„Stell dir vor, der Bohrer gehört allen“: Wie ein Dorf in Kärnten das Teilen neu erfunden hat
Es ist Samstagvormittag in Griffen, einer kleinen Gemeinde im österreichischen Kärnten. Katharina, 34, Lehrerin und Mutter zweier Kinder, will endlich das Regal im Kinderzimmer aufhängen. Nur ein Problem: Der Akkuschrauber ist kaputt. Einen neuen kaufen? Teuer und eigentlich unnötig. Also greift sie zum Handy, öffnet die App „WelLocally“ und tippt: „Akku-Bohrer gesucht“. Zwanzig Minuten später klingelt ihr Nachbar Franz, 67, an der Tür. „Hab noch einen im Keller – kannst ihn haben, solange du willst.“ Kein Geld wechselt den Besitzer. Nur ein Lächeln, ein „Danke“ und das gute Gefühl, in einem Dorf zu leben, in dem man sich noch hilft.
Was in Griffen gerade passiert, klingt nach einer kleinen Revolution – und ist doch nur die Rückbesinnung auf etwas, das früher selbstverständlich war: Nachbarschaftshilfe. Nur eben digital organisiert. WelLocally.at, gegründet von einer Handvoll Engagierter, ist eine Plattform, die Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung vernetzt, um Dinge, Räume und Fähigkeiten zu teilen. 200 Nutzer zählt die Initiative inzwischen – und das in einer Gemeinde mit knapp 3.500 Einwohnern (WelLocally.at o.J.; Kleine Zeitung 2024).
Wusstest du?
Die Idee zu WelLocally entstand aus einer einfachen Beobachtung: In fast jedem Haushalt schlummern Dinge, die nur selten genutzt werden – Bohrmaschinen, Zelte, Fondue-Sets, Bücher. Gleichzeitig gibt es Menschen, die genau diese Dinge suchen, aber nicht kaufen wollen. Die Plattform bringt sie zusammen (WelLocally.at o.J.).
Drei Säulen des Teilens
Das Konzept von WelLocally ruht auf drei Säulen, die sich gegenseitig ergänzen (WelLocally.at o.J.):
Geräteteiler: Die klassische Tauschbörse. Vom Werkzeug über Küchengeräte bis zum Kinderwagen – alles, was man nicht jeden Tag braucht, kann eingestellt und ausgeliehen werden. Die Nutzer vereinbaren untereinander Leihezeit und Rückgabe, oft läuft es über Vertrauen und manchmal eine kleine Spende für die Plattform.
Raumteiler: Wer einen Raum sucht – für Geburtstage, Proben, Treffen – findet hier Gleichgesinnte, die Platz zu vergeben haben. Das kann der Gemeindesaal sein, aber auch der private Garten oder die leerstehende Werkstatt. Besonders in ländlichen Regionen, wo Infrastruktur oft dünn ist, ein Gewinn.
Crowdfunding: Die dritte Säule ermöglicht es, gemeinsame Projekte zu finanzieren. Die neue Sitzbank am Dorfplatz, die Sanierung des Spielplatzes, das Nachbarschaftsfest – wenn viele Kleinigkeiten geben, wird Großes möglich.
Wusstest du?
„Sharing Economy“ nennt man dieses Prinzip – und es ist längst mehr als ein Trend. Laut einer Studie des Wuppertal Instituts könnten durch gemeinsame Nutzung von Gütern in Deutschland jährlich Millionen Tonnen CO₂ eingespart werden (Wuppertal Institut 2022). WelLocally bringt diese Idee ins Dorf.
Mehr als nur eine App
Was WelLocally von großen Plattformen wie eBay Kleinanzeigen unterscheidet, ist die Lokalität. Hier teilt man nicht mit anonymen Usern aus der ganzen Stadt, sondern mit den Menschen, denen man auf der Straße begegnet. Das schafft Vertrauen – und manchmal echte Freundschaften.
„Ich habe über WelLocally eine alte Nähmaschine gesucht und eine Frau gefunden, die mir nicht nur die Maschine lieh, sondern mir auch noch zeigte, wie man sie benutzt“, erzählt eine Nutzerin. „Jetzt treffen wir uns regelmäßig zum Nähen“ (Kleine Zeitung 2024).
Die Gemeinde Griffen unterstützt das Projekt – nicht nur ideell, sondern auch mit Räumlichkeiten für Treffen und Veranstaltungen. Denn sie hat erkannt: WelLocally stärkt den Zusammenhalt, fördert Nachhaltigkeit und macht das Dorf lebendiger (WelLocally.at o.J.).
Was bleibt
200 Nutzer – das klingt erstmal nicht nach einer großen Bewegung. Aber wer nach Griffen kommt und sieht, wie selbstverständlich hier Menschen Dinge teilen, Räume öffnen und gemeinsame Projekte stemmen, der versteht: Das ist keine Nische. Das ist die Zukunft des Zusammenlebens. Eine Zukunft, in der Besitz nicht mehr heißt, alles selbst zu haben – sondern Zugang zu dem, was die Gemeinschaft bereithält.
Quellen:
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Kleine Zeitung. 2024. „Teilen statt besitzen: Plattform WelLocally vernetzt Nachbarn in Griffen“. [online] Verfügbar unter: https://www.kleinezeitung.at/ [Zugriff am 16. März 2026].
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WelLocally.at. o.J. „Über uns – Die Idee hinter WelLocally“. [online] Verfügbar unter: https://www.wellocally.at/ [Zugriff am 16. März 2026].
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Wuppertal Institut. 2022. „Potenziale der Sharing Economy für nachhaltige Entwicklung“. [online] Verfügbar unter: https://wupperinst.org/ [Zugriff am 16. März 2026].
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