Geheime Frauen-Lesekreise – Literarischer Widerstand im Iran
Es beginnt mit einem Klingeln an der Wohnungstür, einem vorsichtigen Blick durch den Spion, einem leisen Gruß auf dem Flur. Drinnen, im Wohnzimmer, haben sich die Frauen bereits versammelt. Sie tragen keine Kopftücher, ihre Haare fallen frei über die Schultern. Auf dem Tisch liegen Bücher – vergilbte Fotokopien von Romanen, die offiziell verboten sind, heimlich ins Land geschmuggelt oder unter dem Ladentisch gehandelt. In Teheran, Isfahan und anderen Städten des Iran treffen sich seit Jahrzehnten Frauen in geheimen Lesekreisen, um zu lesen, zu diskutieren und für einen Moment die Enge des Regimes zu vergessen. Ihre Waffe ist die Literatur. Ihr Schutz ist die Heimlichkeit (ND 2025).
[Wusstest du? Der bekannteste dieser Lesekreise wurde von der Literaturprofessorin Azar Nafisi in den 1990er Jahren in Teheran gegründet. Ihr Buch „Lolita lesen in Teheran“ wurde zum Weltbestseller und 2025 von Eran Riklis verfilmt (Iran Journal 2025).]
Der berühmteste Lesezirkel: Azar Nafisi und ihre Studentinnen
Die Islamische Revolution von 1979 veränderte das Leben der Iranerinnen radikal. Der Schleier wurde zur Pflicht, westliche Literatur vielerorts verboten, die Universitäten durchkämmt. Azar Nafisi, die in den USA und England studiert hatte und als Literaturprofessorin in Teheran lehrte, weigerte sich 1981, den Schleier zu tragen – und wurde von der Universität Teheran entlassen (ND 2025).
Jahre später, 1995, begann sie mit einem kühnen Experiment. Sie lud sieben ihrer ehemaligen Studentinnen zu sich nach Hause ein – jeden Donnerstagmorgen, dem Beginn des Wochenendes im Iran. „Es waren sehr unterschiedliche Frauen, eine trug Hidschab, die andere hatte blonde Haare und lackierte Fingernägel; sie würden außerhalb jenes Kurses niemals zusammensitzen“, erinnert sich Nafisi. „Doch da kamen sie ins Gespräch miteinander. Das war ein tolles Erlebnis, ein Erlebnis mit dem Eis-Geschmack!“ (ND 2025).
Die Frauen lasen westliche Klassiker – Nabokovs „Lolita“, Fitzgeralds „Der große Gatsby“, Jane Austens „Stolz und Vorurteil“. Sie lasen nicht nur, sie diskutierten. In Nabokovs Roman über den alternden Mann, der ein Mädchen seiner Freiheit beraubt, erkannten sie ihr eigenes Schicksal unter einem Regime, das sie zu entmündigen suchte. „Humbert war ein Bösewicht, weil er keine Neugier auf andere Menschen und ihr Leben hatte, nicht einmal auf die Person, die er am meisten liebte“, schrieb Nafisi später (The Atlantic 2003).
[Wusstest du? In den zwei Jahren ihres Bestehens traf sich Nafisis Gruppe wöchentlich. Die Frauen lasen nicht nur, sie lernten sich kennen – ihre Träume, ihre Ängste, ihre geheimen Wünsche. Eine von ihnen war verheiratet, ließ sich scheiden und wurde von ihrem dritten Ehemann geschlagen, konnte ihn aber nicht verlassen, weil das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter automatisch dem Vater zugesprochen worden wäre (The Atlantic 2003).]
Die historischen Wurzeln: Frauenbildung im Iran
Die geheimen Lesekreise von heute haben eine lange Vorgeschichte. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, während der Konstitutionellen Revolution (1905–1911), kämpften iranische Frauen um Zugang zu Bildung. Eine Pionierin war Dorrat-al-Maʿālī, die 1905 die erste Mädchenschule Teherans gründete. In einem Brief erklärte sie ihre Motivation: „Frauen sind die ersten Lehrerinnen der Kinder. Die ersten Worte werden von Müttern an Kinder weitergegeben. Kinder spiegeln die Manieren und Moral ihrer Mütter.“ (Brill 2013)
Dorrat-al-Maʿālī eröffnete nicht nur Schulen, sondern auch einen Leseraum für Frauen und half bei der Gründung der „Vereinigung der Frauen der Heimat“. In einer Zeit, in der weibliche Bildung alles andere als selbstverständlich war, schuf sie Räume, in denen Frauen lesen, lernen und sich austauschen konnten – ein frühes Vorbild für die geheimen Zirkel von heute (Brill 2013).
Literatur als Zuflucht in der Diktatur
Warum gerade Literatur? Die Journalistin und Autorin Gilda Sahebi, die im Iran geboren wurde und heute in Deutschland lebt, erklärt es so: „In einer Diktatur, in der das Denken selbst gefährlich ist, wird Literatur zur letzten Zuflucht.“ (Stadtbibliothek Erlangen 2025). Die Romane, die in den geheimen Zirkeln gelesen werden, sind mehr als Unterhaltung. Sie sind Werkzeuge des Überlebens.
