Zirkusschule rettet Straßenkinder in Rio de Janeiro [Brasilien]
Der Geruch von Sägemehl liegt in der Luft, vermischt mit Schweiß und dem Lachen von Kindern. In der Manege des Circo Crescer e Viver im Stadtteil Cidade Nova üben Jugendliche Saltos, jonglieren mit Bällen und balancieren auf dem Drahtseil. Vor zwanzig Jahren wäre für die meisten von ihnen der Weg auf die Straße vorgezeichnet gewesen – Drogen, Gewalt, Prostitution, Tod. Heute lernen sie hier, ihren Körper zu beherrschen, Vertrauen zu fassen und an sich zu glauben.
[Wusstest du? Allein zwischen 1988 und 1991 wurden in Brasilien fast 6.000 Kinder und Jugendliche getötet – viele von ihnen auf der Straße, von Todesschwadronen, denen sie ein Dorn im Auge waren (Silva 1994).]
Das Massaker, das alles veränderte
Es war die Nacht des 23. Juli 1993. Vor der Candelária-Kirche im Zentrum von Rio de Janeiro hatten sich etwa 70 Straßenkinder zum Schlafen niedergelassen, wie so oft. Gegen Mitternacht hielten mehrere Fahrzeuge, bewaffnete Männer stiegen aus – einige von ihnen in Polizeiuniform. Sie schossen gezielt in die Gruppe der Schlafenden. Acht Kinder und Jugendliche starben, mehrere wurden verletzt (Dreikönigsaktion 2018). Paulo war elf, Anderson dreizehn, Marcelo vierzehn. Die Weltöffentlichkeit war entsetzt.
Das Candelária-Massaker wurde zum Wendepunkt. Es zeigte schonungslos, was viele zuvor ignoriert hatten: Dass Straßenkinder in Brasilien nicht nur vernachlässigt, sondern systematisch verfolgt und ermordet wurden. Die Täter blieben lange unbestraft, aber die Empörung führte zu einer Bewegung. Organisationen wie AVICRES, SER – „Se Essa Rua Fosse Minha“ und viele andere begannen, sich neu zu organisieren (AVICRES 2024).
[Wusstest du? Die Organisation „Se Essa Rua Fosse Minha“ (Wenn diese Straße mir gehörte) beteiligt sich bis heute jedes Jahr an den Gedenkveranstaltungen für die Opfer von Candelária. Mit kreativen Aktionen erinnern sie daran: „Candelária, nie wieder!“ (Dreikönigsaktion 2018).]
Aus der Trauer entsteht eine Zirkusschule
In den Jahren nach dem Massaker wuchs die Erkenntnis, dass es nicht reicht, gegen Gewalt zu protestieren. Es brauchte Orte, an denen Kinder sicher sein können, an denen sie lernen, spielen, wachsen können – fern der Straße. Eine dieser Antworten war der Circo Crescer e Viver, gegründet im Jahr 2003 (Circo Crescer e Viver 2024). Die Idee: Zirkus als pädagogisches Werkzeug, als Möglichkeit, durch Kunst und Bewegung neue Perspektiven zu schaffen.
Heute, zwanzig Jahre später, ist das Projekt zu einem Vorzeigemodell geworden. 221 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen vier und 18 Jahren werden regelmäßig betreut (Circo Crescer e Viver 2024). Die meisten kommen aus den umliegenden Favelas – Cidade Nova, Complexo do São Carlos, Catumbi, Estácio. Familien mit einem Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 500 Reais pro Monat (etwa 90 Euro) haben Vorrang. Viele der Kinder sind in extremer Armut aufgewachsen, manche haben ihre familiären Bindungen verloren, einige haben selbst auf der Straße gelebt (G1 2023).
