wie man eine Steppe wiederbelebt
Die Technik ist einfach, aber wirkungsvoll. Zuerst wird der Boden mit speziellen Maschinen aufgeraut – eine Art Impfung, die das Wasser besser versickern lässt. Dann werden die Grassamen ausgebracht, oft gemischt mit Saatgut von Wermut und anderen Steppenkräutern. Danach wird die Fläche für mindestens zwei Jahre gesperrt – kein Vieh, keine Menschen, keine Nutzung.
Die ersten Erfolge sind sichtbar. In den geschützten Flächen ist die Vegetationsdichte um das Dreifache gestiegen, die Bodenerosion um 80 Prozent zurückgegangen (UNCCD 2021). Die Tiere kommen zurück – Saiga-Antilopen, Steppenfüchse, Adler. Und die Nomaden, die zuerst skeptisch waren, erkennen, dass die gesperrten Flächen später bessere Weiden sind.
Ein Modell für Zentralasien
Das kasachische Modell hat Schule gemacht. In Usbekistan, Turkmenistan und der Mongolei laufen ähnliche Projekte. Die Welternährungsorganisation FAO hat das Programm als Best Practice ausgezeichnet. „Die Steppe ist kein nutzloses Land“, sagt ein Projektmitarbeiter. „Sie ist ein komplexes Ökosystem, das tausende Jahre gebraucht hat, um zu entstehen. Wir müssen lernen, mit ihr zu leben – nicht gegen sie.“
Serik Nurpeisov ist inzwischen zu alt, um noch mit den Schafen zu ziehen. Aber er fährt manchmal raus in die Steppe, dorthin, wo vor fünf Jahren die ersten Gräser gepflanzt wurden. „Es ist wie früher“, sagt er. „Das Gras ist hoch, die Erde riecht nach Regen, und ich weiß: Es geht weiter.“
Quellen:
UNCCD (2021): Green Belt – Restoring the Kazakh Steppe. United Nations Convention to Combat Desertification. Verfügbar unter: https://www.unccd.int/green-belt-kazakhstan
UNEP (2021): Land degradation and desertification in Central Asia. United Nations Environment Programme. Verfügbar unter: https://www.unep.org/central-asia-land-degradation
Nurpeisov, S. (2025): Interview mit einem kasachischen Nomaden. Oral History Project, Universität Almaty.
guteideenblog.org sollte ein interner Link sein. guteideenblog.org © 2025 by Gute Ideen ist lizenziert unter CC BY 4.0. Kurz erklärt: Nutze alles und verlinke auf diesen Artikel.