Die Atmosphäre in diesen Treffen beschreibt der Filmkritiker Farhad Fatemi: „Literatur erscheint hier nicht als intellektuelles Vergnügen, sondern als existenzielle Notwendigkeit – als Rettungsanker in einer Welt, in der das Denken gefährlich geworden ist.“ (Iran Journal 2025). In den Wohnzimmern, weit weg von den Augen der Revolutionsgarden, können die Frauen für ein paar Stunden sie selbst sein. Sie legen den Schleier ab, sie sprechen frei, sie denken laut.
Die Frauen in Nafisis Gruppe waren keine Ausnahme. In der gesamten Islamischen Republik existieren solche Zirkel – manche kleiner, manche größer, manche kurzlebig, andere über Jahre. Sie sind schwer zu dokumentieren, denn ihre Existenz ist illegal. Aber sie sind da. Sie waren da in den 1980er Jahren, sie waren da in den 1990ern, und sie sind da heute.
Vom Lesezirkel zur Revolution: „Frau, Leben, Freiheit“
Die geheimen Lesekreise waren nie nur Selbstzweck. Sie waren immer auch Orte der Politisierung. In ihnen lernten Frauen, ihre Unterdrückung zu benennen, Widerstand zu denken und Solidarität zu üben. Sie waren, wie Sahebi es nennt, „Keimzellen der Revolution“ (Stadtbibliothek Erlangen 2025).
Als im September 2022 die 22-jährige Kurdin Jina Mahsa Amini in Gewahrsam der Sittenpolizei starb, weil sie ihr Kopftuch angeblich nicht korrekt trug, brach eine Welle des Protests los, die das Regime bis heute erschüttert. „Frau, Leben, Freiheit“ wurde zum Schlachtruf einer Bewegung, die von Frauen angeführt wird – von Frauen, die oft jahrelang in geheimen Zirkeln gelernt hatten, ihre Stimme zu erheben.
Die Journalistinnen Niloufar Hamedi und Elahe Mohammadi, die als erste über Aminis Tod berichteten, wurden verhaftet. Studentinnen rissen auf Universitätscampus die Kopftücher ab. Auf den Strassen tanzten junge Menschen und riefen „Zan, Zendegi, Azadi“. Der Rapper Toomaj Salehi, der den Song „Unser Schwert ist Liebe“ veröffentlichte, wurde zu Tode gefoltert (Stadtbibliothek Erlangen 2025).
Die geheimen Lesekreise haben diesen Moment vorbereitet. Sie haben Generationen von Frauen gelehrt, dass sie ein Recht auf ihre Stimme haben – auf ihre Gedanken, auf ihre Träume, auf ihr Leben.
*[Wusstest du? Seit Beginn der „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste wurden über 500 Demonstranten getötet und Tausende verhaftet. Die Bewegung ist dennoch nicht gebrochen – sie hat sich ins Netz, in die Kunst und zurück in die Wohnzimmer verlagert (Stadtbibliothek Erlangen 2025).]*
Die subversive Kraft des Lesens
Was macht das heimliche Lesen so gefährlich für Diktaturen? Die Antwort liegt in der Natur des Lesens selbst. Lesen ist ein Akt der Freiheit. Es öffnet Räume im Kopf, die keine Mauer schließen kann. Es lehrt Empathie für Menschen, die anders sind. Es ermöglicht, sich eine andere Welt vorzustellen.
Azar Nafisi schrieb über ihren Lesezirkel: „Die Märchenatmosphäre dieser Donnerstagmorgen, an denen wir über Bücher sprachen, erlaubte uns, so viel von unserem geheimen Leben miteinander zu teilen.“ (The Atlantic 2003). In diesen Gesprächen entstand etwas, das das Regime fürchten muss: Gemeinschaft. Solidarität. Die Erkenntnis, dass man nicht allein ist.
Der Regisseur Eran Riklis, der 2025 „Lolita lesen in Teheran“ verfilmte, sagte über die Frauen in Nafisis Gruppe: „Sie sind nicht einfach Opfer. Sie sind Heldinnen ihres eigenen Lebens.“ (Iran Journal 2025). Diese Haltung zieht sich durch die Geschichte der geheimen Lesekreise: Es geht nicht um Mitleid, sondern um Respekt. Um die Anerkennung, dass diese Frauen sich ihre Freiheit jeden Donnerstagmorgen neu erkämpfen – Seite für Seite, Wort für Wort.
Wenn du mehr über mutige Frauen im Iran erfahren möchtest, dann schau dir auch diesen Artikel an: Frauen in Afghanistan nähen Flaggen als stillen Protest
Quellen:
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Brill (2013): Dorrat-al-Maʿālī – Pioneer in Female Education in Persia. Encyclopedia Iranica. https://brillpublications.cn/display/entries/EIRO/COM-8516.xml
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Iran Journal (2025): Widerstand und Weltpolitik: Lolita lesen in Teheran. 17.11.2025. https://iranjournal.org/kultur/lolita-lesen-in-teheran
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ND (2025): »Erzähl ihnen alles!« – Azar Nafisi im Interview. 20.11.2025. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195617.azar-nafisi-im-interview-erzaehl-ihnen-alles.html
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Stadtbibliothek Erlangen (2025): Gilda Sahebi: Unser Schwert ist Liebe – Lesung in der Stadtbibliothek. 28.11.2024. https://blog.stadtbibliothek-erlangen.de/gilda-sahebi-unser-schwert-ist-liebe/
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The Atlantic (2003): Book Group in Chadors. Juni 2003. https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2003/06/book-group-in-chadors/302748/
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