Grundeinkommen-Experiment in Kenia nach fünf Jahren [Kenia]

Die 52-jährige Kadi lebt in einem Dorf in Kenia, weit weg von der nächsten Stadt. Sie ist Witwe, hat keine feste Arbeit, schlägt sich als Tagelöhnerin durch. Früher bedeutete jeder Tag Ungewissheit: Würde sie genug zu essen haben? Würde sie ihre Kinder durchbringen? Heute ist das anders. Seit fünf Jahren erhält sie eine monatliche Überweisung von 34 US-Dollar – bedingungslos, ohne Auflagen, ohne Kontrolle. „Die Gewissheit, dass mir nie das Essen ausgeht, gibt mir ein beruhigendes Gefühl“, sagt sie. „Dieses Geld ist meine einzige stabile Hoffnung geworden.“ (BBC 2025)

Kadi ist eine von über 22.000 Menschen, die am weltweit größten Experiment mit einem bedingungslosen Grundeinkommen teilnehmen. Die US-Organisation GiveDirectly überweist seit 2018 an rund 22.000 Dorfbewohner in 295 Dörfern Kenias monatlich Geld – völlig bedingungslos. Was als umstrittene Idee begann, hat sich zur bisher umfassendsten Studie über die Wirkung von Grundeinkommen entwickelt (weltsicht 2024).

[Wusstest du? Das kenianische Grundeinkommensexperiment läuft über zwölf Jahre – das weltweit längste und größte seiner Art. Beteiligt sind Nobelpreisträger Abhijit Banerjee und führende Entwicklungsökonomen. Die Ergebnisse werden mit einer Kontrollgruppe von 11.000 Menschen verglichen, die nichts erhalten.]

Die Idee: Geld ohne Bedingungen

Die Grundidee des bedingungslosen Grundeinkommens ist bestechend einfach: Jeder Mensch erhält regelmäßig eine Geldzahlung, unabhängig von seiner finanziellen Situation, seiner Arbeitsbereitschaft oder seinem sozialen Status. Die Befürworter argumentieren, dass dies nicht nur Armut bekämpft, sondern auch Freiheit schafft – die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, eigene Wege zu gehen, eigene Risiken einzugehen (BBC 2025).

In Kenia testet GiveDirectly drei verschiedene Modelle: In einigen Dörfern erhalten die Bewohner zwölf Jahre lang monatliche Zahlungen, in anderen nur zwei Jahre, in einer dritten Gruppe bekommen sie die gesamte Summe der zwei Jahre auf einmal ausgezahlt (weltsicht 2024). Die Höhe der Zahlungen orientiert sich an der internationalen Armutsgrenze – etwa 1,88 US-Dollar pro Erwachsenem und Tag, was einem monatlichen Betrag von etwa 56 Dollar pro Haushalt entspricht (NextBillion 2023).

Die Forscher um Abhijit Banerjee, Tavneet Suri und den 2019 verstorbenen Alan Krueger begleiten das Projekt mit strengen wissenschaftlichen Methoden. 195 Dörfer erhielten Zahlungen, 100 weitere dienten als Kontrollgruppe. Insgesamt wurden über 23.000 Menschen in die Studie einbezogen (VoxDev 2024).

Die Ergebnisse nach fünf Jahren

Die ersten Zwischenergebnisse, die 2023 und 2024 veröffentlicht wurden, sind bemerkenswert. Entgegen vieler Vorurteile führte das Grundeinkommen nicht dazu, dass Menschen aufhörten zu arbeiten. Die Arbeitsbereitschaft blieb insgesamt stabil – aber die Art der Arbeit veränderte sich grundlegend (weltsicht 2024).

Viele Menschen verließen schlecht bezahlte Lohnarbeit, um sich selbstständig zu machen. In den Dörfern mit zwölfjährigem Grundeinkommen stieg die Zahl der Unternehmen um 34,5 Prozent. Die Umsätze dieser neuen Firmen erhöhten sich um 60 Prozent, die Gewinne verdoppelten sich nahezu (NextBillion 2023). Ein Grund dafür: Auch die Kundschaft in den Dörfern hatte mehr Geld zur Verfügung, wodurch die Nachfrage stieg (weltsicht 2024).

[Wusstest du? Menschen, die ihr Geld auf einmal erhielten, erzielten bessere Geschäftsergebnisse als diejenigen mit monatlichen Raten. Sie konnten direkt investieren, statt erst ansparen zu müssen. Viele nutzten auch informelle Spargruppen, um ihre regelmäßigen Zahlungen in größere Summen zu verwandeln.]

Die positiven Effekte beschränkten sich nicht auf die wirtschaftliche Entwicklung. Die Empfänger des Grundeinkommens aßen mehr und vor allem eiweißreicher – der Nahrungsmittelkonsum stieg um 10 Prozent, der Proteinkonsum um 7,4 Prozent (NextBillion 2023). Die psychische Gesundheit verbesserte sich deutlich: Die Wahrscheinlichkeit, an Depressionen zu leiden, sank um 17 Prozent (NextBillion 2023).

