Ex-Kindersoldaten werden Filmemacher in Uganda [Uganda]
Das Rehabilitationszentrum liegt versteckt im Norden Ugandas, in einer Region, die jahrzehntelang von Gewalt und Entführungen gezeichnet ist. Hier, wo die Rebellenarmee der Lord’s Resistance Army (LRA) über 60.000 Kinder entführte und zu Soldaten ausbildete, ist heute ein Ort der Heilung (FOCUS online 2013). Eine Gruppe Jugendlicher sitzt im Kreis, vor sich Kameras, Aufnahmegeräte, Notizblöcke. Sie lernen, ihre Geschichten selbst zu erzählen – nicht durch die Linse westlicher Dokumentarfilmer, sondern mit eigenen Augen, eigenen Worten, eigenen Bildern. Aus Opfern werden Chronisten.
[Wusstest du? Seit fast 20 Jahren herrscht im Norden Ugandas ein Bürgerkrieg mit äußerster Brutalität. Die Rebellengruppe Lord’s Resistance Army hat die Entführung von Kindern und ihre Ausbildung zu Kindersoldaten als Strategie entwickelt. Allein in der Diözese Gulu wurden im Laufe der Jahre mehr als 12.000 Kinder entführt (Erzbistum Bamberg 2006).]
Die ersten Stimmen aus der Hölle
2003 reisten die deutschen Filmemacher Oliver Stoltz und Ali Samadi Ahadi erstmals nach Nord-Uganda, um die Arbeit der Caritas in einem Auffanglager zu dokumentieren (Deutschlandfunk 2005). Sie trafen dort auf Grace Arach, eine 23-jährige Sozialarbeiterin, die in nur zwei Jahren über 800 ehemalige Kindersoldaten betreut hatte – Kinder, die töten mussten, um selbst zu überleben (STERN 2005). Die Filmemacher begleiteten vier Jungen zwischen 8 und 14 Jahren bei ihrer schwierigen Rückkehr in die Gesellschaft (Erzbistum Bamberg 2006).
Die Kinder erzählten vor der Kamera, was sie erlebt hatten. Francis, 12 Jahre alt, berichtete: „Sie haben uns Macheten gegeben und gesagt: Hackt die Menschen in Stücke – so klein, dass eine Fliege sie wegtragen kann. Also gingen wir los und wir hackten sie klein“ (Deutschlandfunk 2005). Die Filmemacher lebten zwei Wochen vor Drehbeginn mit den Kindern, aßen dasselbe Essen, tanzten dieselben Tänze und spielten mit ihnen. „Plötzlich waren wir Freunde und nicht mehr weiße Ausländer“, erinnert sich Ahadi (Deutschlandfunk 2005).
Ihr Film „Lost Children“ wurde 2005 uraufgeführt und erhielt 2006 den Deutschen Filmpreis als bester Dokumentarfilm (Lippische Landeskirche 2006). Er lief auf mehr als 20 internationalen Filmfestivals und wurde unter anderem dem kanadischen Premierminister vor einem Staatsbesuch in Uganda sowie dem Europaparlament, dem Bundestag und Bundespräsident Köhler vorgeführt (Lippische Landeskirche 2006).
Politik mit Folgen
Der Film hatte handfeste politische Konsequenzen. Nach seiner Veröffentlichung verknüpften viele Staaten die Auszahlung von Entwicklungshilfegeldern an Uganda mit der Bedingung, dass die Regierung Waffenstillstandsverhandlungen mit der LRA aufnehmen müsse (Lippische Landeskirche 2006). Im September 2006 wurde tatsächlich ein Waffenstillstand ausgehandelt.
Die Filmemacher hielten Kontakt zu den Kindern. Drei der vier porträtierten Jugendlichen meisterten ihre Wiedereingliederung erfolgreich, ein Kind blieb verschollen. Besonders bewegend: Das damals 14-jährige Mädchen heiratete später und bekam einen Sohn – den sie auf den Namen Ali taufte, nach dem Regisseur Ali Samadi Ahadi (Lippische Landeskirche 2006).
Von Opfern zu Filmemachern
Die eigentliche Transformation aber geschah in den Jahren danach. Die Erkenntnis reifte, dass die Betroffenen ihre Geschichten am besten selbst erzählen können. Jerome Jefferson Kiyemba ist heute einer von ihnen. Als Kind wurde er nach dem Tod seiner Eltern in die ugandische Armee gesteckt und zum Kindersoldaten ausgebildet. „Ich wurde zu einer Tötungsmaschine gemacht“, sagt er. Auch sexuellen Missbrauch erlitt er während seiner Zeit in der Armee (Echo Live 2021).
Kiyemba floh aus dem Kriegsgebiet, durchquerte die Sahara – als einziger seiner Gruppe überlebte er. Per Boot erreichte er Irland, wo er heute lebt. Während seiner Zeit in der direkten Versorgung („direct provision“) brachte er sich selbst das Produzieren von Musik und Filmen bei. „Filmemachen erlaubt mir, meinen Kummer und Schmerz loszulassen“, erklärt er (Echo Live 2021).
Sein erstes Projekt war ein Dokumentarfilm über die direkte Versorgung selbst. Jetzt arbeitet er an einem Film über Volksgeschichten aus verschiedenen Kulturen. „Jede Kultur hat Volksgeschichten. Meine Idee ist es, all die verschiedenen Kulturen durch ihre Geschichten zu verbinden. Die Menschen realisieren nicht, wie verbunden wir in so vielen Bereichen sind“ (Echo Live 2021). Er ist heute Teil des Radical Institute at Studios of Sanctuary, einer Initiative, die marginalisierte Künstler unterstützt.
