WILDKATZEN-KORRIDORE IN DEUTSCHEN WÄLDERN [DEUTSCHLAND]
Die Dämmerung färbt den Hainich in sanftes Grau. Tief im Wald, fernab der Wanderwege, reibt sich eine Wildkatze an einem Holzpfahl. Der Pfahl duftet nach Baldrian – ein Geruch, der die scheuen Tiere magisch anzieht. Sie hinterlässt ein paar Haare am rauen Holz, dreht sich um und verschwindet lautlos im Unterholz. Wenige Tage später werden diese Haare in einem Labor der Senckenberg-Gesellschaft landen, analysiert, genetisch entschlüsselt. Sie liefern den Wissenschaftlern Daten über eines der ehrgeizigsten Artenschutzprojekte Deutschlands: das Rettungsnetz für die Wildkatze.
[Wusstest du? Die Europäische Wildkatze sieht zwar aus wie eine getigerte Hauskatze, ist aber eine eigenständige Wildtierart. Sie ist scheuer, nachtaktiver und deutlich größer als ihre verwilderten Verwandten. Vor allem meidet sie Menschen – wer eine Wildkatze in freier Natur sieht, hat großes Glück.]
Ein zerschnittener Lebensraum
Deutschland besitzt eines der engmaschigsten Straßennetze der Welt – über 230.000 Kilometer Asphalt durchschneiden das Land. Hinzu kommen Siedlungen, Industriegebiete und ausgeräumte Agrarflächen. Die Folge: Wälder, die einst zusammenhängen, sind heute isolierte Inseln. Für Tiere, die weite Wanderungen scheuen, können diese Barrieren unüberwindlich sein (NABU 2016).
Die Europäische Wildkatze ist so ein Tier. Sie lebt zurückgezogen in strukturreichen Laub- und Mischwäldern, braucht Deckung, meidet offene Flächen. Ursprünglich in ganz Deutschland heimisch, wurde sie jahrhundertelang gejagt und ausgerottet. Heute leben nur noch etwa 6.000 bis 8.000 Tiere, vor allem in den Mittelgebirgen Mittel- und Südwestdeutschlands (BMUV 2025). Die Rote Liste führt sie als „gefährdet“ (BfN 2009). In weiten Teilen Nord- und Ostdeutschlands fehlt sie völlig.
Die Idee: Ein Netzwerk aus grünen Korridoren
2004 startete der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) eine Initiative, die das ändern sollte: das „Rettungsnetz für die Wildkatze“. Die Idee war ebenso einfach wie visionär: Die isolierten Waldgebiete Deutschlands sollten durch grüne Korridore wieder miteinander verbunden werden – insgesamt 20.000 Kilometer lang (NABU 2016).
[Wusstest du? Die Korridore werden nicht zufällig geplant. Grundlage ist der „Wildkatzenwegeplan“ – eine Computersimulation, die auf Basis von Telemetriedaten errechnet, wo Wildkatzen am ehesten entlangwandern. So entstehen Wanderachsen, die direkt an den Bedürfnissen der Tiere orientiert sind.]
Erste Korridore entstanden ab 2007 in Thüringen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen. Bei Wenigenlupnitz im Wartburgkreis wurde der erste Abschnitt gepflanzt: Bäume und Sträucher, die heute zu einem dichten Gestrüpp herangewachsen sind und den Wildkatzen Schutz bieten (MDR 2025). Fellproben belegen, dass der Korridor intensiv genutzt wird – nicht nur von Wildkatzen, sondern von vielen anderen Waldtieren.
Wildkatzensprung – das große Förderprojekt
2012 startete der BUND das bisher größte Projekt innerhalb des Rettungsnetzes: „Wildkatzensprung“. Mit einem Budget von 5,2 Millionen Euro, gefördert vom Bundesamt für Naturschutz, wird in sechs Bundesländern an der Umsetzung neuer Korridore gearbeitet (NABU 2016). Parallel dazu läuft ein genetisches Monitoring in allen zehn Bundesländern mit Wildkatzenvorkommen.
Rund 600 Ehrenamtliche betreuen Lockstöcke – mit Baldrian besprühte Holzlatten, die die Katzen in der Paarungszeit anziehen. Sie reiben sich am Holz, hinterlassen Haare, die abgesammelt und zur Analyse geschickt werden. 3.000 Haarproben wurden bereits ausgewertet, 519 einzelne Wildkatzen identifiziert (BUND Thüringen 2025). Die Daten fließen in eine bundesweite Gendatenbank, die zeigt, wo die Tiere wandern – und wo Barrieren sie trennen.
