„Abfall ist nur eine Frage der Definition“: Wie ein ETH-Spin-off die Bauindustrie mit Zement aus der Tonne revolutioniert
Es ist ein Bild, das Gnanli Landrou nie vergessen wird: In seiner Heimat Togo sah er als Kind, wie Menschen aus nichts etwas erschufen – Häuser aus Lehm, gemischt mit den einfachsten Materialien, gebaut mit den Händen. Jahre später, im hochtechnisierten Labor der ETH Zürich, sitzt der promovierte Materialwissenschaftler vor Bergen von Bauschutt. Und plötzlich wird ihm klar: Das eine hat mit dem anderen zu tun. Was in Togo Tradition ist, könnte in Europa die Zukunft sein. Aus dieser Erkenntnis entstand Oxara – ein Unternehmen, das beweist, dass Abfall nur eine Frage der Definition ist (Swisscore 2025).
Die Geschichte von Oxara beginnt 2015, als Landrou an der ETH Zürich mit Experimenten beginnt. Seine Frage: Lässt sich das tonnenweise anfallende Aushubmaterial aus Baugruben und abgerissene Bausubstanz nicht wieder zu etwas Neuem verarbeiten? Ein paar Jahre später stößt Thibault Demoulin dazu, ein Materialwissenschaftler mit Leidenschaft für den Erhalt historischer Bausubstanz. 2019 gründen sie gemeinsam Oxara als Spin-off der ETH Zürich (Swisscore 2025).
Der Name ist Programm: „Oxara“ leitet sich vom togolesischen Wort „Ossara“ ab, das „Versammeln“ oder „Zusammenkommen“ bedeutet. Denn, so Landrou: „Um eine Industrie zu verändern, braucht man eine starke Gemeinschaft – ein lebendiges Ökosystem, das zu Veränderungen fähig ist“ (Swisscore 2025).
Wusstest du?
Weltweit ist die Zementproduktion für etwa 8 Prozent der jährlichen CO₂-Emissionen verantwortlich – mehr als der gesamte globale Flugverkehr. Würde man Zement als Land zählen, wäre er der drittgrößte Emittent nach China und den USA (2050 Materials 2025).
Oulesse: Ein Bindemittel, das Zement überflüssig macht
Herzstück von Oxara ist der patentierte, zementfreie Binder Oulesse®. Das Besondere: Er wird nicht aus neu gebranntem Kalkstein hergestellt, sondern aus mineralischen Bauabfällen – Aushubmaterial, Abbruchmasse, Filterkuchen aus der Kieswäsche. Mit einer speziellen Salzmischung versetzt, verwandelt sich dieser vermeintliche Müll in ein vollwertiges Bindemittel für Beton, Estrich, Mörtel und sogar tragende Wandelemente (2050 Materials 2025; HSLU 2025).
Die CO₂-Bilanz ist beeindruckend: Gegenüber herkömmlichem Zement spart Oulesse bis zu 90 Prozent der Emissionen ein (Oxara 2024). Gleichzeitig löst das Unternehmen zwei Probleme auf einmal: Es reduziert nicht nur den Klimafußabdruck der Bauindustrie, sondern verwertet auch die riesigen Mengen an Bauabfall, die sonst deponiert würden. Allein in der Schweiz fallen jährlich 45 Millionen Tonnen mineralische Abfälle an – genug, um einen Großteil der Bauindustrie zu versorgen (Solar Impulse Foundation 2025).
Entscheidend für den Markterfolg: Die Technologie lässt sich nahtlos in bestehende Produktionsprozesse integrieren. „Nachhaltiger Fortschritt ist erreichbar, ohne dass große Umrüstungen oder Investitionen nötig sind“, betont Martin Bodmer, Leiter Operations bei Oxara (Oxara 2025). Genau das überzeugt Partner aus der Industrie.
Wusstest du?
Der Name Oulesse® ist ein Wortspiel aus „ou“ (französisch für „oder“) und „less“ (englisch für „weniger“) – also die Einladung, sich für die Alternative mit weniger CO₂ zu entscheiden. Das Logo von Oxara zeigt zwei Halbkreise – einer steht für das Ausheben von Material, der andere für das Bauen. Das „x“ in der Mitte symbolisiert den Mischprozess. Die nicht ganz geschlossenen Kreise stehen für Offenheit und die Möglichkeit des Scheiterns – eine bewusste Reminiszenz an den Gründergeist (Swisscore 2025).
Von der Nische in den Markt
Oxara hat sich bewusst für einen Partner-orientierten Ansatz entschieden. Statt selbst Beton herzustellen, beliefert das Unternehmen etablierte Baustoffproduzenten mit seinem Binder – und erreicht so schnell große Marktanteile. Die Liste der Partner liest sich wie ein Who-is-Who der Schweizer Bauindustrie:
Mit CREABETON brachte Oxara 2025 eine Kollektion klimafreundlicher Betonpflastersteine auf den Markt, die bis zu 30 Prozent CO₂ einsparen (Oxara 2025). Mit KIBAG und Holcim, zwei der größten Baustoffkonzerne der Schweiz, schloss Oxara 2024 eine strategische Partnerschaft, um Oulesse flächendeckend zu vertreiben – mit dem Potenzial, bis zu 10 Prozent des Schweizer Betonmarkts zu bedienen (Oxara 2024).
