Wildbienen-Korridore verbinden Naturschutzgebiete in Belgien [Belgien]
Die Straße ist nur wenige Meter breit, zwei Spuren Asphalt, die sich durch die Wälder des Bosland-Nationalparks im Norden Belgiens ziehen. Für Menschen nichts Besonderes. Für Wildschweine, Hirsche, Füchse und Wölfe war sie lange eine unüberwindbare Barriere. Seit Juni 2025 führt eine grüne Brücke über die Fahrbahn, sechzig Meter breit, bewachsen mit Gräsern, Büschen und kleinen Bäumen. Das Waaltjesbos-Ecoduct verbindet zwei Naturgebiete, die jahrzehntelang getrennt waren (Jan De Nul 2025). Doch nicht nur für die großen Tiere ist es ein Segen – auch für Winzlinge, die man leicht übersieht: Wildbienen, Schwebfliegen und Schmetterlinge.
[Wusstest du? In Belgien sind bereits 45 Arten wilder Bienen ausgestorben. Von den 336 verbleibenden Arten gelten 113 als gefährdet. Auch die Hälfte aller Tagfalter ist verschwunden (VILT 2025).]
Ein Netzwerk für die Kleinsten
Das Ecoduct in Lommel ist Teil einer größeren Strategie. Seit Jahren arbeitet die flämische Regierung mit Partnern in Wallonien und Frankreich daran, die zerschnittenen Lebensräume wieder zu verbinden. Acht solcher Grünbrücken gibt es inzwischen in Flandern, jede ein kleines Meisterwerk der Landschaftsarchitektur. Sie sind nicht einfach nur mit Erde bedeckt – sie werden gezielt mit verschiedenen Zonen bepflanzt: feucht, trocken, Übergangsbereiche, damit möglichst viele Arten sich ansiedeln können (Jan De Nul 2025).
Doch für Insekten braucht es mehr als einzelne Brücken. Sie sind klein, ihre Reviere begrenzt, ihre Ansprüche spezifisch. Ein Wildbienen-Korridor ist kein durchgehendes Band, sondern ein Mosaik aus Trittsteinen: blühende Wiesen, naturnahe Straßenränder, ungemähte Parks, wilde Ecken in der Stadt. Alles muss miteinander verbunden sein, sonst verhungern die Tiere auf dem Weg.
SAPOLL – ein grenzüberschreitender Plan
2016 startete das Projekt SAPOLL, eine Zusammenarbeit zwischen der Universität Mons, Natuurpunt, Natagora und zahlreichen französischen Partnern. Das Ziel: ein grenzüberschreitendes Aktionsprogramm für wilde Bestäuber in der französisch-belgischen Grenzregion (Provincie Oost-Vlaanderen o.D.). Zehn Jahre war das Projekt angelegt, mit wissenschaftlicher Begleitung, Sensibilisierungskampagnen und konkreten Maßnahmen vor Ort (Natuurpunt o.D.).
Das Besondere an SAPOLL war der Ansatz: Nicht isolierte Aktionen auf der einen oder anderen Seite der Grenze, sondern ein abgestimmtes Vorgehen. Die Forscher erstellten eine gemeinsame Datenbank, kartierten die Hotspots der Artenvielfalt, entwickelten einen Masterplan, der für alle Regionen galt (Natuurpunt o.D.). Bürger wurden einbezogen, Waarnemersnetzwerke aufgebaut, Schulungen angeboten. Das Wissen über Wildbienen, Schwebfliegen und ihre Bedürfnisse wuchs rasant.
[Wusstest du? Manche Wildbienen sind extrem wählerisch. Es gibt Arten, die nur das Pollen einer einzigen Pflanzenart sammeln – und ohne diese Pflanze verhungern sie. Die Natternkopf-Mauerbiene zum Beispiel ist auf den Gewöhnlichen Natternkopf angewiesen.]
