Erste Klimaklage gegen Ölfirma in Nigeria gewonnen [Nigeria]
Die Fischer von Bille und die Bauern von Ogale im Nigerdelta blicken seit Generationen auf ein Meer aus schwarzem Wasser. Ihre Flüsse, einst voller Fische, sind vergiftet. Ihre Felder, einst fruchtbar, tragen keine Ernte mehr. Seit über 70 Jahren fördert Shell hier Öl – und seit über 70 Jahren hinterlässt das Unternehmen eine Spur der Verwüstung. Im Februar 2025, nach einem Jahrzehnt des Kampfes, standen die Gemeinden endlich vor dem High Court in London. Nicht um Geld, sagen sie. Sondern um Gerechtigkeit (Amnesty International 2025).
[Wusstest du? Die Gemeinden Ogale und Bille werden von der Anwaltskanzlei Leigh Day vertreten, die bereits historische Menschenrechtsfälle gewonnen hat. Über 13.000 nigerianische Bauern und Fischer sind Teil der Klage – eine der größten Zivilklagen gegen einen Ölkonzern in der britischen Geschichte (Independent 2025).]
Ein Jahrhundert der Zerstörung
Seit den 1950er Jahren fördert Shell im Nigerdelta. Die Region, die den Großteil des nigerianischen Ölreichtums produziert, gehört heute zu den am stärksten verschmutzten Gebieten der Erde. Hunderte von Ölunfällen haben Flüsse und Böden kontaminiert, Gasfackeln brennen Tag und Nacht und vergiften die Luft. Die Bewohner von Bille und Ogale können weder fischen noch Landwirtschaft betreiben – ihre traditionellen Lebensgrundlagen sind zerstört (Both ENDS 2025).
Ein UN-Umweltprogramm-Bericht über Ogoniland, die Heimat der Ogale-Gemeinde, kam 2011 zu dem Ergebnis, dass eine ordnungsgemäße Säuberung der ölverseuchten Gebiete 25 bis 30 Jahre dauern und allein in der ersten Phase mindestens eine Milliarde Dollar kosten würde. Jahre später, so Amnesty International, kommen die Aufräumarbeiten nur quälend langsam voran, während die Gemeinden weiterhin mit verseuchtem Wasser und unproduktivem Ackerland leben müssen (Business & Human Rights Resource Centre 2025).
[Wusstest du? Amnesty International hat über zwei Jahrzehnte hinweg umfangreiche Untersuchungen im Nigerdelta durchgeführt und die verheerenden Auswirkungen von Shells Aktivitäten auf die Menschenrechte und die Umwelt dokumentiert. Die Organisation veröffentlichte 2023 den Bericht „Nigeria: Tainted Sale?“, der Schutzmaßnahmen für betroffene Gemeinden forderte (Amnesty International 2025).]
Ein zehnjähriger Rechtsstreit
Vor zehn Jahren klagten die Bewohner von Bille und Ogale erstmals vor britischen Gerichten. Sie warfen Shell vor, dass ihre Lebensgrundlagen zerstört und ihre Häuser durch Hunderte von Ölverschmutzungen beschädigt worden seien. Die Verschmutzung führte zu einer weitreichenden Verwüstung der lokalen Umwelt, tötete Fische und Pflanzen und ließ Tausende von Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser zurück (Amnesty International 2025).
Shell verzögerte den Fall immer wieder mit dem Argument, es sei rechtlich nicht für die Verschmutzung verantwortlich. Diese Verzögerung hatte verheerende Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Am 6. Dezember 2024 gab das britische Berufungsgericht endlich grünes Licht für den Prozess (Amnesty International 2025).