Die Koordinatorin Fabiane Soares erklärt das Konzept: „Jedes Kind, das in extremer Armut lebt, in sozialen Risiken, mit geschwächten oder sogar abgebrochenen Familienbanden, wird hier im Sozialzirkus aufgenommen. Der Sozialzirkus entstand mit Kindern in Straßensituationen und verbreitete sich in Brasilien“ (G1 2023).
Mehr als nur Saltos
Was im Circo Crescer e Viver passiert, ist mehr als Zirkustraining. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz, der Bildung, Sozialarbeit und Kunst verbindet. Ein zentrales Element ist die sogenannte „Roden-Methodik“: Alle setzen sich im Kreis, um zu sprechen und zuzuhören. „Das ist eine Möglichkeit, das Zuhören und das Sprechen mit den Kindern zu demokratisieren. Ihnen diesen Raum zu geben, in dem sie Subjekt sein können“, sagt Fabiane (G1 2023).
Danach geht es in die akrobatischen Übungen. Aber die Erwartungen sind nicht naiv. „Eine Sache, die uns sehr auffällt, ist, wie gering die Kreativität noch ist, weil sie Kinder aus einfachen Verhältnissen sind, die wenig Anregung zum Schaffen haben“, erklärt Fabiane. „Viele waren noch nie im Kino. Das wird für uns zu einer Herausforderung über den Zirkusunterricht hinaus“ (G1 2023).
Der Pädagoge Alexandre Jaspion betont, dass die Werte, die hier vermittelt werden, genauso wichtig sind wie die Techniken: „Wir positionieren uns immer in der Position, Werte zu vermitteln, über das Werkzeug hinaus, das wir verwenden, um sie zu stimulieren und diese soziale Transformation zu schaffen“ (G1 2023).
Der Sozialpädagoge Gilmar da Silva hebt die Disziplin und Solidarität hervor: „Im Zirkus verstehen wir viele Dinge in Bezug auf die Sorge umeinander. Die Disziplin im Zirkus ist sehr intensiv. Es ist wichtig, auf den anderen zu achten“ (G1 2023).
[Wusstest du? 2021 investierte der Circo Crescer e Viver über 700.000 Reais (etwa 125.000 Euro) in seine sozialen Programme. Die Mittel kommen von Partnern und Förderern, die an die transformative Kraft der Zirkuskunst glauben (Circo Crescer e Viver 2024).]
Ein Schüler findet seinen Weg
Daniel da Silva ist einer von vielen, deren Leben sich hier verändert hat. „Es ist eine sehr gute Erfahrung, eine wirklich gute“, sagt er. „Ich hoffe, dass mehr Kinder kommen“ (G1 2023). Seine Geschichte ist typisch für viele: Aufgewachsen in einer der Favelas ringsum, ohne Perspektive, ohne Ansprechpartner. Im Zirkus hat er nicht nur akrobatische Fähigkeiten gelernt, sondern auch Disziplin, Teamarbeit und das Gefühl, gebraucht zu werden.
Während der Circo Crescer e Viver im Zentrum Rios arbeitet, hat die Partnerorganisation SER in Queimados, einer Stadt in der Baixada Fluminense, eine eigene Zirkusschule gegründet. Die Region galt 2018 als die gewalttätigste des Landes. Hier bietet die „Circo Escola César Marques“ Kindern und Jugendlichen zwischen zwölf und 29 Jahren eine Alternative – mit Zirkustechniken, Theater und Capoeira, als Werkzeug gegen Drogen und Gewalt (SER 2023).
Ein Modell für ganz Brasilien
Was in Rio begann, hat längst Nachahmer gefunden. In São Paulo betreibt die Stadtverwaltung gleich fünf „Circo Social“-Einheiten mit über 2.400 Plätzen für Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 17 Jahren (Prefeitura de São Paulo 2024). In Fortaleza gibt es eine öffentliche Zirkusschule, die Kinder aus dem regulären Schulsystem aufnimmt. In Macapá richtet sich ein Projekt speziell an Jugendliche mit Down-Syndrom. In Paraná und Santa Catarina arbeiten Freiwillige unter dem Motto „Menschen verändern Menschen“ (Lunetas 2023).