Die Ergebnisse bestätigen: In großen Waldgebieten wie Eifel, Hunsrück, Harz und Hainich haben sich die Bestände gut erholt. Aber die genetischen Unterschiede zwischen den Populationen zeigen auch: Viele geeignete Wälder im Süden und Osten sind noch nicht wiederbesiedelt. Unüberwindbare Barrieren verhindern die Ausbreitung (BUND Thüringen 2025).
Neue Projekte, neue Ziele
Das Engagement geht weiter. Seit 2023 läuft das Projekt „Wildkatzenwälder von morgen“, gefördert mit 6,9 Millionen Euro aus dem Bundesprogramm Biologische Vielfalt. In zehn Bundesländern werden Maßnahmen umgesetzt: Waldränder werden aufgewertet, Totholzhaufen angelegt, gefährliche Knotengitterzäune mit Über- und Unterkletterhilfen ausgestattet (BMUV 2025).
Bundesumweltministerin Steffi Lemke besuchte im April 2025 die Projektflächen im Klötzer Forst in Sachsen-Anhalt. „Das Wildkatzenprojekt ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie Artenschutz, Wald- und Naturschutz sowie naturnahe Waldbewirtschaftung Hand in Hand gehen können“, sagte sie (BMUV 2025).
Ein Problem bleibt: die Vermischung mit Hauskatzen
Trotz aller Erfolge gibt es eine wachsende Gefahr. In manchen Regionen, vor allem in Baden-Württemberg, zeigen genetische Untersuchungen, dass der Anteil von Hybriden – Kreuzungen zwischen Wild- und Hauskatzen – in der Wildkatzenpopulation bei über 50 Prozent liegt (FVA 2025). Wenn sich die Gene vermischen, droht die Wildkatze als eigenständige Art langfristig zu verschwinden.
Marie Eggers, Wildtierforscherin an der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, appelliert an Katzenhalter: „Wer auf dem Land lebt und eine Katze hält, sollte sie kastrieren lassen. So wird verhindert, dass sie sich unkontrolliert vermehrt und womöglich mit Wildkatzen paart“ (FVA 2025). Auch nächtliche Ausgangssperren für Hauskatzen in Wildkatzengebieten könnten helfen.
Ein Besuch im Wildkatzendorf
Seit 2012 können Besucher die scheuen Tiere aus nächster Nähe beobachten – im Wildkatzendorf am Rand des Hainich bei Hütscheroda. In einem großzügigen Freigehege leben Wildkatzen, die aus anderen Gehegen stammen und nicht ausgewildert werden können. Jährlich kommen 30.000 Besucher, informieren sich über die Artenschutzprojekte und lernen, warum Wildkatzen nicht mit Hauskatzen verwechselt werden sollten (MDR 2025).
Thomas Mölich, Wildkatzenexperte des BUND, zieht nach 20 Jahren Bilanz: „Wildkatzen werden nicht mehr verfolgt, nicht mehr versehentlich abgeschossen, nicht mehr so oft mit Hauskatzen verwechselt“ (MDR 2025). Das Rettungsnetz wächst, Kilometer für Kilometer. Und jede Haarprobe, jeder Lockstock, jeder gepflanzte Korridor bringt die scheuen Waldbewohner ein Stück näher zusammen.
Quellen:
BMUV (2025): Klimastabile Wälder für die Wildkatze. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz. Verfügbar unter: https://www.bmuv.de/pressemitteilung/klimastabile-waelder-fuer-die-wildkatze
BUND Thüringen (2025): Wildkatzensprung – Das Projekt. Verfügbar unter: https://www.bund-thueringen.de/wildkatze/wildkatzensprung
FVA (2025): Nah dran an der Wildkatze. Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg. Verfügbar unter: https://www.fva-bw.de/aktuelles/artikel/nah-dran-an-der-wildkatze
MDR (2025): Wildkatzen in Thüringen wieder heimisch – vom Hainich bis zur Rhön. Verfügbar unter: https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/wildkatze-heimisch-hainich-wald-rhoen-100.html (Hinweis: Original-Link wurde adaptiert, Inhalt basiert auf MDR-Berichterstattung)
NABU (2016): Das Rettungsnetz Wildkatze: Waldverbund in Deutschland und Niedersachsen. NUL Online. Verfügbar unter: https://www.nul-online.de/magazin/archiv/article-4808847-202007/das-rettungsnetz-wildkatze-waldverbund-in-deutschland-und-niedersachsen-.html
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