Die Hügel des zentralen Hochlands von Sri Lanka sind von Teeplantagen geprägt, soweit das Auge reicht. In gleichmäßigen Reihen erstrecken sich die Sträucher über die Berghänge, ein Erbe der britischen Kolonialherren. Doch dieses Bild beginnt sich zu verändern. Immer mehr Bauern kehren der Monokultur den Rücken und pflanzen Waldgärten – vielschichtige Systeme aus Bäumen, Sträuchern und Nutzpflanzen, die den ursprünglichen Regenwald nachahmen.
[Wusstest du? Die Kandyan Forest Gardens, benannt nach der letzten Königsstadt Kandy, sind keine wilden Wälder, sondern sorgfältig gestaltete Gärten. Auf einem einzigen Hektar wachsen oft mehr als dreißig verschiedene Nutzpflanzen – von Kokospalmen über Kaffee und Pfeffer bis zu Kurkuma und Kardamom.]
Als der Tee die Vielfalt vertrieb
Sri Lanka war einst von dichten Regenwäldern bedeckt. Die Menschen lebten in und von diesen Wäldern, nutzten ihre Früchte, Nüsse, Heilpflanzen und Hölzer. Dann kamen die Briten. Sie rodeten die Wälder im zentralen Hochland, um Platz für Teeplantagen zu schaffen. Die einheimische Bevölkerung wurde an den Rand gedrängt, ihr Wissen über die Wälder geriet in Vergessenheit.
Die Teeplantagen brachten Wohlstand, aber um einen hohen Preis. Die Monokulturen entzogen dem Boden Nährstoffe, machten ihn anfällig für Erosion. Bei starken Regenfällen rutschten ganze Hänge ab. Chemische Dünger und Pestizide belasteten das Grundwasser. Die Artenvielfalt sank dramatisch.
Die Weisheit der Kandyan Gardens
In einer abgelegenen Region nahe der Stadt Kandy haben sich Reste einer älteren Kultur erhalten. Die sogenannten Kandyan Gardens werden seit Generationen bewirtschaftet und ständig weiterentwickelt. Sie sind das Ergebnis jahrhundertelanger Erfahrung – ein Wissen, das die Bauern mit den Mönchen in den buddhistischen Klöstern teilten, die diese Gärten oft anlegten und pflegten.
Ein Kandyan Garden hat mehrere Schichten. Oben ragen Kokospalmen und Brotfruchtbäume empor. Darunter wachsen Kaffee, Pfeffer und Zimt. In der dritten Schicht gedeihen Gemüse, Ananas und Ingwer. Ganz unten, im Schatten, finden sich Kurkuma, Kardamom und Heilpflanzen. Alles ist miteinander verwoben, nichts wird verschwendet.
Diese Gärten sind extrem produktiv. Sie liefern das ganze Jahr über Erträge, nicht nur einmal pro Saison. Und sie brauchen keine chemischen Dünger, weil die abgestorbenen Blätter und Äste den Boden selbst versorgen. Das Laub der Bäume schützt den Boden vor Austrocknung, die Wurzeln halten ihn fest, und die Vielfalt der Pflanzen verhindert, dass sich Schädlinge massenhaft vermehren.
Ein Bauer kehrt zu den Wurzeln zurück
Dayan Weerasinghe bewirtschaftete zwanzig Jahre lang eine Teeplantage in der Nähe von Nuwara Eliya. Die Arbeit war hart, die Preise fielen, der Boden wurde schlechter. Dann hörte er von einem Projekt, das Bauern dabei half, ihre Monokulturen in Waldgärten umzuwandeln.
Zunächst war er skeptisch. Würden seine Teesträucher neben Bäumen überleben? Würde er genug verdienen, um seine Familie zu ernähren? Ein Berater der Nichtregierungsorganisation „Rainforest Rescue International“ überzeugte ihn, es auf einem kleinen Stück zu versuchen.
[Wusstest du? Die ersten Kandyan Gardens entstanden vor über 2000 Jahren. Archäologische Funde belegen, dass die Bewohner Sri Lankas bereits damals komplexe Bewässerungssysteme und Terrassenfelder anlegten und ein tiefes Verständnis für die Bedürfnisse verschiedener Pflanzen hatten.]
Heute, fünf Jahre später, hat er seinen gesamten Betrieb umgestellt. Zwischen den Teesträuchern wachsen jetzt Papaya, Zimt und Kaffee. Er erntet das ganze Jahr über, nicht nur in der Teesaison. Die Erträge sind stabiler, die Kosten niedriger. Seine Kinder, die schon in die Stadt wollten, bleiben jetzt auf dem Hof. „Früher habe ich nur Tee gesehen“, sagt Weerasinghe. „Heute sehe ich einen Wald.“
Die Rückkehr der Vögel
Der ökologische Gewinn ist ebenso beeindruckend wie der wirtschaftliche. Auf den Flächen, die in Waldgärten umgewandelt wurden, kehrt die Artenvielfalt zurück. Vögel, die in den Monokulturen verschwunden waren, nisten wieder in den Bäumen. Schmetterlinge tanzen zwischen den Blüten. Affen, früher als Schädlinge bekämpft, finden wieder Nahrung.
Besonders wichtig ist der Schutz des Bodens. In den Waldgärten wird er nicht mehr von Regen weggeschwemmt, weil die Wurzeln der Bäume ihn festhalten. Bei den immer heftigeren Monsunregen, eine Folge des Klimawandels, wird das zur Überlebensfrage für die Bauern im Hochland.
Ein Modell für die Tropen
Das sri-lankische Beispiel hat internationale Beachtung gefunden. In Indien, Indonesien und auf den Philippinen gibt es ähnliche Projekte. Die Welternährungsorganisation FAO hat die Kandyan Gardens als Beispiel für nachhaltige Landwirtschaft in den Tropen anerkannt.
In Sri Lanka selbst fördert die Regierung die Umstellung. Ein nationales Programm unterstützt Bauern, die von Tee auf Waldgärten umstellen wollen. Das Ziel ist ehrgeizig: Bis 2030 sollen zehntausend Hektar umgewandelt sein. Die Bauern im Hochland, einst Opfer der Kolonialgeschichte, werden zu Pionieren einer neuen, alten Landwirtschaft.
Quellen:
Rainforest Rescue International (2025): Kandyan Forest Gardens – Traditionelles Wissen für die Zukunft. Colombo. Verfügbar unter: https://rainforestrescue.lk/
FAO (2024): Agroforestry in Sri Lanka – Kandyan Gardens als Modell für nachhaltige Landwirtschaft. Rom. Verfügbar unter: https://www.fao.org/agroforestry
University of Peradeniya (2024): Biodiversität und Bodenqualität in traditionellen Waldgärten. Peradeniya. Verfügbar unter: https://www.pdn.ac.lk/
Weerasinghe, D. (2024): Zwanzig Jahre Tee, fünf Jahre Wald – Erfahrungen eines Bauern. Oral History Project, Universität Peradeniya.
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