Straßenmagazin von Obdachlosen in Zürich [Schweiz]
Der Verkaufsstand an der Zürcher Urania-Sternwarte ist unscheinbar, aber für Nicolas Gabriel ist er das Zentrum seines Lebens. Seit 23 Jahren steht der 61-Jährige hier, bei jedem Wetter, und verkauft das Straßenmagazin „Surprise“. Die Passanten kennen ihn, viele bleiben stehen, nicht nur zum Kauf, sondern auch zum Gespräch. „Dieses Pflaster habe ich mir selbst ausgesucht“, sagt Gabriel. „Hier muss ich niemandem Rechenschaft abgeben“ (Surprise 2026a).
Sein Weg hierher war lang. Fünfzehn Jahre lebte Gabriel auf der Straße, nachdem eine psychische Krise sein Leben aus der Bahn geworfen hatte. Er hatte Jura studiert, arbeitete, dann kam die Angst vor dem aufkommenden HIV-Virus, die ihn zwang, sich immer mehr zurückzuziehen. Er verlor Job, Wohnung, soziale Kontakte. „Obdachlos ist eigentlich das falsche Wort“, sagt er heute. „Meistens gibt es ein Dach, aber Wände fehlen. Die haben irgendwann auch bei mir gefehlt“ (Surprise 2026a).
[Wusstest du? Das Wort „Surprise“ bedeutet Überraschung. Der Name steht für die unerwarteten Begegnungen zwischen Verkäufern und Kunden – und für die Überraschung, dass Menschen, die oft übersehen werden, spannende Geschichten zu erzählen haben.]
Ein Magazin, das Leben verändert
1993 gründeten Cathérine Merz, Hanspeter Gysin, Hans-Georg Heimann und andere in Basel die Strassenzeitung „Stempelkissen“ – aus einem Arbeitslosenkomitee heraus, mit finanzieller Unterstützung des Arbeitsamtes. Zwei Jahre später fusionierte sie mit der Zürcher Zeitung „Kalter Kaffee, ganz heiss“ und wurde zu „Surprise“ (Wikipedia 2025).
Heute ist Surprise eine feste Institution in der Schweizer Soziallandschaft. 350 Verkäuferinnen und Verkäufer sind im ganzen Land unterwegs, das Magazin erscheint alle zwei Wochen in einer Auflage von rund 22.000 Exemplaren (SRF 2015). Geschrieben wird es von einer professionellen Redaktion, verkauft von Menschen, die keinen oder nur erschwerten Zugang zum regulären Arbeitsmarkt haben – obdachlose Menschen, Asylsuchende, Langzeitarbeitslose, IV-Bezüger (Surprise 2025).
65 Prozent der Einnahmen stammen aus dem Verkauf des Magazins, den Stadtrundgängen und Inseraten. Den Rest bringen Spenden, Sponsoren und Stiftungen. Staatliche Gelder fließen keine (Wikipedia 2025). Die Verkäufer kaufen das Heft für 2,50 Franken ein und verkaufen es für 8 Franken – die Differenz ist ihr Einkommen (Wikipedia 2025). Ein einfaches, aber wirkungsvolles Prinzip: Hilfe zur Selbsthilfe, ohne Almosen.
Mehr als nur ein Magazin
Aus dem kleinen Zeitungsprojekt ist längst ein Netzwerk sozialer Angebote geworden. Surprise betreibt heute Sozialberatung an drei Standorten, organisiert einen Strassenchor, eine Fussballmannschaft, die regelmäßig an der Homeless World Cup teilnimmt, und ein gastronomisches Solidaritätsnetzwerk namens „Café Surprise“ (Wikipedia 2025). Die Idee: Geld zu verdienen ist wichtig, aber genauso wichtig sind Gemeinschaft, Struktur und das Gefühl, gebraucht zu werden.
„Wir erfüllen für die einzelnen Personen ganz unterschiedliche Funktionen“, erklärt Paola Gallo, Geschäftsleiterin des Vereins. „Für die einen sind wir einfach eine Möglichkeit, Geld zu verdienen; für andere sind die Mitarbeiter und Mitglieder eine Art Familie; wieder andere können sich bei uns körperlich austoben oder anderen Leidenschaften nachgehen“ (SRF 2015).
[Wusstest du? Das Surprise-Fussballteam nimmt regelmäßig an der Homeless World Cup teil – einer Weltmeisterschaft für obdachlose Menschen. Für viele Spieler ist es das erste Mal, dass sie ihr Land international vertreten.]