Isa Sanusi, der Landesdirektor von Amnesty International für Nigeria, sagte damals: „Die Bille- und Ogale-Gemeinden im nigerianischen Nigerdelta leben schon so lange mit den verheerenden Auswirkungen der Ölverschmutzung. Die Ölgesellschaften, insbesondere Shell, haben sie durch zahlreiche Ölverschmutzungen dauerhaft geschädigt, so dass sie weder Ackerbau noch Fischfang betreiben können. Die Wasserverschmutzung und andere Auswirkungen betreffen sogar Babys, die in einigen Fällen mit Missbildungen geboren werden. Diese Gemeinden sind eines guten Lebensstandards beraubt worden. Sie verdienen Gerechtigkeit und wirksame Abhilfemaßnahmen.“ (Amnesty International 2025)
Der Prozess in London
Vom 13. Februar bis zum 10. März 2025 fand vor dem High Court in London der Prozess statt. Es ging zunächst um „vorläufige Fragen des nigerianischen Rechts“ – ein kompliziertes Verfahren, das klären sollte, welcher rechtliche Rahmen für den anschließenden Prozess zwischen Shell und den Gemeinden Ogale und Bille gelten würde (Amnesty International 2025).
Während der Gerichtsverhandlung in London protestierten die Bewohner der Ogale-Gemeinde vor Shells Einrichtungen in Nigeria. Sie trugen Banner, skandierten Parolen und forderten die Wiederherstellung ihres Landes. „Wir fordern Umweltgerechtigkeit und Wiedergutmachung“, sagte Tom Williams, Anführer der Ogoni People Assembly. „Wir sagen Nein zum ökologischen Krieg in Ogale und fordern die Bundesregierung und Shell auf, die Säuberung zu beschleunigen, damit wir zur Landwirtschaft und Fischerei zurückkehren können.“ (Punch 2025)
Zwei Wochen vor dem Protest hatte es einen weiteren Ölunfall gegeben, den Shell auf einen Überlauf aus einer Grube während Spülungsarbeiten zurückführte (Punch 2025).
Ein zweiter Fall wird anhängig
Parallel zu den Verfahren in London formierte sich in Nigeria selbst eine weitere Front. King Bubaraye Dakolo, Gada IV von Ekpetiama-Königreich im Bundesstaat Bayelsa, reichte gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Organisationen Klage gegen Shell ein. Sie fordern, dass der geplante Verkauf der Shell-Onshore-Aktiva im Nigerdelta gestoppt wird – bis das Unternehmen die Umweltschäden beseitigt, veraltete Infrastruktur stilllegt und die betroffenen Gemeinden entschädigt (Business Day 2025a).
Die Klage stützt sich auf umfangreiche Erkenntnisse der Öl- und Umweltkommission des Bundesstaates Bayelsa. Diese zeigen, dass über 1,5 Millionen Menschen in Bayelsa von Kohlenwasserstoffverschmutzung betroffen sind. Die Gemeinden sind krebserregenden Chemikalien ausgesetzt, deren Konzentration die Sicherheitsgrenzwerte der Weltgesundheitsorganisation weit überschreitet (Business Day 2025b).
King Dakolo beschrieb die Situation mit bewegenden Worten: „Bei diesem Fall geht es nicht nur um mich oder mein Königreich. Es geht um Gerechtigkeit für das gesamte Nigerdelta. Ich lebe mit dem ständigen Licht, das die Nacht auslöscht, dem Lärm und dem Gift in der Luft. Meine Leute trinken aus verschmutzten Bächen und bewirtschaften mit Rohöl durchsetzte Felder. Unsere Kinder atmen Ruß ein, unsere Menschen leiden jetzt an Krebs und unerklärlichen Krankheiten, die vor dem Öl unbekannt waren.“ (Business Day 2025b)
Shells Verantwortung und die Desinvestition
Shell hatte Anfang 2025 den umstrittenen Verkauf seiner Tochtergesellschaft für Aktivitäten an Land, der Shell Petroleum Development Company (SPDC), an die Renaissance Group abgeschlossen – trotz öffentlicher Ablehnung durch die nationale Aufsichtsbehörde NUPRC und weit verbreiteter Proteste von zivilgesellschaftlichen Organisationen und Gemeinden an vorderster Front (Both ENDS 2025).
Amnesty International betonte, dass der Verkauf der nigerianischen Tochtergesellschaft das Unternehmen nicht von seiner Verantwortung befreie, die Umweltzerstörung zu beseitigen und die Gemeinden zu entschädigen. „Nur weil Shell kürzlich seine nigerianische Tochtergesellschaft verkauft hat, entbindet das das Unternehmen nicht von der Verantwortung für seine früheren Handlungen im Nigerdelta“, erklärte Amnesty (Business & Human Rights Resource Centre 2025).