Auch in der Forschung ist Oxara aktiv. Beim Forschungsprojekt „Think Earth“ an der Hochschule Luzern entstand 2024 der Pavillon Manal – das erste Gebäude, in dem Oulesse in größerem Maßstab erprobt wurde. Die Wände bestehen aus Gusslehm, der mit mineralischen Abfällen aus der Kiesproduktion hergestellt wurde. Das filigrane Bauwerk beweist, dass nachhaltige Materialien nicht nur ökologisch, sondern auch architektonisch überzeugen können (Hochparterre 2025; HSLU 2025).
Parallel entstand in Riehen bei Basel das erste Einfamilienhaus mit Oulesse-Fußboden – ein weiterer Meilenstein für die Markteinführung (Oxara 2025).
Ein Ökosystem für den Wandel
Im Februar 2026 erhielt Oxara eine bedeutende Finanzspritze: Der dänische Investor Medley Ventures, der von den Gründern von Too Good To Go aufgelegt wurde, beteiligte sich an einer Pre-Serie-A-Runde. Das Ziel: 20 Millionen Franken bis März 2026 einsammeln, um Produktentwicklung, Zertifizierung und Markteintritt in Nachbarländer wie Deutschland, Frankreich und Österreich zu beschleunigen (Zürcher Handelskammer 2026).
Mathias Christensen, Mitgründer und CEO von Medley Ventures, erklärt das Engagement: „Was uns überzeugt hat, ist die Vision hinter Oxara: Ingenieurskunst, echte industrielle Wirkung und glaubwürdige Hoffnung für eine bessere Zukunft des Bauens. Indem Zement überflüssig wird und Abfall zu Wertstoff, zeigen sie, dass Innovation die Art und Weise verändern kann, wie wir bauen“ (Zürcher Handelskammer 2026).
Was bleibt
Oxara ist heute mehr als ein Startup. Es ist der lebende Beweis, dass die Bauindustrie nicht warten muss, bis irgendwann die große Lösung vom Himmel fällt. Die Lösung liegt bereits unter unseren Füßen – im Aushub von Baugruben, in den Trümmern abgerissener Häuser, in den Resten der Zementproduktion. Sie muss nur neu gedacht werden.
Bis 2050 will die Schweiz klimaneutral sein – ein Ziel, das ohne eine radikale Wende im Bauwesen nicht erreichbar ist. Oxara zeigt, wie diese Wende aussehen kann. Mit wissenschaftlicher Präzision, unternehmerischem Mut und der Überzeugung, dass Abfall wirklich nur eine Frage der Definition ist.
Quellen:
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2050 Materials. 2025. „The Role of Waste-Based Building Materials in Achieving Net Zero“. [online] Verfügbar unter: https://2050-materials.com/blog/the-role-of-waste-based-building-materials-in-achieving-net-zero/
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Hochparterre. 2025. „Baukultur aus Abfall“. [online] Verfügbar unter: https://www.hochparterre.ch/nachrichten/architektur/baukultur-aus-abfall
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HSLU – Hochschule Luzern. 2025. „Klimaneutral bauen – mit Lehm statt mit Beton“. [online] Verfügbar unter: https://www.ee-news.ch/de/wasser/arti/article/57334/hslu-klimaneutral-bauen-mit-lehm-statt-mit-beton
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Oxara. 2024. „Strategic partnership between Oxara, Kibag and Holcim“. [online] Verfügbar unter: https://www.oxara.earth/en/news/strategic-partnership-between-oxara-kibag-and-holcim.html
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Oxara. 2025. „CREABETON and Oxara launch low-carbon concrete paver collection“. [online] Verfügbar unter: https://www.oxara.earth/en/news/creabeton-and-oxara-launch-low-carbon-concrete-paver-collect.html
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Oxara. 2025. „Single-family home Riehen“. [online] Verfügbar unter: https://oxara.earth/en/projects/completed/single-family-home-riehen.html
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Solar Impulse Foundation. 2025. „Oulesse – Efficient Solution“. [online] Verfügbar unter: https://solarimpulse.com/solutions-explorer/oulesse
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Swisscore. 2025. „Circular sustainability in the construction sector“. [online] Verfügbar unter: https://www.swisscore.org/sustainability-in-the-construction-sector/
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Zürcher Handelskammer. 2026. „Medley Ventures investiert in Oxara“. [online] Verfügbar unter: https://www.zhk.ch/de/schweizer-wirtschaft-sichtbar-machen/uebersicht/detail/medley-ventures-investiert-in-oxara.html
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