Wenn der Verkäufer zum Stadtführer wird
Nicolas Gabriel ist heute nicht nur Verkäufer, sondern auch einer der gefragtesten Stadtführer von Surprise. Bei den „sozialen Stadtrundgängen“ führen ehemals obdachlose Menschen Interessierte durch ihre Stadt – und zeigen sie mit anderen Augen. Gabriels Rundgang heißt „Wurzeln schlagen“ und ist eine Reise durch sein Leben.
Die Tour beginnt an der Zentralbibliothek, Gabriels geistiger Heimat während der Jahre auf der Strasse. „Lesen ist etwas sehr Wichtiges. Bücher sind etwas Wichtiges“, sagt er (Surprise 2026a). Dann geht es zum Obergericht – er hatte Jura studiert, bevor die Krankheit kam. Weiter zur Herberge zur Heimat, einem ehemaligen Wohnheim, in dem er zeitweise unterkam. Unterwegs erzählt er von seiner Mutter, einer Französin, seinem Vater, einem strengen deutschen Mathelehrer, und seinem tunesischen Freund Habib, dem zuliebe er vor vier Jahren begann, die islamischen Gebete zu sprechen. „Er musste sich unserer Kultur anpassen, also passe ich mich seiner an. Das finde ich fair“ (Surprise 2026a).
Eine junge Frau, die an einem solchen Rundgang teilnahm, schrieb später: „Nicolas Gabriels und mein Leben führen an denselben Ecken vorbei – könnten aber nicht unterschiedlicher sein. Dass die Zentralbibliothek ein solch kräftespendender Ort sein kann, war für mich als frische Maturandin abstrus. Keinen Bogen um eine obdachlose Person zu machen, sondern einen mit ihr zu gehen, ist eine wertvolle Erfahrung“ (Kulturzüri 2025).
Arm an Geld, reich an Geschichten
2015 erschien das Buch „Standort Strasse“, das 20 Surprise-Verkäufer porträtiert – mit Texten von Olivier Joliat und Fotos von Matthias Willi. Es zeigt Menschen wie Ruedi Kälin, den bärtigen Zürcher, der inzwischen zum Stadtoriginal mutiert ist, oder Özcan Ates, der trotz Rollstuhl nichts Neues ausprobiert, oder Marlies Dietiker, die mit ihrem Lächeln die Passanten am Bahnhof Olten erfreut (SRF 2015).
Die meisten Käufer kennen „ihren“ Verkäufer, haben eine feste Bindung zu ihm aufgebaut. „Vom Sehen kennt sie jeder“, schrieb SRF. „Aber wer weiß schon, welche Geschichten sie erlebt haben?“ (SRF 2015). Das Buch und die Rundgänge schließen genau diese Lücke: Sie machen sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt – die Menschen hinter dem Magazin.
Für Nicolas Gabriel ist der Verkauf längst mehr als nur ein Job. Es ist eine Erwerbsmöglichkeit, die ihm Würde gibt. „Es hat sich von Anfang an gelohnt, es war ein sozialer Aufstieg“, sagt er. „Zudem hat es weniger Stress bedeutet, denn du musst die Nahrung nicht finden, sondern kannst sie kaufen. Die Tagesstruktur hat mir geholfen, auch die Kontakte mit anderen Menschen. Es ist sinnstiftend“ (Surprise 2026a).
Quellen:
Kulturzüri (2025): Mein erstes Mal … auf dem Sozialen Stadtrundgang. Verfügbar unter: https://kulturzueri.ch/scout-datenbank/beitraege/mein-erstes-mal-auf-dem-sozialen-stadtrundgang/
SRF (2015): „Surprise“-Verkäufer: arm an Geld, reich an Lebenserfahrung. Schweizer Radio und Fernsehen. Verfügbar unter: https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/gesellschaft-religion-surprise-verkaeufer-arm-an-geld-reich-an-lebenserfahrung
Surprise (2025): Über das Magazin. Verfügbar unter: https://surprise.ngo/strassenmagazin/ueber-das-magazin/
Surprise (2026a): «Freundschaft ist mir wichtig» – Interview mit Nicolas Gabriel. Verfügbar unter: https://surprise.ngo/strassenmagazin/freundschaft-ist-mir-wichtig/
Wikipedia (2025): Surprise (Magazin). Verfügbar unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Surprise_(Magazin)
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