Hausbibliotheken für Kinder in brasilianischen Favelas [Brasilien]
In der Favela da Mangueira, eingezwängt zwischen den Hügeln von Rio de Janeiro, ist das Grün eine Seltenheit. Beton und Backstein dominieren das Bild. Doch an einem kleinen Haus, kaum größer als eine Garage, leuchtet etwas Blau. Eine handbemalte Holzkiste, vollgestopft mit Büchern, hängt am Zaun. „Biblioteca do Rato“ steht darüber – „Bibliothek der Maus“. Gegründet von einem Mann, der selbst nie eine richtige Schule besuchen konnte und den die Nachbarskinder nur „Rato“ nennen. Er kann kaum lesen, aber er hat verstanden, dass Bücher der einzige Ausweg sind aus dem Kreislauf von Armut und Gewalt.
Wusstest du? In Brasilien haben 56 Prozent der Bevölkerung keinen Zugang zu öffentlichen Bibliotheken. In den Favelas ist die Situation noch dramatischer. Privatinitiativen wie die „Biblioteca do Rato“ sind oft die einzige Möglichkeit für Kinder, überhaupt an Bücher zu kommen.]
Ein Analphabet gründet eine Bibliothek
Sein richtiger Name ist José Paulo da Silva, aber alle nennen ihn Rato. Er ist klein, drahtig, mit raschen Bewegungen – wie eine Maus, sagt er selbst. Vor zwanzig Jahren zog er in die Favela da Mangueira, einer der ältesten und berühmtesten Favelas Rios, direkt am Fuß des Stadions Maracanã. Er konnte weder lesen noch schreiben, lebte von Gelegenheitsjobs, sammelte Schrott. Aber er hatte einen Traum: Er wollte, dass die Kinder in seiner Nachbarschaft es besser haben als er (Rede Maré 2023).
Also begann er, Bücher zu sammeln. Auf Flohmärkten, in Müllcontainern, bei Freunden. Alles, was er fand, brachte er in einer Holzkiste unter, die er am Zaun seines Hauses befestigte. „Die Bibliothek der Maus“ war geboren. Die Kinder kamen, anfangs zögerlich, dann immer zahlreicher. Sie brachten Freunde mit, erzählten sich von den Büchern, lasen sich gegenseitig vor. Rato stand daneben, hörte zu, lernte selbst – Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort (Biblioteca do Rato 2024).
[Wusstest du? Die Bibliothek der Maus ist heute eine der bekanntesten Gemeinschaftsbibliotheken Brasiliens. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet und hat Ableger in anderen Favelas inspiriert. Rato kann heute lesen und schreiben – er lernte es mit den Kindern, die zu ihm kamen.]
Eine Bewegung wächst
Was Rato vor zwanzig Jahren begann, ist heute eine kleine Bewegung. In der Favela da Mangueira gibt es inzwischen mehrere solcher Hausbibliotheken, jede mit eigenem Namen, eigenem Stil, eigener Geschichte. Sie sind Treffpunkte, Lernorte, Schutzräume. Hier werden nicht nur Bücher ausgeliehen, sondern auch Geschichten erzählt, Hausaufgaben gemacht, Freundschaften geschlossen.
Die Kinder kommen nach der Schule, manchmal auch vorher. Sie sitzen auf umgedrehten Kisten, auf dem Boden, auf einer alten Couch. Sie lesen, blättern, tauschen sich aus. Wer ein Buch besonders mag, darf es behalten – mit der Bitte, es irgendwann zurückzubringen oder ein anderes mitzubringen. Das System funktioniert auf Vertrauensbasis. Und es funktioniert (Favelivro 2024).
[Wusstest du? In der Favela da Maré, einer der größten Favelas Rios, gibt es ein ganzes Netzwerk von Gemeinschaftsbibliotheken. Sie werden von Bewohnern betrieben, oft von Frauen, die erkannt haben, dass Lesen der einzige Weg ist, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen.]
Die Bibliothek, die zum Film wurde
Die Bibliothek von Rato hat längst über die Favela hinaus Aufmerksamkeit erregt. Ein Dokumentarfilm wurde über ihn gedreht, Zeitungen berichteten, Universitäten luden ihn ein. Aber Rato ist bescheiden geblieben. Er lebt immer noch in seinem kleinen Haus, sammelt weiter Bücher, empfängt weiter Kinder. „Ich will keine Berühmtheit sein“, sagt er. „Ich will nur, dass die Kinder hier eine Chance haben.“ (Rede Maré 2023)
Die Kinder nennen ihn heute „Seu Rato“ – Herr Maus. Sie kommen nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Reden. Rato hört zu, gibt Ratschläge, ist so etwas wie ein Großvater für viele. „Wenn ich traurig bin, gehe ich zu Seu Rato“, sagt die zehnjährige Maria Clara. „Dann leihe ich mir ein Buch und vergesse alles.“ (Favelivro 2024)
Ein Modell für ganz Brasilien
Was in Mangueira begann, hat inzwischen Nachahmer in ganz Brasilien gefunden. In São Paulo, in Salvador, in Recife entstehen ähnliche Projekte. Die Organisation „Favelivro“ unterstützt Gemeinschaften beim Aufbau eigener Bibliotheken, vermittelt Spenden, vernetzt die Akteure. Ihr Ziel: 1.000 Hausbibliotheken in brasilianischen Favelas bis 2030 (Favelivro 2024).
Die Herausforderungen sind gewaltig. Die meisten Bibliotheken kämpfen ums Überleben, sind auf Spenden angewiesen, haben keine festen Räume, keine rechtliche Absicherung. Aber sie haben eines: die Kraft der Gemeinschaft. Und die Geschichten der Kinder, die durch sie einen Weg aus der Armut finden.
Was bleibt
Rato sitzt auf seinem Hocker vor der blauen Holzkiste und schaut den Kindern zu. Ein Junge blättert in einem alten Comicheft, zwei Mädchen tuscheln über einem Bilderbuch. Die Sonne geht unter, die Favela wird langsam ruhiger. Ein Tag wie jeder andere – und ein Tag, der ohne ihn nicht möglich wäre.
„Ich kann nicht viel“, sagt er. „Aber ich kann Bücher sammeln. Und die Kinder können lesen. Das ist genug.“ (Biblioteca do Rato 2024)
Quellen:
Biblioteca do Rato (2024): História da Biblioteca Comunitária na Mangueira. Verfügbar unter: https://bibliotecadorato.org/historia
Favelivro (2024): Rede de Bibliotecas Comunitárias – Relatório Anual. Verfügbar unter: https://favelivro.org.br/relatorio2024
Rede Maré (2023): Leitores da Maré: o impacto das bibliotecas comunitárias. Verfügbar unter: https://redemare.org.br/leitores-da-mare
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