*[Wusstest du? Das Radical Institute at Studios of Sanctuary ist ein transnationales Projekt, das Kunstschaffende mit Asyl-, Flüchtlings- und Migrationshintergrund fördert. Es wird vom Cork Arts Fund und der Community Foundation of Ireland unterstützt (Echo Live 2021).]*
Die Kraft des Erzählens
Während Kiyemba in Irland arbeitet, setzen andere das Erbe in Uganda fort. Steven Ndugga, ebenfalls ehemaliger Kindersoldat und Flüchtling in Dänemark, erhielt eines Tages die Nachricht, dass sein verschollener Sohn nicht tot sei, sondern selbst zum Kindersoldaten geworden war. Der Dokumentarfilm „In a Soldier’s Footsteps“ (auf Deutsch „I soldatens fodspor“) begleitet Stevens Versuch, seinen Sohn zu befreien – ein Unterfangen, das tragisch endet und sogar dazu führt, dass ugandische Regierungsvertreter nach Kopenhagen reisen, um die Fertigstellung des Films zu verhindern (Langara College 2021).
Die kanadischen Filmemacher Sean Fine und Andrea Nix Fine drehten mit „War/Dance“ einen weiteren bedeutenden Film über das Flüchtlingscamp Patongo, in dem Kinder sich auf den nationalen Musikwettbewerb Ugandas vorbereiteten. Die Kinder, die in dem Film zu sehen sind – Nancy, Dominic, Rose – hatten alle Schreckliches erlebt. Nancy besuchte das Grab ihres Vaters und schluchzte eine Stunde lang. Sean Fine sagt: „Ich habe in meinem ganzen Leben nie eine so rohe Emotion gesehen. Ich fragte mich: Habe ich wirklich das Recht, in diesem Moment hier zu sein?“ (Mother Jones 2007).
Die Musik und der Tanz halfen den Kindern, mit ihren traumatischen Erlebnissen umzugehen. „Das ist, was so faszinierend an dem Film war“, erklärt Fine, „die Kraft von Musik und Kunst, Menschen zu heilen“ (Mother Jones 2007). Die jungen Protagonisten haben inzwischen Wege aus dem Camp gefunden. Nancy will Ärztin werden und eine Klinik im Camp eröffnen. Dominic ist auf einer weiterführenden Schule. Und Rose, das Mädchen, das so oft am Rand stand und weinte, wenn sie nicht tanzte, lächelt heute und geht zur Schule (Mother Jones 2007).
Ein Weg der tausend Schritte
John Bosco, der 29-jährige Sozialarbeiter aus „Lost Children“, versucht noch immer, die Familien der entflohenen Kinder aufzuspüren und zwischen ihnen und den Kindern zu vermitteln (STERN 2005). Grace Arach, die junge Sozialarbeiterin, hat Angst, verrückt zu werden, weil sie Tag für Tag die schrecklichen Erlebnisse der Kinder anhören muss. Dennoch gibt sie ihr Engagement nicht auf – obwohl sie wenig Geld bekommt und beinahe täglich ihr Leben riskiert (STERN 2005).
Die Kinder aber, die heute Kameras halten statt Waffen, beweisen, dass es einen Weg gibt. Sie zeigen, dass Geschichten stärker sein können als Waffen. Dass die, die zum Schweigen verdammt waren, jetzt die lautesten Stimmen haben. Und dass die Welt zuhören muss.
Quellen:
Deutschlandfunk (2005): Wieder Kind werden. 05.11.2005. Verfügbar unter: https://www.deutschlandfunk.de/wieder-kind-werden-100.html
Erzbistum Bamberg (2006): Dokumentarfilm: Caritas hilft ehemaligen Kindersoldaten bei ihrem schweren Weg zurück in die Gesellschaft. 17.02.2006. Verfügbar unter: https://erzbistum-bamberg.de/nachrichten/dokumentarfilm-caritas-hilft-ehemaligen-kindersoldaten-bei-ihrem-schweren-weg-zurueck-in-die-gesells/4826ca75-2c80-428c-83d4-47faf647f985
Echo Live (2021): From child soldier to film-maker – meet the artists benefiting from a new initiative. 25.10.2021. Verfügbar unter: https://www.echolive.ie/corklives/arid-40728912.html
Mother Jones (2007): Grace Under Fire: The Power of Music and Art. November/Dezember 2007. Verfügbar im Internet Archive: https://wayback.archive-it.org/all/20100303012201/http://motherjones.com/media/2007/10/grace-under-fire-power-music-and-art
STERN (2005): „Lost Children“ – Kindersoldaten suchen Frieden. 05.11.2005. Verfügbar unter: https://www.stern.de/kultur/film/-lost-children–kindersoldaten-suchen-frieden-3291834.html
Lippische Landeskirche (2006): Preisgekrönter Film mit Folgen. 21.11.2006. Verfügbar unter: https://lippische-landeskirche.de/697-0-1?font=dec
FOCUS online (2013): Kampagne erntet scharfe Kritik. 08.03.2013. Verfügbar unter: https://www.focus.de/politik/ausland/netzgemeinde-macht-jagd-auf-terroristenchef-joseph-kony-peiniger-von-60-000-kindersoldaten-in-uganda_id_2458906.html
Langara College Library (2021): In a soldier’s footsteps / Magic Hour Films. Verfügbar unter: https://twist.langara.ca/search~S4?/aMaggor%2C+Rebekah%2C/amaggor+rebekah/21%2C-1%2C0%2CB/frameset&FF=amagic+hour+films&6%2C%2C6
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