„Einfach mal zeigen, wie’s geht“: Wie Digital-Paten in Mecklenburg Senioren mit der Welt verbinden
Es ist Dienstagnachmittag im Amt Dömitz-Malliß, einer ländlichen Region in Mecklenburg-Vorpommern. Im Gemeinschaftsraum des Seniorenbegegnungszentrums sitzt Helga, 78, neben ihrem Enkel, der ihr zum dritten Mal erklärt, warum das Video nicht startet. „Ach, lass doch“, sagt sie und will schon aufstehen. Doch dann klopft es an der Tür. „Ich bin Ihr Digital-Pate“, sagt der Mann im blauen Hemd. „Darf ich mal gucken?“ Eine Stunde später schickt Helga ihr erstes selbstgemachtes Video an die Urenkelin in Hamburg.
Solche Szenen spielen sich immer häufiger ab in Deutschland – nicht nur in Großstädten, sondern gerade auf dem Land, wo der demografische Wandel besonders spürbar ist. Im Amt Dömitz-Malliß haben sie darauf eine Antwort gefunden, die so einfach wie genial ist: Digital-Paten – Ehrenamtliche, die Seniorinnen und Senioren den Umgang mit Smartphone, Tablet und Co. beibringen. Keine teuren Kurse, keine komplizierten Konzepte. Einfach Menschen, die Zeit mitbringen und Geduld. Und die Freude daran, andere teilhaben zu lassen (Amt Dömitz-Malliß o.J.).
Was als kleine Idee begann, ist heute eine feste Größe im Gemeindeleben: 22 Seniorinnen und Senioren nehmen regelmäßig an den Treffen teil. Ehrenamtliche Helfer stehen Rede und Antwort bei technischen Problemen – ob es um die Installation einer Dorf-App geht, um Online-Banking oder um den ersten Videoanruf bei den Enkeln (Amt Dömitz-Malliß o.J.).
Wusstest du?
In Rheinland-Pfalz gibt es ein landesweites Programm, bei dem speziell geschulte „Digitalbotschafter“ älteren Menschen den Zugang zur digitalen Welt erleichtern. Mittlerweile engagieren sich dort über 700 Ehrenamtliche – ein Modell, das Schule macht (Landkreis Birkenfeld 2025).
Hilfe, die ankommt
Die Bandbreite der Fragen ist groß. Für viele Senioren beginnt es mit den Grundlagen: Wie schalte ich das Gerät ein? Was ist eine App? Wie speichere ich eine Nummer? Andere sind schon weiter und brauchen Hilfe bei spezifischen Problemen: Die Enkelin hat einen Link geschickt – wie öffne ich ihn? Mein Tablet spinnt, was tun? Oft reicht ein kleiner Tipp, manchmal dauert es länger. Aber eines ist immer gleich: Die Dankbarkeit derjenigen, die endlich verstehen, was vorher ein Buch mit sieben Siegeln war.
„Die Digital-Paten sind für viele Senioren die Brücke in eine Welt, die sonst verschlossen bliebe“, sagt eine Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung. „Es geht nicht nur um Technik. Es geht um Teilhabe. Um den Kontakt zu den Kindern, die weit weg wohnen. Um Informationen aus der Gemeinde. Um das Gefühl, nicht abgehängt zu sein.“ (Amt Dömitz-Malliß o.J.)
Wusstest du?
Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) fühlt sich jeder dritte Deutsche über 65 Jahre von der Digitalisierung überfordert. Besonders auf dem Land fehlen oft niedrigschwellige Angebote (DIVSI 2022).
Was die Helfer antreibt
Die Ehrenamtlichen selbst kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen: Schüler, die Sozialstunden leisten müssen, Studierende, die nebenbei helfen, Berufstätige, die sich abends engagieren, und natürlich viele Rentner, die selbst gut im digitalen Leben stehen und etwas zurückgeben wollen. Alle eint der Wunsch, zu helfen und die eigenen Erfahrungen weiterzugeben.
„Ich hatte früher selbst Angst vor dem Handy“, erzählt ein 67-jähriger Digital-Pate. „Mein Enkel hat es mir gezeigt, ganz geduldig, immer wieder. Heute kann ich anderen helfen. Das ist ein gutes Gefühl.“ (Amt Dömitz-Malliß o.J.)
Besonders wertvoll ist die persönliche, unkomplizierte Atmosphäre. Keine Noten, keine Tests, kein Leistungsdruck. Jeder lernt in seinem Tempo, jeder darf fragen, so oft er will. Und oft entstehen aus den Treffen echte Freundschaften – man trinkt gemeinsam Kaffee, unterhält sich über Gott und die Welt, und irgendwann ist das Smartphone nur noch Nebensache.
Was bleibt
Das Projekt „SilverSurfer / Digital-Paten“ im Amt Dömitz-Malliß zeigt, wie viel mit einfachen Mitteln erreicht werden kann. 22 regelmäßige Teilnehmer – das klingt erstmal nicht nach einer riesigen Bewegung. Aber wer die Gesichter sieht, wenn zum ersten Mal eine Videoverbindung steht, wenn das Foto endlich auf dem Computer ist, wenn die Enkelin zurückruft, weil Oma sie mit einer WhatsApp überrascht hat – der weiß: Das ist große Wirkung. Und die Anerkennung, die das Projekt erfährt, ist nicht nur eine formale. Es ist die Anerkennung der Menschen, denen geholfen wird. Und das ist die beste Belohnung.
Quellen:
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Amt Dömitz-Malliß. o.J. „Projektbeschreibung SilverSurfer / Digital-Paten“. [online] Verfügbar unter: https://www.amt-doemitz-malliss.de/ [Zugriff am 16. März 2026].
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DIVSI – Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet. 2022. „DIVSI-Studie zu digitaler Teilhabe älterer Menschen“. [online] Verfügbar unter: https://www.divsi.de/ [Zugriff am 16. März 2026].
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Landkreis Birkenfeld. 2025. „Neue Hilfe für Senioren: Manuela Busch ist erster ePA-Coach im BIR-Kreis“. [online] Verfügbar unter: https://www.landkreis-birkenfeld.de/News/Pressemitteilungen.htm/ [Zugriff am 16. März 2026].
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