Überall das gleiche Prinzip: Zirkus als Mittel der sozialen Transformation. Nicht nur, weil die Kinder Kunst lernen, sondern weil sie lernen, an sich zu glauben, Verantwortung zu übernehmen und Teil einer Gemeinschaft zu sein.
Was bleibt von Candelária
Dreizehn Kilometer vom Circo Crescer e Viver entfernt, im Zentrum von Rio, steht noch immer die Candelária-Kirche. Jedes Jahr am 23. Juli versammeln sich hier Familien der Opfer, Vertreter von Straßenkindbewegungen, NGOs und Kirchen. Sie erinnern an Paulo, Anderson, Marcelo und die anderen. Und sie fordern: „Candelária, nie wieder!“ (Dreikönigsaktion 2018).
Der Kampf ist noch nicht gewonnen. Die Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Brasilien hat kein Ende gefunden. Von 1994 bis 2018 wurden über 500.000 Kinder und Jugendliche ermordet (Mapa de Violencia, zitiert nach Dreikönigsaktion 2018). Aber es gibt Orte, die zeigen, dass es anders geht. Der Circo Crescer e Viver ist einer von ihnen.
Der Schüler Daniel sagt: „Ich hoffe, dass mehr Kinder kommen.“ Vielleicht kommen sie. Vielleicht wird aus einem Mädchen aus dem Complexo do São Carlos eine Trapezkünstlerin. Vielleicht aus einem Jungen aus Catumbi ein Clown, der andere zum Lachen bringt. Vielleicht aus einem Jugendlichen aus Queimados ein Sozialpädagoge, der selbst in der Manege steht und weitergibt, was er gelernt hat.
Die Manege des Circo Crescer e Viver ist klein, aber sie ist eine Welt für sich. Eine Welt, in der es keine Todesschwadrone gibt, keine Drogen, keine Gewalt. Nur Sägemehl, Schweiß und das Lachen von Kindern.
Quellen:
Circo Crescer e Viver (2024): Programa de Circo Social. Verfügbar unter: https://circocrescereviver.org.br/social/circo-social/
Dreikönigsaktion (2018): Vor 25 Jahren: Massaker an Straßenkindern in Rio de Janeiro. Verfügbar unter: https://www.facebook.com/dreikoenigsaktion/posts/vor-25-jahren-sorgte-ein-massaker-an-stra%C3%9Fenkindern-in-rio-de-janeiro-weltweit-f/10155676708409013/
G1 (2023): Circo encanta pela arte e pelo trabalho social com crianças em situação de vulnerabilidade. Verfügbar unter: https://g1.globo.com/rj/rio-de-janeiro/noticia/2023/03/26/circo-encanta-pela-arte-e-pelo-trabalho-social-com-criancas-em-situacao-de-vulnerabilidade-no-rio.ghtml
Lunetas (2023): 5 projetos sociais que conectam a arte circense à infância. Verfügbar unter: https://lunetas.com.br/projetos-sociais-que-conectam-a-arte-circense-a-infancia/
Prefeitura de São Paulo (2024): Prefeitura transforma a vida de jovens em vulnerabilidade com programa Circo Social. Verfügbar unter: https://prefeitura.sp.gov.br/web/assistencia_social/w/prefeitura-transforma-a-vida-de-jovens-em-vulnerabilidade-com-programa-circo-social
SER (2023): Circo Escola César Marques. Se Essa Rua Fosse Minha. Verfügbar unter: https://seessarua.org.br/circo-escola-cesar-marques/
Silva, M.M.L. (1994): Killing of 6,000 Street Kids and the Candelaria Massacre. CJ The Americas, 7(4), S. 1,6-8. Verfügbar unter: https://ojp.gov/ncjrs/virtual-library/abstracts/killing-6000-street-kids-and-candelaria-massacre
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