„Nicht jedes Rad neu erfinden“: Wie ein Verein die Bauindustrie mit Open Source revolutionieren will

Stell dir eine Branche vor, in der 90 Prozent der Unternehmen weniger als zehn Mitarbeiter haben. In der jedes Büro mit denselben Problemen kämpft, dieselben Softwarelösungen braucht, dieselben Daten erfasst – aber jede Firma versucht, das Rad für sich allein neu zu erfinden. Klingt ineffizient? Ist es auch. Genau hier setzt opensource.construction an – mit einer Idee, die in der Tech-Welt längst Standard ist und nun endlich auch im Bauwesen ankommt (opensource.construction 2023).

Maximilian Vomhof, Architekt und Gründer der Initiative, kennt die Baustelle aus eigener Erfahrung. Jahrelang hat er erlebt, wie viel Energie in der Branche verschwendet wird – nicht auf dem Bau, sondern vor dem Bildschirm. Jedes Büro entwickelt eigene Workarounds, eigene Excel-Tabellen, eigene Insellösungen. „Meine ständige Sorge ist die Verschwendung von Ressourcen durch doppelte Arbeit, die unsere kollektive Wirkung verlangsamt“, sagt er. „Wir sollten alle an Dingen arbeiten, die sich ergänzen, und auf bestehenden Lösungen aufbauen, wenn sie existieren“ (opensource.construction 2023; revalu.io 2024).

Aus dieser Erkenntnis entstand opensource.construction – eine Initiative, die 2022 mit einem ersten Meetup startete und heute als Arbeitsgruppe von CH Open organisiert ist, einem Schweizer Verein, der seit über 40 Jahren Open Source fördert (Hochparterre 2023; opensource.construction 2023). Die Mission: den Wandel zu einer offeneren und innovativeren Bauindustrie beschleunigen.

Wusstest du?
62 Prozent der Bauunternehmen haben weniger als 50 Mitarbeiter, 90 Prozent der Architektur- und Ingenieurbüros sogar weniger als zehn. Die meisten haben kaum Budget für Forschung und Entwicklung – schon gar nicht für die Entwicklung digitaler Lösungen (opensource.construction 2023).

Drei Probleme, ein Ansatz

Warum hinkt die Bauindustrie bei der Digitalisierung so hinterher? opensource.construction hat drei Hauptprobleme identifiziert (opensource.construction 2023):

Ein Lernproblem: Die Branche tut sich schwer, sich an neue Trends und Technologien anzupassen. Viele Entscheider haben keinen technischen Hintergrund – Kaufentscheidungen für Software oder langfristige Digitalstrategien sind für sie eine Qual.

Ein Innovationsproblem: Die Landschaft ist geprägt von fragmentierten, geschlossenen Ökosystemen – sowohl innerhalb der Unternehmen als auch innerhalb der Softwaretools. Das verhindert, dass Innovationen (und Start-ups) skalieren können.

Ein Kollaborationsproblem: Das „Not invented here“-Syndrom ist allgegenwärtig. Viele Unternehmen agieren immer noch im Wettbewerbsmodus, statt zu kooperieren – obwohl gerade bei digitalen Grundlagen gemeinsames Entwickeln viel sinnvoller wäre.

Der Open-Source-Ansatz bietet hier eine radikale Alternative. Die Idee: Technologische Infrastruktur, die für die Wertschöpfung eines Unternehmens notwendig ist, aber kein entscheidendes Alleinstellungsmerkmal darstellt, sollte nicht immer wieder neu erfunden werden. Stattdessen macht es mehr Sinn, diese Infrastruktur gemeinsam auf offenen Lösungen aufzubauen und sie kontinuierlich zu verbessern (opensource.construction 2023).

Wusstest du?
„Open Source geht es nicht darum, Geld zu sparen, sondern darum, mehr zu erreichen und kontinuierliche Innovation mit dem begrenzten Budget zu bekommen, das man hat.“ Dieses Zitat von Jim Whitehurst, ehemaliger Präsident von IBM und CEO von Red Hat, ist das Motto der Initiative (opensource.construction 2023).

Drei Säulen der Arbeit

Um diese Vision zu verwirklichen, konzentriert sich opensource.construction auf drei Hauptaktivitäten (opensource.construction 2023):

Kommunikation & Verständnis: Über die Website und soziale Kanäle wird das Potenzial von Open Source für die Bauindustrie greifbar gemacht. Ein Tech Radar zeigt die Open-Source-Landschaft entlang der Bau-Wertschöpfungskette. Projektgeschichten erzählen von erfolgreichen Umsetzungen. Und ein „Blackboard“ ermöglicht es, Fragen rund um Open Source zu stellen.

Events & Vernetzung: Hackathons sind das Herzstück. Hier kommen AECO-Profis (Architektur, Ingenieurwesen, Bau, Betrieb) mit Tech-Leuten zusammen – und entwickeln in intensiven Wochenenden konkrete Lösungen. 2024 fanden Hackathons an der TU München und der ZHAW Zürich statt, 2025 folgte ein weiterer an der TUM (LinkedIn 2024). „Was ist das beste Format, um AECO-Profis mit Tech-Leuten zusammenzubringen? Ein Hackathon!“, heißt es in der Ankündigung (LinkedIn 2024).

Projektförderung: Das eigentliche Ziel: Aus Ideen konkrete Lösungen werden lassen. opensource.construction stellt als Anschubhilfe die technische und organisatorische Infrastruktur bereit, die für firmenübergreifende Projekte nötig ist. Und hilft beim Zugang zu Fördermitteln (opensource.construction 2023).

Was bisher entstanden ist

Die Liste der Projekte wächst. Besonders weit ist OpenMaterialData – ein Projekt, das als Gedankenexperiment begann und heute kurz vor der Finanzierungsrunde steht. Ziel ist eine offene Datenumgebung für Materialdaten, die die Branche dringend braucht (LinkedIn 2023). Ein weiteres Projekt beschäftigt sich mit einem Open-Source-Studienauftrag für Architekturwettbewerbe – ein Ansatz, der unterschiedliche Anforderungen und unzureichende Modellqualität eliminieren will (LinkedIn 2023).

Die Initiative ist auch in größere Zusammenhänge eingebunden. Das vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Projekt Construct-X entwickelt unter anderem auf Open-Source-Prinzipien basierte Datenräume für die Baustelle – mit Partnern wie HOCHTIEF, STRABAG und der Ruhr-Universität Bochum (Fraunhofer ISST 2025; RUB 2025).

Was bleibt

opensource.construction ist noch jung. Aber die Resonanz ist überwältigend. Beim ersten Hackathon in Zürich kamen weit mehr Teilnehmer als erwartet – ein Zeichen dafür, wie sehr die Branche nach neuen Wegen sucht (revalu.io 2024). „Unsere Branche braucht eine offene, inklusive Plattform, die die Lücke zwischen analogen und digitalen Menschen überbrückt, zwischen Bau und Technologie, zwischen großartigen Ideen und konkreten Projekten, die die Branche als Ganzes voranbringen“, sagt Maximilian Vomhof (LinkedIn 2023).

Genau das ist opensource.construction auf dem besten Weg zu werden. Ein Ort, an dem geteilt wird, statt zu horten. An dem gemeinsam entwickelt wird, statt in Einzelkämpfer-Manier. Und an dem am Ende alle profitieren – weil nicht jedes Rad neu erfunden werden muss.


Quellen:


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