Kadi, die Witwe aus dem kenianischen Dorf, fasst es so zusammen: „Dieses Programm hat mir ein Gefühl der Zugehörigkeit gegeben. Ich habe jetzt die Möglichkeit, eine größere Summe Geld zu erhalten – etwas, das ich mir vorher nie hätte vorstellen können. Ich plane, Ochsen zum Pflügen zu kaufen, wenn ich an der Reihe bin.“ (BBC 2025)

Warum bedingungslos besser sein kann

Das kenianische Experiment bestätigt, was Wissenschaftler seit Jahren vermuten: Gezielte Hilfsprogramme, die nur bestimmte Bevölkerungsgruppen erreichen sollen, scheitern oft an der Praxis. In Südafrika müssen Antragsteller für Sozialhilfe über Computerkenntnisse verfügen – 20 Prozent der Bevölkerung haben aber keinen Internetzugang. Sie benötigen Smartphones mit hochauflösenden Kameras für biometrische Identifikation. Viele Berechtigte erhalten nie Hilfe (BBC 2025).

In Indien besitzen etwa die Hälfte der Ärmsten keine Karte, die sie als „unterhalb der Armutsgrenze“ ausweist – und haben damit keinen Anspruch auf staatliche Leistungen. Der Ökonom Pranab Bardhan schrieb bereits 2016: „In Umgebungen mit überwiegend informeller Beschäftigung ist die Identifizierung der Armen kostspielig, korruptionsanfällig, kompliziert und umstritten.“ (BBC 2025)

Das bedingungslose Grundeinkommen umgeht diese Probleme. Es erreicht alle, stigmatisiert niemanden und gibt den Menschen die Freiheit, selbst zu entscheiden, was sie am dringendsten brauchen. Kelle Howson vom Institute for Economic Justice in Südafrika sagt: „Jeder Versuch, Hilfe nach Einkommensungleichheit auszurichten, ist zum Scheitern verurteilt. Wir brauchen keine weiteren Experimente, um zu beweisen, dass Grundeinkommen Menschen nicht aus dem Arbeitsmarkt drängt. Es ermöglicht ihnen im Gegenteil, eigene Unternehmen zu gründen und die lokale Wirtschaft anzukurbeln.“ (BBC 2025)

Internationale Perspektiven

Das kenianische Experiment ist nicht das einzige seiner Art. In Deutschland untersuchte der Verein „Mein Grundeinkommen“ 122 Menschen, die drei Jahre lang monatlich 1.365 Euro erhielten. Auch hier blieb die Arbeitsbereitschaft unverändert, aber die Teilnehmer wechselten häufiger den Job, waren zufriedener und investierten mehr in Weiterbildung (BBC 2025).

In den USA dagegen zeigte ein Experiment in Texas und Illinois, dass Empfänger von 12.000 Dollar Jahreszahlungen ihre Arbeitszeit um durchschnittlich 1,3 Stunden pro Woche reduzierten – ihr Jahreseinkommen sank um 1.500 Dollar. Die Forscherin Eva Vival erklärte: „In Ländern mit niedrigeren Einkommen sind die positiven Effekte stärker ausgeprägt. In wohlhabenderen Umgebungen sind die Probleme oft so, dass Geld allein sie kaum lösen kann.“ (BBC 2025)

Kritik und offene Fragen

Trotz der positiven Ergebnisse bleibt das Grundeinkommen umstritten. Kritiker wie die australische Ökonomin Flora Gill warnen vor den Kosten: „Die Finanzierung eines universellen Grundeinkommens würde massive Steuererhöhungen erfordern.“ (BBC 2025) Andere befürchten Inflation oder den Zusammenbruch sozialer Strukturen.

Die Erfahrungen aus Iran zeigen, dass diese Sorgen nicht unbegründet sind: Dort sank der reale Wert der Zahlungen durch Inflation rapide, weil die Beträge nicht angepasst wurden (BBC 2025).

Dennoch überwiegen für viele Experten die Vorteile. Howson argumentiert: „In Ländern wie Südafrika sind viele Menschen völlig vom Wirtschaftssystem ausgeschlossen. Wenn wir Steuereinnahmen erhöhen wollen, müssen wir zuerst Hunger und Armut beseitigen. Dann können wir menschliche Kreativität und Unternehmergeist freisetzen.“ (BBC 2025)

Was bleibt

Fünf Jahre nach Beginn des kenianischen Experiments sind die Ergebnisse eindeutig: Das bedingungslose Grundeinkommen macht Menschen nicht faul, sondern unternehmerisch. Es verbessert ihre Ernährung, ihre psychische Gesundheit und ihre Zukunftsaussichten. Es gibt ihnen die Würde, selbst zu entscheiden, was sie brauchen.

Kadi, die Witwe, hat heute einen Plan. Sie wird Ochsen kaufen, wenn sie an der Reihe ist. Sie wird ihr eigenes Unternehmen gründen. Sie wird nicht länger Tagelöhnerin sein. All das verdankt sie 34 Dollar im Monat – und dem Vertrauen, dass sie selbst am besten weiß, was sie braucht.


Quellen:

BBC (2025): 每个人都应该获得全民基本收入吗? BBC News中文, 28.04.2025. Verfügbar unter: https://www.bbc.com/zhongwen/articles/cjdxgxyg1p9o/simp.lite

NextBillion (2023): Does Universal Basic Income Really Work? Understanding the Early Findings from the World’s Largest UBI Experiment. 06.10.2023. Verfügbar unter: https://nextbillion.net/universal-basic-income-early-findings-largest-ubi-experiment-implications-financial-resilience/

VoxDev (2024): Universal basic income in Kenya. Juni 2024. Verfügbar unter: https://voxdev.org/topic/social-protection/universal-basic-income-kenya

weltsicht (2024): Erfolgreiches Grundeinkommen. welt-sichten, 2024. Verfügbar unter: https://www.welt-sichten.org/artikel/42284/erfolgreiches-grundeinkommen

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