PolliConnect – die nächste Stufe
Im Mai 2025, kurz vor dem offiziellen Start der „Woche der Biene“, ging das Nachfolgeprojekt an den Start. PolliConnect heißt es, hat ein Budget von 7,1 Millionen Euro (davon 4,1 Millionen aus EU-Mitteln) und bringt 14 Partner aus sechs Ländern zusammen: Belgien, Niederlande, Deutschland, Frankreich, Irland und die Schweiz (Emis Vito 2025). Koordiniert wird es von der Vlaamse Landmaatschappij (VLM).
Das Ziel ist ehrgeizig: Die versprengten Lebensräume sollen nicht nur dokumentiert, sondern aktiv wiedervernetzt werden. Dafür setzt PolliConnect auf sogenannte Living Labs – Experimentierfelder im Freien, in denen neue Methoden getestet werden. In Nieuwerkerken (Limburg) und Oudenaarde (Ostflandern) arbeiten die Projektpartner mit Landwirten zusammen, die Blühstreifen anlegen und naturnah bewirtschaften (VILT 2025). In Brüssel wird im König-Baudouin-Park mit „Sinus-Mähen“ experimentiert: Das Gras wird in wellenförmigen Linien gemäht, stehen gelassene Streifen bieten Insekten Schutz und Nahrung (Leefmilieu Brussel o.D.).
Die Universität Gent übernimmt die wissenschaftliche Begleitung. Sie untersucht, wie sich die verschiedenen Maßnahmen auf die Insektenpopulationen auswirken. Die ersten Ergebnisse werden in den nächsten Jahren erwartet.
Die stille Krise
Die Zahlen, die die Forscher zusammengetragen haben, sind alarmierend. Achtzig Prozent der Blütenpflanzen sind auf Bestäuber angewiesen – ohne sie keine Früchte, kein Gemüse, keine Samen (Leefmilieu Brussel o.D.). Pestizide, Lebensraumverlust, Klimawandel – die Insektenwelt schwindet in einem Tempo, das viele nicht wahrhaben wollen.
Jo Brouns, flämischer Umweltminister, sagte bei der Eröffnung des Ecoducts in Lommel: „2025 ist ein Schlüsseljahr für die Biodiversität in Flandern. Nach der Eröffnung des Ecoducts im Hallerbos früher in diesem Jahr ist dieses Projekt in Lommel ein weiterer großer Schritt nach vorn“ (Jan De Nul 2025). Bald sollen weitere folgen, darunter ein Ecoduct im Dilserbos und ein weiteres in der Zwarte Berg.
Ob es reicht, die 113 gefährdeten Wildbienenarten zu retten, wird sich zeigen. Aber die Richtung stimmt. Und anders als bei den großen Brücken für Wildschweine und Hirsche können bei den kleinen Korridoren für Insekten alle mitmachen – im eigenen Garten, auf dem Balkon, vor der Haustür.
Quellen:
Emis Vito (2025): €7 miljoen voor herstel van bestuivers in Noordwest-Europa. Vlaamse overheid. Beschikbaar onder: https://emis.vito.be/nl/artikel/eu7-miljoen-voor-herstel-van-bestuivers-noordwest-europa
Jan De Nul (2025): Official opening of ecoduct in Lommel, Belgium. Beschikbaar onder: https://www.jandenul.com/news/official-opening-ecoduct-lommel-belgium
Leefmilieu Brussel (o.D.): Project POLLICONNECT. Beschikbaar onder: https://leefmilieu.brussels/burgers/regionaal-beleid/rapporten-van-milieuprojecten/project-polliconnect
Natuurpunt (o.D.): Interreg SAPOLL. Beschikbaar onder: https://www.natuurpunt.be/projecten/interreg-sapoll
Provincie Oost-Vlaanderen (o.D.): SAPOLL – Samenwerken voor pollinators – Grensoverschrijdend actieplan voor wilde bestuivers. Beschikbaar onder: https://euprojecten.oost-vlaanderen.be/nl/details/sapoll-samenwerken-voor-pollinators-grensoverschrijdend-actieplan-voor-wilde-bestuivers-33/
VILT (2025): 7 miljoen voor herstel bestuivers in Noordwest-Europa. Beschikbaar onder: https://vilt.be/nl/nieuws/7-miljoen-voor-herstel-bestuivers-in-noordwest-europa
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