Im Juni 2025 entschied der High Court, dass Shell und seine ehemalige nigerianische Tochtergesellschaft rechtlich für die historische Ölverschmutzung verantwortlich gemacht werden können, von der die Gemeinden in Ogale und Bille betroffen sind. Die vollständige Verhandlung wurde für März 2027 angesetzt (Spill Control 2025).
Was bleibt
Die Bewohner des Nigerdelta haben einen langen Weg vor sich. Die rechtlichen Erfolge sind ermutigend, aber die eigentliche Arbeit – die Säuberung der verseuchten Gebiete, die Entschädigung der betroffenen Familien, die Wiederherstellung der Lebensgrundlagen – hat noch nicht einmal begonnen.
Nnimmo Bassey, Exekutivdirektor der Health of Mother Earth Foundation, bringt es auf den Punkt: „Die Erkenntnisse der Bayelsa-Kommission machen die Situation schmerzlich klar. Shells Vermächtnis sind Todeszonen, giftige Belastung, Verlust von Lebensgrundlagen und Verweigerung der Würde.“ (Business Day 2025b)
Die Fischer von Bille und die Bauern von Ogale warten weiter. Aber sie warten nicht mehr schweigend. Sie haben gelernt, dass ihre Stimme gehört werden kann – auch in London, auch vor Gericht, auch gegen einen der mächtigsten Konzerne der Welt.
Quellen:
Amnesty International (2025): Global: Nigerianische Anwohner*innen bringen Shell nach 10-jährigem Kampf um Gerechtigkeit vor den britischen Obersten Gerichtshof. 10.02.2025. Verfügbar unter: https://amnesty-klimakrise.de/2025/02/global-nigerianische-anwohnerinnen-bringen-shell-nach-10-jaehrigem-kampf-um-gerechtigkeit-vor-den-britischen-obersten-gerichtsshof/
Both ENDS (2025): Hoe Shell wegloopt van verantwoordelijkheid in de Nigerdelta. 10.07.2025. Verfügbar unter: https://www.bothends.org/nl/Actueel/Nieuws/Hoe-Shell-wegloopt-van-verantwoordelijkheid-in-de-Nigerdelta
Business Day (2025a): Rights group, legal experts back Ekpetiama Kingdom’s suit against Shell’s divestment. 21.06.2025. Verfügbar unter: https://businessday.ng/news/article/rights-group-legal-experts-back-ekpetiama-kingdoms-suit-against-shells-divestment/
Business Day (2025b): Bayelsa community demands justice for 1.5million people impacted by Shell’s Carbon Pollution. 15.07.2025. Verfügbar unter: https://businessday.ng/news/article/bayelsa-community-demands-justice-for-1-5million-people-impacted-by-shells-carbon-pollution/
Business & Human Rights Resource Centre (2025): Nigeria: Shell’s sale of its subsidiary does not absolve it of responsibility to clean up environmental damage or compensate affected communities; Amnesty International. 10.09.2025. Verfügbar unter: https://www.business-humanrights.org/de/neuste-meldungen/nigeria-shells-sale-of-its-nigerian-onshore-subsidiary-does-not-absolve-it-of-responsibility-to-clean-up-environmental-damage-or-compensate-affected-communities-amnesty-international-says/
Independent (2025): FFF Nigeria Rallies Behind Ogale, Bille Communities in Legal Battle Against Shell. 11.02.2025. Verfügbar unter: https://independent.ng/fff-nigeria-rallies-behind-ogale-bille-communities-in-legal-battle-against-shell/
Punch (2025): N’Delta protesters occupy Shell facility as UK court hears pollution suit. 14.02.2025. Verfügbar unter: https://punchng.com/ndelta-protesters-occupy-shell-facility-as-uk-court-hears-pollution-suit/
Spill Control (2025): Amnesty International say Shell remains responsible for Nigeria oil spills regardless of divestment. 09.09.2025. Verfügbar unter: https://spillcontrol.org/2025/09/09/amnesty-international-say-shell-remains-responsible-for-nigeria-oil-spills-regardless-of-divestment/
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